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Das jüdische Blatt · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Aas jüdische Matt Wt. H. Unglücklichen. Solche Greueltaten zn einer Zeit, wo die Menschen ans der höchsten Kulturstufe angelangt sein wollen. Dies in einem Lande, welches sich Kulturstaat nennt. Barbarenland sollte es heißen; denn wahrhaftig, man fühlte sich zurückgesetzt in die graue Zeit des Altertums, wo der Stärkere über den Schwächeren Rechtsgewalt hatte. Warum schweigen da die Großen, die Gewaltigen und zucken mit keiner Wimper. Ist vielleicht das Gerechtigkeit? Ist vielleicht das die Zivilisation, zu der sich die Menschheit emporgeschwungen hat? Wehe, wehe, möchte man ausrufen,' wie ein Ieremia beim Anblick der Trümmer Jerusalems. Lieber Leser! Wenn solch Unglückliche vor Deiner Türe stehen, weise sie nie von Dir. Denke Dir: Ein kalter Wintertag. Der stürmende, heulende Wind treibt die flatternden Schneeflocken wie lauter stechende Nadelspitzen durch die Lüfte. Ohne schützendes Obdach, ohne warme Nahrung und Kleidung, ohne Heimat. Wahrhaftig, man müßte ein Herz von Kiesel besitzen, sollte man da kein Mitleid empfinden. Befiehlt uns doch unsere Religion das Ausüben von Wohltaten, wie es zum Beispiel im fünften Buche Moses heißt: „Du darfst nicht verschließen Deine Hand vor Deinem dürftigen Mitbruder, sondern sie öffnen und weit austnn; ihm leihen und wieder leihen, ihm geben und abermals geben, und dies nicht verdrießen lassen Dein Herz, denn um dessentwillen wird Gott Dich segnen in all Deinem Tun!" L. Braun, Surburg. Mß und Ließe. Line Erzählung aus der Zeit der ungarischen Freiheitsbewegung. Von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) „Wer schickt die Ware?" frug der Graf gewaltsam an sich haltend. „Ich selbst, Herr Oberst." „Das ist nicht wahr!" donnerte der Graf ihm zu. „Ich bin besser unterrichtet, Lazarus ist der Lieferant. Doch das ist gleich. Ich nehme den, der sich mir darbietet. Und jetzt hören Sie, zweimal haben Sie die Frechheit gehabt, meine Pläne zu kreuzen, ich werde es verhindern, es zum dritten Male zu tun." Der Graf gab jetzt dem Offizier Befehl, mit fünf Mann den Proviant nach dem Lager zu eskortieren. Ein Reiter mußte absteigen, das Pferd dem Doktor abtreten und Platz auf dem vordersten Wagen nehmen. Der Oberst wollte mit dem Gefangenen und den Uebrigen in seinem Schlosse übernachten. „Ahnen Sie das Schicksal, das Ihrer wartet?" frug der Graf unterwegs. Jonathan gab keine Antwort. „Warum antworten Sie nicht?" fuhr ihn der Oberst an. „Was soll ich antworten?" versetzte der Doktor gelassen. „Ich sehe es wohl, daß Sie jetzt der Stärkere sind, daß Sie die Macht in Händen haben. Sie werden tun, was Sie verantworten können. Uebrigens bin ich auf alles gefaßt." „Das nenne ich mutig gesprochen", höhnte der Graf. „Wenn Sie ihre Rolle so bis zu Ende spielen, werde ich von der Meinung zurückkommen, daß alle Juden feige, kriechende Memmen sind." Jonathans Herz packte einen Moment ein Krampf. Er dachte an die Mutter, an Rahel. Aber nein, so schlecht, so undankbar konnte der Graf nicht handeln. Er wollte ihn nur schreckeil, reizeil, außer sich bringen, darum hatte er sich ihm ja ruhig in den Weg gestellt, weil er dachte, daß er ihm gegenüber gewiß nicht so handeln würde, wie gegen Lazarus