Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdische Statt. Nr 5. arbeit genießen zu dürfen. Schließlich möchte ich noch einein letzten Wunsche Ausdruck geben: Mögen Sie sich an die Zeit erinnern, wo wir zusammen an der Arbeit waren, und diese Zeit nicht vergessen, wie ich dieselbe nie vergessen werde." Hiermit war der offizielle Teil der Feier vorbei. Herr Bürgermeister Götel lud nun die Anwesenden ein zu einem gemütlichen Zusammensein, bei welchem noch verschiedene Ansprachen gehalten wurden, die ein beredtes Zeugnis davon ablegten, welcher Wertschätzung sich Herr Dreyfuß erfreut. Auch wir senden dem Jubilare unsere herzlichsten Glückwünsche. Möge es ihm beschieden sein, in voller Rüstigkeit noch lange zum Wähle seiner Gemeinde und seiner Mitbürger wirken zu dürfen. Aleh. In diesen Tagen, wo überall Kaisersgeburtstagsfeiern stattfinden, durfte auch das Militärhaus der Lothringer Loge nicht fehlen, die eine stattliche Anzahl von Soldaten und Logenmitgliedern vereinte, um den Geburtstag des Kaisers würdevoll zu begehen. Eine besondere Würze erhielt diese Feier durch die von patriotischem Geiste beseelte Festrede des Herrn Oberrabbiner Dr. Netter. Nach diesem offiziellen Teil schritt man zur Fidelität. Hervorzuheben sind besonders die Gesänge des Herrn Konzertsängers Loeb aus Straßburg, der einige Lieder von Schumann zu Gehör brachte und von Herrn Hans Schiff feinsinnig begleitet wurde, ferner die Leistung eines Soldaten, der im Zivilberuf Schauspieler ist und uns mit einem interessanten Melodram „Des Kriegers Traum" erfreute. Hierauf ging es zum Abendessen, das allen gut schmeckte. Daß auch eine Vlitzlichtaufnahme nicht fehlte, dafür sorgte der rührige Vorstand und besonders Herr Goldschmidt, der wie immer seine Kraft in den Dienst dieser guten Sache stellte. Samstag den 25. er. fand in der hiesigen Synagoge ein Festgottesdienst statt, dem die Spitzen der hiesigen Behörden beiwohnten. Außer der trefflichen Rede des Herrn Oberrabbiners Dr. Netter wurde der Gottesdienst durch den Gesang gehoben. Während im Elsaß zahlreiche Jugendvereine entstehen und florieren, wie öfters in diesem Blatte zu lesen ist, ist nun endgültig der Metzer jüdische Iugendbund von der Bildfläche verschwunden. Hoffentlich wird er später einmal zu neuem Leben erweckt werden, aber Metz bleibt halt Metz. O Metzer Judentum, wo sind die Zeiten hin, wo du eine führende Rolle in der Geschichte des Judentums spieltest? Sic transit g'loria mundi! K. K. Thann. Ein Bubenstreich wurde hier verübt. Das große bemalte Fenster der Synagoge wurde von einem bis jetzt noch unbekannten Täter mit einem Stein eingeworfen. Dieser wurde mit solcher Wucht geschleudert, daß er das vor dem Fenster angebrachte Schutzgitter durchschlug. Bayern. Fürlh. In seinem auf der Generalversammlung des Vereins jüdischer Kantoren und der übrigen Kultusbeamten gehaltenen Vortrag: Neginjoth hataamim führte Herr Kantor Krämer- Ansbach zunächst aus, daß stets der jüdische Gottesdienst eine Ergänzung aus der Welt der Töne gefunden hatte. Im Gesänge, der jedem Volke seine Eigenart gebe, lebte sich auch das jüdische Volk aus; seine Melodien wie ein kostbares Erbgut hatte es als treuer Begleiter auf allen seinen Wanderungen. Die Motive eines solchen Volksgesanges sind unsterblich und zu diesen gehört das synagogengesangliche Motiv echt traditionellen Charakters. Der Redner brachte sodann aus Talmud und dem sonstigen jüdischen Schrifttum eine Fülle von Belegen mit zwingender Beweiskraft dafür, daß der sogenannte Trop uralter Herkunft ist. Auch über die Lehrmethode dieser Sangesart gibt bereits der Talmud