Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Das jüdische Statt. 3 Die bisherigen „Entwürfe", in der Parteien Haß und Gunst geboren, berücksichtigen diese Erwägungen nicht. Wir möchten dem dieses ideale Gut als wirksames Motiv entgegen halten. Brief vom Lande. LIV. Ui, ui, ui, da habe ich es aber mit meiner hochgeschätzten Frau Nachbarin gründlich verdorben. Natürlich bin ich im Unrecht. Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Aber erzählen will ich Ihnen wenigstens, wie das gekommen ist, denn man kann nicht wissen .... Also, das liebwerte Söhnchen meiner liebwerten Frau Nachbarin hat da zu Neujahr kein besonders glänzendes Zeugnis bekommen. „Nebbich", meinen Sie: „Da wird es wohl eine eigenartige Landkarte auf dem Rücken des jungen Mannes gegeben haben." I wo, Sie sind gründlich auf dem Holzwege. Denn meine liebwerte Frau Nachbarin hat da eine ganz geniale Methode erfunden. Auf einmal kommt heraus, daß an alle dem unser Lehrer schuld ist. Eine Zeit lang hörte ich dieses Gezeter ziemlich geduldig an (bewundern Sie mich, bitte), dann aber merkte ich allmählich, daß eine Art Methode hinter der Sache steckte, welche mit der Zeit unserer Gemeinde die Freude an ihrer Schule verekeln sollte. Da brach ich aber los: „Hören Sie mal, liebwerte Frau Nachbarin, jetzt wird's mir zu bunt. Als Ihr erster Sohn ein gutes Zeugnis mit nach Hause brachte, da hörte ich gar nicht, daß dies das Verdienst unseres Lehrers sei. Da hörte ich nur von der Genialität Jhrers Herrn Sohnes. Vielleicht haben Sie jetzt auch einmal die unendliche Güte, einmal darüber nachzudenken, ob nicht auch jetzt etwas „Schuld" in der Veranlagung oder Arbeitsbetätigung Ihres Sohnes liegt. Ich muß Ihnen schon sagen, Ihr Geschimpfe geht mir auf die Nerven, weil es imgerecht und kleinlich ist, bei aller Hochachtung vor Ihrer Fähigkeit, pädagogische Leistungen zu würdigen." So ungefähr redete ich und redete ich; als ich aber die Augen erhob, war die liebwerte Frau Nachbarin verschwunden. Seitdem erwidert sie meinen Gruß nicht mehr. Was man doch alles aussteht als Rosch Hakohol. Kestrede des Direktors Dr. Zieitchenfeld anläßlich des 50 jährigen Jubiläums der israelitischen Realschule in Fürth. (Schluß.) Was Dr. Dessau in den letzten Jahren seiner Amtsführung noch viel Sorge machte, war sein vergebliches Bemühen, gegenüber der Forderung nach vollkommen gleichartiger Ausgestaltung der realistischen Mittelschulen so manche Eigenart der Bürgerschule zu wahren. Nach Erlaß der Realschulordnung von 1894 wurde von der hohen Aufsichtsbehörde eine möglichst vollständige Anpassung der privaten Realanstalten an die staatlichen Mittelschulen gewünscht. Da gab es nun so manche Eigenheiten der Bürgerschule, wie die größere Anzahl der deutschen, die anderweitige Verteilung der französischen Stunden und die längere Ausdehnung des Schönschreibeunterrichts, die Dr. Dessau und sein Lehrerkollegium nicht gern missen mochten. Besonders schwer wurde es ihm, die Zahl der hebräischen Stunden, auf die die Schule und die Eltern der Schüler so großen Wert legen, mit Rücksicht auf eine befürchtete Ueberbürdung der Schüler herabzumindern. So war Dr. Dessau ständig bemüht, den beiden von den Schulen erstrebten Zielen, der jüdisch-religiösen und der allgemeinmenschlichen Bildung, durch emsige unverdrossene Arbeit gerecht zu werden, dem eigenen Gewissen und den Forderungen der Zeit in gleicher Weise Genüge zu tun. Im Verein mit tüchtigen, arbeitsfreudigen Kollegen ist es ihm gelungen, die altbewährten Prinzipien der Anstalt