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Das jüdische Blatt · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Das jüdische Statt Nr. 3. den Betrag von 2000 Franken, nach Safed 1000 Franken angewiesen. Berlin. Das Schächten im Reichstag. Die Antisemiten geben die Agitation gegen das Schächten noch lange nicht ans. Der bekannte Antisemit Dr. Werner (Gießen) hat an den Reichskanzler die Anfrage gestellt, ob ein r e i ch s g e f e tz l i ch e s Verbot des Schächtens zu erwarten sei. Darauf hat Staatssekretär L i s c o folgende schriftliche Antwort erteilt: Dem Erlaß reichsgesetzlicher Vorschriften über das betäubungslose Töten der Schlachttiere, insbesondere einem reichsgesetzlichen Verbot des Schächtens stehen grundsätzliche Bedenken entgegen, weil es sich hierbei um Fragen handelt, deren Regelung zur Zuständigkeit der Einzelstaaten gehört. Den gleichen grundsätzlichen Standpunkt hat die Reichsleitung im Jahre 1911 bei Beratung der Novelle zum Strafgesetzbuch gegenüber Anträgen eingenommen, die im Gegensatz zu dem Ziel der vorliegenden Anfrage eine landesrechtliche Beschränkung des Schächtens für unzulässig erklären wollten. Danach ist nicht beabsichtigt, ein reichsgesetzliches Verbot des Schächtens in die Wege zu leiten. Schweix. Basler Korrespondenz. Vergangenen Mittwoch veranstaltete der in diesem Semester so rührige Verein „Kadimah" (Jüdischer Jugendbund) einen Vortragsabend im großen Logensaale, der sich eines zahlreichen Besuches erfreute. Herr Dr. med. E. Wormser sprach über Arthur Ruppins Buch „Die Juden der Gegenwart". In eingehender Weise gab der Referent den Jdeengang des Verfassers wieder und veranschaulichte durch eine Tabelle den Rückgang des Judentums in den Großstädten, wo die Geburtsziffer im' stetigen Rückgänge ist und der Assimilationsprozeß riesenhafte Fortschritte macht. Während diese traurigen Wahrnehmungen bei der wohlhabenden Bourgeoisie des westlichen Europas zu machen sind, ist bis jetzt das osteuropäische Proletariat von diesem Siechtum verschont geblieben. Das gut durchgearbeitete und in gemeinverständlicher Form zum Vortrag gebrachte Referat erntete den wohlverdienten Beifall aller Zuhörer, die mit großem Interesse den lehrreichen Ausführungen folgten. Der Tendenz des Vereins entsprechend, der auf neutralem Boden steht, und die Vertreter der verschiedensten Richtungen zu Worte kommen läßt, entwickelte sich auch eine rege Diskussion. Ein Diskussionsredner trat mit Feuer für die nationaljüdischeJdeeein und sah darin einzig und allein die Lösung der brennenden Frage. Ein anderer vertrat mit Eifer die Tendenzen des g e s e tz e s t r e u e n Judentums, das in logischer Weise in erster Reihe dazu berufen sein kann, die Assimilationsflut einzudämmen. Ein dritter Fachmann behandelte die Frage vom sozial-politischen Standpunkt. Zum Schlüsse sprach der Präsident des Vereins, Herr cand. jur. Cohn, dem Referenten und den Diskussionsrednern den Dank aus und wies darauf hin, daß gerade die Kadimah der geeignetste Verein zur Aussprache über die verschiedensten Ansichten sei. Es sei bemerkt, daß die Diskussion trotz der Vertretung der extremsten Richtungen im vornehmen und streng sachlichen Tone geführt wurde. Einen schöngeistigen Vortrag verdankt das Basler jüdische Publikum dem Verein „Achdus", in dem Herr Dr. Hans A p e l b a u m über „M oderne jüdische Poesie" sprach. In gediegener Weise schilderte der Referent die Entwicklung