Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Statt - Nr. 4. 2 > unsere Väter die Scheiterhaufen bestiegen haben! Dies dürfen die jüdischen Gemeinden nicht. Sie müssen erklären: *) Wir wollen die überlieferte jüdische Lehre als Grundlage des jüdischen Lebens fe st gehalten wissen und erblicken darin die Voraussetzung für den dauernden Be st and des Judentums. Aber ein Richtlmienmann unterfängt sich, die Gemeinden gruselig 311 machen — mit dem Worte: Trennungsorthodoxie. Trennunsorthodoxie! Brr! Wem geht bei diesem bösen Worte nicht ein Schaudern durch Mark und Bein, denkt er. Aber ihr ehrbaren jüdischen Gemeinden, ihr seid doch keine Kinder, daß ihr euch durch hetzerische Kunststückchen darüber täuschen laßt, daß die Richtlinien aus dem Judentum hinausführen. Finden sich nicht gerade in der Trennnngsorthodoxie Führer, die ihr verehret, weil sie Lernen, Lehren und Halten der Thora zu ihrer Lebensaufgabe machen, Männer, die mit Gut und Blut einstehen für unsere ehrwürdigen Ueberlieferungen, Männer, auf die wir stolz sein können, weil sie unseren alten mit Blut besiegelten Bund gegen die Stürme der Zeit aufrecht erhalten, Männer, um die wir die Trennungsgemeinden beneiden dürfen, weil solche in unserer Mitte immer seltener werden, Männer also, deren Ruf ihr in dieser Sache mit Ehren folgt, denen ihr euer religiöses Vertrauen schenkt! Weil sie von solchen charakterfesten Männern befürwortet wird, wird die Erklärung doch gewiß nicht schlechter, die Erklärung gegen die Richtlinien, die sich vermessen, die Axt gegen den festen Bau des Judentums zu erheben. Wie schlecht muß es um die Sache der Richtlinien stehen, wenn ihr Vertreter zu dieser verrosteten Waffe greifen muß, die mit dem Worte von der Trennungsorthodoxie geführt wird. Als ob es mit den Richtlinien bloß gegen die Trennungsorthodoxie ginge! Nein, einen unseligen Kampf haben die Richtlinien entfesselt gegen alles, was uns heilig ist, gegen unsere Ueberlieferungen, gegen unsere Glaubenssätze, gegen unsere Grundgesetze. Ihr jüdischen Gemeinden, werdet ihr euch durch diese Kunststückchen täuschen lassen? Die Richtlinien haben die große Mehrheit der deutschen Judenheit in ihrem religiösen Empfinden verletzt und aufgewühlt, sie haben einen verderblichen Streit entfesselt, die Reinheit der jüdischen Ehe bedroht, schweren Kampf heraufbeschworen. Dürsten da Richtlinienmänner noch den Mut haben, zu behaupten, sie wollen die Einheit des Judentums, den Frieden der Gemeinden? Sie zerreißen das Judentum in Fetzen, wo kann da die Einheit bestehen. Die jüdischen Gemeinden, ihre Institutionen, ihre Vereine bauen sich auf dem Boden der Thora auf, die Richtlinien aber haben den Boden des Judentums verlassen, wie ist da der Friede möglich? Ihr jüdischen Gemeinden! Eben darum, weil ihr wißt, daß der Friede der Genieinden nur zu erhalten ist auf Grund der Einheit des Bekenntnisses, werdet ihr der Richtlinienreligion den Einzug in euere Mitte verwehren. Wie groß auch die Meinungsverschiedenheiten der einzelnen in religiöser Hinsicht sein mögen, darin sind wir uns alle einig, wir wollen uns alle die göttliche Thora als-die Grundlage unserer Gemeinden erhalten wissen; wir wollen vor allem, daß die Rabbiner das Bestehende e r - halten, nicht zerstören. In unseren Gemeinden ist kein Raum für die Richtlinienreligion. In diesem Entschluß darf euch, jüdische Gemeinden nichts ins Wanken bringen. Darum