zu Ehren zu bringen und ihr zugleich als einer wahrhaft modernen Bildungsstätte Anerkennung und Ansehen zu verschaffen. Nur schweren Herzens entschloß sich Dr. Dessau 1898, von der ihm liebgewordenen Anstalt zu scheiden, für die er in 25jähriger Tätigkeit seine ganze Kraft eingesetzt hatte. Er brauchte durchaus nicht aus Schwäche das Banner sinken zu lassen, das er so lange hochgehalten. Nur seine peinliche Gewissenhaftigkeit ließ ihn befürchten, daß auf die Dauer seine Kräfte der Aufgabe der Schulleitung nicht mehr gewachsen sein würden. Bei seinem Abschied sprach er in schlichten, bescheidenen Worten die Hoffnung aus, daß seine Arbeit, so reich an Mühe und Sorgen, nicht ganz ohne Erfolg und das in der Bürgerschule herangebildete Geschlecht den daselbst empfangenen Lehren treu bleiben werde. Auch wir wollen hoffen, daß die zahlreichen Männer, die einst von ihm unterwiesen wurden und wertvolle Anregungen für das Leben von ihm und seinen Mitarbeitern empfangen haben, den Geist, den Dr. Dessau in die Anstalt eingepflanzt, hier in Fürth oder wo sie sonst weilen, weiter erhalten und pflegen und der Bürgerschule ihre Anhänglichkeit stets bewahren werden. Die ruhigere und ungestörtere Entwicklung, die Dr. Dessau der Bürgerschule gewünscht hatte, trat allerdings nach seinem Abgang von der Schule nicht ein. Vielmehr waren die unmittelbar folgenden Jahre eine Zeit der Unruhe und der Veränderungen. Nur 1 v* Jahre wirkte sein Nachfolger Dr. S t e r n an der Anstalt, und auch in den Lehrkräften trat gerade zu dieser Zeit mehrfacher Wechsel ein. Aus dieser Zeit stammt die neue Benennung der Schule her, indem auf Dr. Sterns Antrag vom Hohen Ministerium gestattet wurde, daß die Israelitische Bürgerschule den Namen „Israelitische Realschule" annahm. Die stellvertretende Leitung der Anstalt führten dann je einige Monate hindurch der damalige Anstaltslehrer Prof. Dr. Kurz und unser jetziger ältester Kollege Prof. Dr. S. H e r z st e i n. Im Lause der letzten 12 Jahre, in denen ich die Ehre habe, an der Spitze der Anstalt zu stehen, traten manche neue Aufgaben und Anforderungen an unsere Schule heran. Namentlich mußte der Lehrplan, abgesehen vom Religionsunterricht, vollständig dem der staatlichen Religionsschulen angepaht, die Lehrmittelsammlungen mußten auf geographisch-historischem und auf naturwissenschaftlichem Gebiete bedeutend erweitert und die Wahlfächer mehr als früher berücksichtigt werden. Neu hinzu kamen in der letzten Periode die Jugendspiele, die eine wichtige Ergänzung des Turnunterrichts bilden. Das seit 1911 eingeführte Turn- und Spielfest der Mittelschulen hat nicht wenig dazu beigetragen, das Interesse für die turnerischen Uebungen, sowie für Spiel und Sport bei der Mittelschuljugend überhaupt und speziell auch bei den Schülern unserer Schule zu fördern und zu heben. Eine andere wichtige Neuerung der letzten Jahre waren die Schülerübungen, die dem Schüler Gelegenheit geben, bei den physikalischen und chemischen Experimenten sich selbständig zu betätigen und dadurch die Methoden der physikalischen Forschung und die einfachsten chemischen Vorgänge an einzelnen Beispielen erkennen und verstehen zu lernen. Die Opfer, die für die Einrichtung des Schülerlaboratoriums gebracht werden muhten und von unserm Kuratorium in richtiger Würdigung der hohen Bedeutung dieser Uebungen gern gebracht wurden, werden durch das erhöhte Interesse der Schüler an exakten naturwissenschaftlichen Arbeiten aufs schönste belohnt. Die äußeren Verhältnisse der Lehrer wurden in diesem Zeit-