der neuhebräischen Poesie und gab einzelne Proben, die er selbst in vollendeter Weise in deutsche metrische Verse umgoß. Er schilderte hieraus den Geist der Jargon-Dichter in so einnehmender Weise, daß mancher bedauerte, diese Sprache nicht zu beherrschen, um die herrlichen Perlen dieser Poesie im Urtext lesen zu können. Lebhafter Applaus folgte den einstündigen Ausführungen des Vortragenden. Hierauf wurden von den Herrn c;iu<l. jur. Daniel Dreyfus, stud. jur. Lehma i e r und Herrn R a ch m ü h l in talentvoller Weise und mit jüdischem Gefühle Gedichte von Rosenfeld, Feiwel, Abraham Reisen u. a. m. zum Vortrag gebracht. Die recht zahlreichen Anwesenden brachten ihren Beifall voll und ganz zum Ausdruck. Es ist wohl zu erwarten, daß das Wohltätigkeitsfest dieses Vereins. das in der nächsten Woche zugunsten der Juden am Balkan veranstaltet wird, sich eines regen Besuches zu erfreuen habeil wird. A. Frankreich. Paris. Trauung und Ehescheidung russischer Juden bilden in Frankreich immer noch eine ungelöste Frage. Rach russischem Gesetz hat beides zu geschehen durch den Kronrabbiner. Durch Beschluß des Kassationshofes wurde daher ein russisches Ehepaar, das sich in Paris scheiden lassen wollte, an die zuständige Behörde verwiesen. Als solche sahen sich nun die französischen Rabbiner an und sprachen daher Ehescheidungen aus. Die bürgerlichen Behörden weigerten sich aber, solche Scheidungen in das standesamtliche Register einzutragen Ein Ehepaar Sloutsky hatte sich auf diese Weise scheiden lassen, der Gatte hatte sich wieder verheiratet. Die geschiedene Frau, nachdem sie umsonst sich bemüht hatte, die Scheidung eintragen zu lassen, hat nun die Sache vor die erste Kammer des Seinetribunals gebracht, mit den, Antrag, die zweite Ehe als ungültig zu annulieren und den Ehegatten zu verurteilen, seiner ersten Frau lind ihrer Tochter eine Pension auszubezahlen. Der Gerichtshof erklärte nun, daß die französischen Rabbiner keinerlei gesetzliche Befugnis hätten, eine Scheidling auszusprechen, die Scheidung und also auch die zweite Ehe keine gesetzliche Gültigkeit besäße und verurteilte den Gatten, seiner ersten Frau eine monatliche Rente von 150 Fr. auszubezahlen. Die Frage ist aber noch ungelöst, wie können russische Juden tu Frankreich sich scheiden lassen? Tripolis. Die Infpeliionsreise des Oberrabbiners Dr. TNargulies. Dr. Margulies, Oberrabbiner von Florenz, hatte sich im Auftrag der italienischen Regierung nach Tripolis begeben, um die Organisation der israelitischen Gemeinden in Tripolis und in der Eyreumka zu studieren. Da er gerade am Freitag Nachmittag vor der Rhede in Tripolis ankam, blieb der Regierungsdampfer bis Samstag Abend stehen, erst nach Ausgang des Sabbat fuhr er in den Hafen ein. Dr. Margulies, Ritter des Mauritiusordens, wurde mit den höchsten Ehren empfangen. Die Spitzen der Behörden, darunter der Oberkommandierende von Lydien, begrüßten ihn. Er stattete dann den höchsten Beamten in Tripolis Besuche ab und besprach mit ihnen die jüdischen Angelegenheiten. Ueberall fand er das größte Entgegenkommen und die größte Bereitwilligkeit, die freie Religionsübung zv sichern. So hat er gleich erlangt, daß für die Juden, die in dem öffentlichen Krankenhause ausgenommen werden, eine separate Küche eingerichtet wird. In der in Florenz erscheinenden „Settimona Jtaliana" erstattet er selber Bericht über seine Reise.

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