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Das jüdische Blatt · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · p. Seite 7

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4. Das jüdische Statt 7 Der Generalreferent Dr. Seligmann sage ausdrücklich, der Grundsatz von der Entwicklung sei nicht positiv genug, es fehle ihm die Werbekraft. Das hatten die Richtlinien-Rabbiner erst von ihren Gegnern vernehmen müssen, die ihnen in herber Kritik vorwarfen, daß der Grundsatz von der Entwicklung nur negativ, d. h. auflösend wirke. Das hätten aber Religionsstifter selbst voraussehen müssen. Der Grundsatz von der Rückkehr zum prophetischen Judentum, der daneben aufgestellt wurde, wiewohl er doch logisch unvereinbar sei mit dem Grundsatz der Entwicklung, sei jetzt umgedeutet worden, sicher auch unter der Wucht der gegnerischen Kritik, die darauf hinwies, daß Thora-Judentum und prophetisches Judentum sich nicht unterscheiden. Die Liberalen verstehen jetzt darunter nur das allgemein Menschliche in der Thora. Die Richtlinien brächten aber noch neue Prinzipien, so z. B. die Scheidung zwischen objektiver Religion und subjektiver Religion. Diese Scheidung bei der subjektiven Religion sei geradezu identisch mit Willkür, sei durchaus lächerlich und nur zu dem Zweck geschaffen, um den Rabbinern der liberalen Vereinigung über die schwere Verlegenheit hinweg zu helfen, daß sie selber auf Grund des Gesetzes der Entwicklung alles positiv Religiöse schon jetzt zum guten Beispiele für die Laien abstreifen müßten, während sie selber das erst als den idealen Zustand der Zukunft ansehen. Die Scheidung zwischen ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundforderungen einerseits und geschichtlich bedingten Anschauungsformen andererseits, ist gleichfalls willkürlich. wenn wir bedenken, daß selbst der Sabbat des Dekalogs unter die geschichtlichen Anschauungsformen eingeordnet wird. Alle diese Prinzipien in buntem Wechsel — dabei auch dazwischen wieder das Gesetz der Entwickelung, das doch abgetan war! — treten in den Richtlinien auf und es zeigte sich so, daß ein festes, unwandelbares Prinzip den Richtlinien absolut fehlt; daß ihre Schöpfer es nicht vermocht haben, an Stelle des einheitlichen Charakters des offenbarten Judentums ein einheitliches gedankliches Prinzip zu setzen. Roch von einem weiteren Prinzip, seien die Richtlinien gleichfalls beherrscht, nämlich von dem Prinzip der Angleichung der Lehre an das Leben, der alte Satz Abr. Geigers. Allein auch damit haben die Richtlinien ein Fiasko gemacht; denn die Laien in Posen haben den Ausgleich zwischen Lehre und Leben auf Grund der Richtlinien für sich verneint. Das allerneueste Prinzip der Richtlinien aber ist das der Scheidung des Wesens von der Form, das direkt als leitender Gedanke der Richtlinien bezeichnet wird. Aber auch dieser alte Grundsatz der Reform ist nicht einheitlich durchgesührt. Es herrscht eben in den Richtlinien geistige Verlegenheit, Willkür, Planlosigkeit. Es herrscht in ihnen aber auch Zweideutigkeit und unbegreifliche Unklarheit. Wir brauchen da nur an die „Konstatierung der geschichtlichen Religion" zu denken, um „die von der Vorsehung Israel gestellte Aufgabe, seine Religion in ihrer Reinheit zu erhalten". Wer hat denn diese Mission dem liberalen Judentum mitgeteilt, wenn es jede göttliche Inspiration ableugnet, wenn es erklärt, daß der Ausdruck „und Gott sprach", nur die Einbildung bezeichnet, der glaubte, Gott habe zu ihm gesprochen? Auch der Ausdruck „heilige Schrift" bedeute in den Richtlinien in absichtlicher Vieldeutigkeit etwas anderes, als das, was die Welt, was das gläubige Judentum darunter verstehe. Der Referent weist die Aufstellung des Festhaltens an dem einheitlichen Judentum als absurd zurück, nachdem man