Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052162--0097-9052164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■"VsÖrtlhÄjrttFft:’ 2 Das jüdische Klatt Nr. 5. führt das Menschenherz zu Gott empor, das Recht tut noch mehr, es führt zu Gott und es kömmt von Gott und eint die Menschen. Klar und sicher erhebt sich das sittliche Recht nur auf dem festen Boden der Gottesfurcht. Modern ist diese jüdische Anschauung nicht. Die geschichtliche Entwickelung scheint sie auch Lügen zu strafen. Denn erst mußte die Macht der Kirche gebrochen werden, bis das moderne Recht seines Siegeslauf durch die Welt antreten konnte. Der große Fortschritt wird gerade in der Trennung von Recht und Religion erkannt. Aber im Grunde ist es doch die Bibel gewesen, die dem modernen Recht die Bahn frei gemacht und ihm die rechte Schwungkraft verliehen hat. Biblische Lehren und Grundsätze waren es, die die bibelfesten Puritaner in England begeisterten und befähigten, das Parlament in London aufzurichten. Auf diesem freien Boden Englands schöpften später die Ideen der großen französischen Revolution ihre lebendige Kraft, schlugen, von feurigen, begeisterten Männern getragen, in Frankreich ein, wühlten ein ganzes Volk auf, stürzten die Tyrannei und hoben die Gerechtigkeit und das Recht auf den Thron. Ein neues blendendes Ideal des Rechts wurde für die Welt aufgerichtet, das Recht der freien menschlichen Persönlichkeit. Man vergißt aber zu gern, daß dieses Recht der freien menschlichen Persönlichkeit das Recht der Bibel, das Recht Gottes ist. Uebrigens gibt es anch ein Bindeglied zwischen Recht und Religion: die Moral. Das Recht muß mit der Moral übereinstimmen. Die Moral wird der Adelsbrief des Rechts. Ihren ausreichenden Grund, ihre unabweisliche Verpflichtungskraft, ihre ewig sich verjüngende Quelle zieht aber die Moral nicht aus dem Volksenlpfinden oder aus der Natur, sondern allein aus Gott. Somit ist schon durch das Mittel der Moral das Recht auf Gott gegründet. Geheiligt wird das Recht durch die Religion in der Anrufung Gottes als Zeuge und Richter der Wahrheit, im Eid. Durch seinen göttlichen Ursprung gewinnt das Recht eine majestätische Erhabenheit, die sich auf den wahren Richter beim Rechtsspruch überträgt. Er fühlt sich über das Gemeine erhaben. Die Ahnung steigt in ihm auf, daß er durch Wiederherstellung des Rechts eine Genosse Gottes wird, berufen, die Welt der Gerechtigkeit und des Friedens zu erbauen und zu erhalten. Es gibt kein höheres Ideal, keinen reicheren Lohn. - - Zwei Winitleröriefe. (Griechenland, Bulgarien und die Juden.) Wie berechtigt die Zurückhaltung der Juden gegenüber den Griechen bei deren Einzug in Salonik gewesen ist, haben die Exzesse bewiesen, die seit dem Einzug der griechischen Armee von den Griechen gegen die Juden in Salonik ins Werk gesetzt wurden. Frauen wurden nicht geschont, Gotteshäuser wurden geplündert, wehrlose Bürger von griechischen Soldaten auf offener Straße angegriffen und beraubt, krirz es hat sich der 70 000 Seelen zählenden Judengemeinde in Salonik eine tiefe Unruhe bemächtigt. Um die öffentliche Meinung in Europa über die aller Zivilisation hohnsprechende Haltung der Griechen in Salonik hinwegzutäuschen, hat man sogar den Text eines Briefes des Oberrabbiners R. Meir an die griechischen Behörden in einein den Griechen günstigen Sinne gefärbt. Jetzt ist scheints zwar die Ruhe wieder hergestellt, aber wie in dem Artikel über Salonik in dieser Nummer ausgeführt wird, sind die Juden in Salonik jedenfalls in ihrer Existenz erschüttert. Unter dem türkischen Regiment ging der Handel hauptsächlich durch ihre Hände, da die Türken entweder' zum Heere gehören