und Feitel. „Nun, meiil Herr Ritter, hat das gepackt, kommt der Jude doch zum Vorschein?" begann der Oberst spöttisch, das Stillschweigen unterbrechend. „Herr Graf, es steht Ihnen frei, von mir zu denken, was Sie wollen", erwiderte der Doktor mit Gelassenheit. „Sie werden mir nur erlauben, zu widerlegen, was Sie von ben Juden im allgemeinen sagen. Juden sind nicht feige und waren es nie, das wissen Sie so gut wie wir. Sie werden es doch keine Feigheit nennen, daß ein Volk den Nacken beugt, wenn es von einer Seite die Peitsche des Edelmanns umdroht und es von der andern der Roheit und Willkür des Volkes preisgegeben ist? Glauben Sie etwa, daß im Angriff, in der Willkür, in dem Blutdurst der Mut liegt? Wenil das wäre, verdiente der Tiger auch diese Bennung. Im Ertragen liegt die Seelenstärke noch mehr die eines Volkes, als die eines Einzelnen. Denn ein ganzes Volk, selbst wenil ihm kein Weg frei bleibt, kann sich nicht durch Selbstmord töten, um der Schmach und Bedrückung zu entgehen. Und im Ertragen, im moralischen Mute, kommt kein Volk den Juden gleich. Dann noch eins. Die Geschichte lehrt, daß die Juden sich auch andern Mutes bewußt waren, als sie noch was zu verteidigen hatten, als sie noch politische Zusammengehörigkeit verband. Als sie dann vertrieben wurden, und die Jahrhunderte sie, wie einzelne Körner, bald dahin, bald dorthin verwehten, daß sie sich in der Völkermenge fast verloren, wo konnte da ihre Tapferkeit, ihr physischer Mut zum Durchbruch kommen? Ja, da man ihnen verbot, selbst Waffen zu besitzen. Natürlich mußte in dieser ewigen Bedrückung und Ohnmacht der physische Mut sich abstumpfen, verlieren, denn die Fähigkeit, die nicht in Verbrauch kommt, verdirbt und schwindet hin, wie jedes andere Ding." „Nun aber", fuhr der Doktor fort, „versucht es, befreit die so lange gefesselte Menschheit ganz, gebt uns gerechten Anteil an der Erde, Freiheit, die Ihr selbst genießt, und Ihr werdet sehen, daß der Jude seinen christlichen Brüdern an Mut nicht nachstehen wird. Gebt ihm nur etwas zu beschützen, zu verteidigen, und er wird es mit seinem Herzblut. Uebrigens zeigt auch der jetzige Krieg, daß die Juden die Waffen zu führen verstehen, und daß sie sich nicht wie Memmen verkriechen." Der Doktor hatte sich ordentlich in Eifer hineingeredet. Es war ihm ganz warm ums Herz geworden. Noch nie hatte er das Judentum so geliebt, war er mit ihm so eins, als in diesem Augenblicke. Eine Sache gewinnt meistens Wert, wenn wir sie verteidigt, wenn wir sie durch persönliches Einstellen gewahrt und gesichert haben. Bald war Jgmant erreicht und man befand sich im Schlosse. Die Dienerschaft war nicht überrascht, denn Feitel hatte sie von der Ankunft des Grafen vorbereitet. Seit zwei Stunden wartete er mit fieberhafter Ungeduld im Schlosse. Der Doktor wurde in ein dunkles Zimmer am Hinterhofe gebracht und die Türe hinter ihm fest verschlossen. Bis jetzt hatte Jonathan an die Drohung des Grasen nicht geglaubt, er hatte sie nur als augenblickliches Schreckmittel betrachtet. Als er sich aber so im Dunkeln allein und, wie es schien, in Gefangenschaft befand, da überkam ihn der Gedanke, daß es doch Ernst werden könnte. Und wie wollte der Graf die! Drohung aussühren? Doch ihn nicht heute nacht ermorden

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