das geschichtliche, einheitliche Judentum durch Zertrümmerung seiner Grundlage in Stücke geschlagen habe. Er wirft den Vätern der Richtlinien mangelnde Voraussicht vor, die Tatsache, daß sie den Erfolg und die Tragweite ihrer Handlungen nicht vorausgesehen hätten. Rur so läßt sich die Seligmannsche Erklärung der gewollten Einigung mit dem konservativen Judentum verstehen, auch in ihrer späteren Abschwächung, wonach sich die Erklärung nur auf die Ehe-Gesetze bezogen hätte. Der Referent belegte seine sämtlichen Behauptungen mit den Aeußerungen der Hauptvertreter des liberalen Judentums und dessen Zeitschrift und sprach darum die Erwartung aus, daß seine objektiven Ausführungen auch ohne jede Ermahnung ihre Wirkung aus die Versammlung nicht verfehlen werden. Der Erfolg der Richtlinien d. h. ihr Schicksal ist für ihn im 91. Psalm ausgesprochen. Ihr Ansturm gegen Gott, gegen das Wort Gottes ist hinfällig. Nur die wahren positiven Zeugnisse Gottes in der Thora werden Bestand haben. (Schluß folgt.) Nürnberg. Eine Vertretung des orthodoxen Revisionsvereins wurde am 16. Januar 1913 bei Sr. Exzellenz dem Herrn Kultusminister in Audienz empfangen. Würzburg. Wir spüren noch nichts von den Vorbereitungen zur Aufhebung des Schw. Ch. Saden. Mannheim. Der jüdische Jugendbund, von dessen Gründung wir jüngst kurz berichteten, hat sich jetzt definitiv konstituiert. Erster Vorsitzender ist Rechtsanwalt Max Kaufmann, der zweite Vorsitzende Julius Löffler, Beisitzer die Herren Rechtsanwalt Simon Rothschild, R. H. Weißmann und Jakob Rosenthal. Diesem Vorstande steht ein weiteres Komitee zur Seite, das sich aus allen Gesellschaftskreisen rekrutiert und demnächst mit einem Ausrufe an die Gemeindemitglieder herantreten wird, das Unternehmen ideell und materiell zu unterstützen. Auch ein öffentlicher Vortrag ist in Aussicht genommen, indem Herr Dr. Gustav Löffler, der Vorsitzende des Vereins Montefiore in Frankfurt, über die Zwecke und Ziele der Jugendbewegung sprechen wird. Wie wir hören, sind schon eine große Zahl aktiver und passiver Mitglieder dem Verein beigetreten. Mannheim. Nachdem Herr Meyer-Picard vor einiger Zeit der jüdischen Gemeinde in hochherziger Weise einen Platz zur Errichtung eines neuen jüdischen Krankenhauses zur Verfügung gestellt hatte, sind jetzt Sammlungen im Gange, um die Baukosten zu erleichtern. Hoffentlich werden sie bald die nötige Höhe erreichen, denn drs bisherige Kranken- und Pfründnerhaus ist längst zu klein und liegt mitten in der geräuschvollen Stadt. Mannheim. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach vergangenen Montag vor zahlreicher Zuhörerschaft Herr Dr. Poritzky, Schriftsteller aus Berlin, über Maxim Gorkim und feine Beziehungen zum Judentum. Der Redner, der Gorkis Werke durch und durch kennt und selbst mit ihm bekannt war, schilderte zunächst ausführlich den interessanten Werdegang dieses russischen Dichters, charakterisierte seine Werke, um dann auch seine Beziehungen zum Judentum zu beleuchten. Wegen seines freimütigen Eintretens für die Juden seines Vaterlandes wurde er wiederholt ins Gefängnis geworfen; er hat trotzdem die schmachvollen Progrome in der schärfsten Weise gebrandmarkt, besonders in dem Brief „Ich protestiere". Diese Vorgänge gaben ihm auch Veranlassung zu einem Drama „Die Juden", aber er verbrannte das Manuskript, nachdem er schon zwei Akte vollendet hatte, weil man ihm andeutet, daß die Veröffentlichung nur Anlaß zu noch größeren Greueltaten gegen die Juden geben würde. Der glänzende Redner fand herzlichen Beifall. Mannheim. Der verstorbene Kommerzienrat Dr. Karl Weyl hat in seinem Testament dem Wohltätigkeitsverein Bikur Cholim 10 000 Jl und dem Israelitischen Hospitalfonds 3000 -kl zugewendet.

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