erkläret nur mannhaft, was ihr denket und scharet euch ge¬ *) Gedruckte Formulare, die diese „Erklärung" enthalten, sind bei unserer Redaktion gratis zu erlangen. schlossen um die ehrwürdige Fahne des Judentums, für das eure Väter gekämpft und gelitten haben und für das sie in den Tod gegangen sind. Das überlieferte Judentum, das wir von den Vätern ererbt haben, wollen wir den nachfahrenden Geschlechtern überliefern. Ihr jüdischen Gemeinden! Die Zeiten sind ernst. Es ist eure Pflicht, zu reden und euch für das überlieferte Judentum zu erklären. Euer Schweigen könnte als Zustimmung zu dem Zerstörungswerke der Richtlinienreligion gedeutet werden, mit euerem Schweigen würdet ihr nur diejenigen ermutigen, die euch euere heiligsten Güter rauben wollen. Wenn ihr diese Schuld auf euch laden wollt, aber nein! es ist ein Frevel, so niedrig von euch zu denken, ihr jüdischen Gemeinden. Ihr werdet euch nicht mit der unverantwortlichen Schuld des Schweigens belasten, ihr werdet erklären, was die Pflicht als jüdische Gemeinde von euch fordert: Wirwollendie überlieferte jüdische Lehre als Grundlage des jüdischen Leben sfe st gehalten wissen und erblicken darin, die Voraussetzung für den dauernden Bestand des Judentums. Wandlungen. m. Motto: Und Efau verkaufte seine Erstgeburt um ein Linsengericht. Wenn auch die Erregungen des Kampfes auf dem Schauplatz der Richtlinien kaum einen ruhigen Atemzug gönnen, so darf man doch die jetzt schon „alt" gewordene Frage der Revision des bayerischen Judenediktes nicht außer acht lassen. Gewiß, sie ist momentan wirklich nicht aktuell, hingegen hat sich etwas Aktuelles ereignet, welches die ganze Revisionsfrage in ein neues Licht stellt. Und als gewissenhafte Chronisten möchten wir diesen Augenblick registrieren. Es ist eine alte Erscheinung, daß wenn einmal eine breite Masse von einer gewissen cupiditas rerum novarvmi *) ergriffen wird, dieselbe das richtige Augenmaß für die objektive Bewertung des Alten verliert. Und doch ist das Judenedikt so schlecht gar nicht, es birgt Werte, die man sicher schmerzlich vermissen würde, wenn man sie nicht mehr besäße. Unsere Leser finden im Korrespondenzteil die Nachricht, daß in einer Entscheidung des V. G. Hofes bestimmt wurde, daß den jüdischen Kultusgemeinden das Präsentationsrecht für die israelitischen Elementarschulen zusteht. Wir halten das für wertvoll sowohl für die Gemeinden, als auch für den Lehrer; letzterer ist von dem erhebenden Bewußtsein getragen, der Erwählte der Gemeinde zu sein, er ist im Besitz der Sympathieen der Gemeinde, bevor er noch seine Stelle antritt. Für die Gemeinde aber ist es der bedeutsame Ausdruck ihrer Autonomie und nach menschlichem Ermessen eine Garantie des Friedens. Die Entscheidung aber beruht auf 8 33 des vielgeschmähten Judenediktes, welches geradezu ein Privilegium der Kultusgemeinden bedeutet. Auch die Entscheidung erachtet diesen Paragraphen als ein Instrument des Friedens überall da, wo mit dem Lehrerberuf religiöse Funktionen verbunden sind. Nun ist cs gar keine Frage, daß bei einem neuen Gesetze dieser Paragraph sicher fallen würde. Es ist aber ebenso sicher, daß die Kultusgemeinden mit dem Edikt besser fahren, als wenn sie die Gesetzgebungsmaschine in Bewegung setzen. Bedenkt man, welche Summe von rein materiellen Beweggründen bei dem Revisionsbegehren mitsprechen, so könnte es einem weh ums Herz werden. *) Sucht nach Neuerungen.