oder Landwirtschaft betreiben, dem Handel dagegen abgeneigt sind. Die Griechen dagegen sind sehr gewiegte Handelsleute und mit allen mit dem Schiffsverkehr verbundenen Arbeiten vertraut, in ihnen erwachsen daher den Juden, die bisher den Handel vollständig beherrschten, gefährliche Konkurrenten. Da die griechischen Geschäftsleute offenbar den wirksamen Schutz der griechischen Regierung erhalten werden, wird ihnen, wenn die jetzigen politischen Besitzverhältnisse nicht verändert werden, die Aufgabe wesentlich erleichtert, die Juden allgemach aus den Jahrhunderte lang von ihnen besetzten Positionen zu verdrängen. Man kann es daher nur zu leicht würdigen, daß die Juden in Salonik der Entwicklung der Dinge mit sehr gemischten Gefiihlen entgegensetzen. Unter diesen Umständen ist wenigstens die Tatsache freudig zu begrüßen, daß der jetzt in London weilende Ministerpräsident von Griechenland, Venizelos, die bündigste schriftliche Erklärung an das in London erscheinende Iewish Chronicle gegeben hat, daß die Juden in Salonik die vollste Gleichberechtigung genießen werden. Dieser Brief Venizelos ist vielleicht ein historisches Dokument. Angesichts des politischen Interesses, das er beansprucht, geben wir ihn hier in wörtlicher Übersetzung wieder: Brief des Bünifterpräjidensen venizelos an den Iewish Chronicle, London. In Beantwortung der Frage, die Sie mir vorgelegt haben, kann ich Ihnen in aller Form versichern, daß die Juden, die die Gebiete bewohnen, die infolge des Krieges, an Griechenland fallen werden, die vollkommenste Freiheit und Gleichberechtigung, überhaupt alle den griechischen Bürgern gewahrten politischen und bürgerlichen Rechte genießen werden. Die griechische Verfassung wird ipso furo in den genannten Gebieten nach deren Annexion mit Griechenland eingeführt werden. Bei diesen soeben ausgesprochenen Grundsätzen, die ausnahmslos angewendet und der angeborenen Vorliebe des griechischen Volkes für liberale Einrichtungen entsprechen, wird diese Verfassung allen, ohne die geringste Ausnahme, den Genuß der gleichen Rechte und der Gleichberechtigung vor dem Gesetze und selbstverständlich die Gewährleistung der ungehinderten Religionsübung und des Schutzes aller nationalen Ueberlieferungen ohne Unterschied der Rasse und der Religion sichern. London, 5./18. Januar 1913. E l e u t e > i o s K. Venizelos. Soweit die offizielle Garantie der griechischen Regierung. Es wird abzuwarten fein, wie weit die griechischen Volksmassen sich diesen schönen politischen Grundsätzen der Regierung anpassen werden. Aussichtsreicher ist die Lage derjenigen Juden, die nach dem Kriege berufen sein werden, in den bulgarischen Untertanenverband einzutreten. Die bulgarische Bevölkerung pflegt in ihrer großen Mehrheit die Landwirtschaft, während die Juden durch ihren Handel den Erzeugnissen des Bodens den Absatz vermitteln. In dieser Hinsicht hat der Hauptdelegierte Bulgariens bei der Friedenskonferenz in London, Dr. D a n e f f, interessante sachliche Auskünfte gegeben. Er fand Worte vollster Anerkennung für die patriotische Betätigung der bulgarischen Inden. Wir brauchen die Juden, sagte er dem Vertreter des englischen Blattes, weil sie unseren nationalen Handel vermitteln. Sie sind nicht Börsenjobbers, sondern Handelsleute im besten Sinne des Wortes. Wir brauchen nicht nur die Juden, sondern wir können ohne sie nicht auskommen. Besonders können wir sie jetzt nicht entbehren, weil ihnen die Aufgabe zufällt, den wirtschaftlichen Wert unserer neuen Gebiete zu erhöhen und den kriegerischen Erfolg der Bulgaren wirtschaftlich auszunützen. In bezug auf die Juden, sagte er, ist unser Gewissen rein, und ich hoffe, daß