Auskunft. Manche Zeichen der Neginoth sind nichts anderes als ein graphisches Festhallen der beim Lehren angewandten Hand- und Fingerbewegung. Jedenfalls hat unser Trop auch nach dem Urteil aller Kenner einen ausgesprochen jüdischen Charakter. Musikalisch zwar geringen Umfanges haben die Neginoth doch in ihren Namen schon eine Andeutung darüber, wie sie zu Gehör gebracht werden. Diese Behauptung erläutert der Redner sowohl an etymologischen Beispielen, wie auch durch musikalische Illustration. Es ist rührend, wie die melodischen Wendungen der Neginoth in den Vortrag vieler Gebete einen Eingang fanden, insbesondere an Sabbath und Feiertagen, ja auch in dem Nigun für den Vortrag des Talmud fanden sie eine liebgewordene Heimstätte. Ebenso dankbar war das jüdische Volk gegen die Melodie des Haphtara-Vortrags, welche sowohl in dem lauten Schemone Esre-Gebet des Wochentages, als auch in dem rührenden fchevikin des Kol-Nidre wiederkehrt. Und als wollte der jüdische Volksgeist sich stets ein Bild der heiligsten Stunden vor Augen halten, ließ es die feierliche Modulation der Neginoth für den Thoravortrag an Neujahr und Versöhnungstag wiederklingen in den Benediktionen des Schemagebetes im werktäglichen Gottesdienst morgens und abends. Was wunder, daß auch Gebetsstücke des Versöhnungstages selbst von derselben Melodie getragen sind, so z. B. das Malchuso bikhal. Doch auch der Eicha-Melodie ward gleiches Geschick zuteil; sie kehrt wieder im Vortrag des mo ofchiv, min hamezar, des Mi scheberach am Sabbat; geht man aber zur Parallel-Tonart in k-ckur, so klingt die Echa-Melodie wieder — in dem Hikowzu malochim an Simchas Thora!! Ferner, berührt man die Oktave, so geht Echamelodie über in Esthermelodie. Durch Notenbeispiele zeigt sodann Redner weiter die Verwandtschaft der im Osten heimischen Schirhaschirim-Melodie. Der Vortrag klang aus in der Betonung der Notwendigkeit einer auf Tradition und Kunst beruhenden Ausbildung des Chason. In dem reichen Beifall, welchen der Vortrag auslöste, gab sich die Begeisterung kund, die sich stets dann offenbart, wenn man einem Volk fein Bestes zeigt, die Einheit aller Lebenserscheinungen in einer festgefügten Tradition. Nürnberg. Am Sonntag, 2. Februar d. I. hält der Verein der Kantoren und übrigen Kultusbeamten in Bayern seinen ersten Fortbildungskurs in Nürnberg, Essenweinstraße, von nachmittags 2—6 Uhr, ab, unter Direktion der Herren Krämer-Ansbach und Neufeld-Nürnberg. Da es sich für die erstmalige Zusammenkunft um Stimmproben, Vorübungen und Besprechungen mannigfachster Art handelt, so wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen von Festsetzung eines Programmes im voraus abgesehen. Die vorläufige Zahl der gemeldeten Teilnehmer beträgt zwölf. Der guten, wichtigen Sache ein zelach-rechav als Geleitgruß! Protestversammlung gegen die Richtlinien. (Schluß.) Nürnberg. Das feindurchdachte, in seiner strengen Sachlichkeit sehr wirkungsvolle Referat wurde mit langanhaltendem Beifall ausgenommen. Nachdem die Beifallsbezeugungen aufhörten, erhielt Herr Distriktsrabbiner Dr. Kohn das Wort zu seinem Thema: „Was sagen wir zu den Richtlinien?" Nach einigen einleitenden Bemerkungen führt der Referent etwa folgendes aus: Die Frage lautet, was sagen wir zu den Richtlinien und nicht, was sagen wir zu den Verfassern der Richtlinien. Wir bedauern die Richtlinien, die die letzte Hoffnung auf eine Rekonzilation der Anschauungen zerstören. Die Richtlinien verdienen ihren Namen nicht, denn es fehlt ihnen selbst die Richtlinie, das einheitliche Prinzip. Aber eines sind die Richtlinien, eine religionsgeschichtliche Tatsache, also