Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdische Statt. Nr ahmenswert ist, denn das Gotteshaus zeigt Riffe und auch Löcher, was ihm und der Gemeinde nicht zur Zierde gereichen. Aber schon treten zwei Fragen auf: Soll die jetzige Synagoge repariert oder ein neues Gotteshaus erbaut werden? In letzterem Falle soll der Stadt eine Offerte bezüglich eines Tausches angeboten werden, indem die Kultusgemeinde die Synagoge der Stadt zum Zweck anderer Verwendung zur Verfügung stellt, um dafür ein Terrain zu erhalten, auf welches eine Synagoge erbaut werden soll. Schon zirkulieren Gerüchte für die alte Sparkasse. — Für die infolge des Krieges in den Balkanländern notleidenden Juden hat eine hiesige Kollekte 1098 <i( ergeben. Colmar Das oberelfäffifche Konsistorium versendet soeben an die Rabbiner des Bezirks folgendes Zirkular: „Auf Grund des Artikels 56, Absatz 2, der Königlichen Ordonnanz vom 25. Mai 1844 hat das israelitische Konsistorium des Oberelsaß in der Sitzung vom 6. d. Mts. folgendes beschlossen: 1. Die Herren Rabbiner werden ersucht, mindestens zwei- bis dreimal im Jahre den israelitischen Religionsunterricht in den Gemeinden ihres Rabbinats zu revidieren. 2. Alljährlich in: Monat Januar ist ein Revisionsbericht dem Konsistorium vorzulegen unter Angabe der Tage, an welchen die Revisionen vorgenommen worden sind. 3. Der Bericht für das Jahr 1912 ist noch im Laufe dieses Monals dem Konsistorium einzusenden. 4. In allen Fällen, wo sich bezüglich des Religionsunterrichts ein besonderer Notstand ergibt, ist dem Konsistorium hierüber sofort zu berichten. 5. Die Herren Rabbiner werden dringend gebeten, diese Anordnungen aufs genaueste auszuführen." Hagenau. Am Sonntag fand die Generalversammlung des Jugendbundes statt, bei der der Jahresbericht erstattet und eine neue Vorstandswahl vorgenommen wurde. Die Anzahl der Vorstandsmitglieder wurde infolge der erhöhten Mitgliederzahl von fünf auf sieben erhöht. In der geheimen Wahl wurden die bisherigen Mitglieder fast einstimmig wiedergewählt. Neugewählt wurden die Herren Theophil Metzger und Bernard Levy. Das Gedeihen unseres Jugendbundes zeigt, was eine gute Organisation zu leisten vermag. M. W. hayingen.*) lieber die jüdischen Gemeinden von Elsaß schreibt sich mancher Lehrer die Finger wund: über die von Lothringen sickern spärlich die Nachrichten durch die Zeitungen. Es ist tief zu beklagen, daß das altjüdische Leben in Lothringen völlig hinschwindet. Der oberflächliche Beurteiler findet für solche Erscheinungen stets die ihm beliebte Formel: Im 20. Jahrhundert fällt es äußerst schwer, Jude zu sein! Der genaue Kenner der jüdischen Psyche mißt diesem leeren Geschwätz keine Bedeutung bei. Das Judentum ist für ihn nirgends tot, höchstens scheintot an einigen Plätzen. Man braucht nur die latenten Kräfte zu wecken, zu schulen und zu sammeln, um das alte Judentum wieder ausleben zu lassen. Einen Beleg hierfür bietet zunächst die aus wohlhabenden Kaufleuten bestehende Gemeinde Hayingen. Am 8. Dezember wurde von Herrn Paul Teitelmann im festlich beleuchteten Saale des Terminus eine Chanukkah-Feier veranstaltet. Bon allen Windrichtungen strömten Gäste herbei. Ein Kranz holder Jungfrauen verlieh dem Feste einen besonders feierlichen Ton. Nach einer tief empfundenen herzlichen Ansprache des Herrn Braun sang Herr Teitelmann mit seiner sympathisch ansprechenden Stimme das Gebet aus Mendlessohns „Elias". Ganz umstrickend und hinreißend klang die Stimme beim Intonieren der Brochaus vor dem Anzünden der Chanukkahlichter. Wie ein Mann erhob sich das gesamte Publikum und sang hochbegeistert, unter Begleitung von Jnfantrie-Musik, das Moaus zur j' fchuossi. Eine weihevolle Stimmung bemächtigte sich aller Anwesenden. Mit inniger Wärme und großem Verständnis *) Verspätet eingetroffen. wurde sogleich das reizende <', <lni-Trio von Haydn zu Gehör gebracht. Die Violinpartie lag in sicheren Händen des Herrn Musikmeisters Püchle, Herr Paul Teitelmann spielte mit Geschick die Ccllostimme, während Fräulein Adele Alphen eine seltene Fingertechnik am Klavier entfaltete. Diese intelligente, von allen Kreisen hochgeschätzte Dame spielte mit liebenswürdiger Natürlichkeit und bestätigte aufs neue den guten Nuf, der ihr als feinfühlige Spielerin vorausgeht. Eibilla Braun deklamierte einen eigens zu diesem Zwecke verfaßten Prolog und erntete wohlverdienten Beifall. Die sehr einschmeichelnde Arie: „Schon eilet froh der Ackersmann" aus Haydn's „Jahreszeiten" fang alsdann Herr Paul Teitelmann und spielte gleich darauf die bekannte Berceuse von Godard. Er verstand es auch, den Eellosaiten die starken, männlich klingenden Töne zu entlocken. Fräulein Camille Schweich spielte mit gutem Können zwei beliebte Klavierstücke und fand lebhafte Anerkennung. Fräulein Erna Michel überraschte das Publikum mit zwei noch nie gehörten (jüdischen) hebräischen Klaviervorträgen: „Eli Zion", „Moaus zur j' schuossi", v. Wagner mit vielen Variationen in meisterhafter Weise für Klavier bearbeitet. Das Publikum zeigte sich für das Dargebotene sehr dankbar. Einen minutenlangen, nicht endenwollenden Beifall erzielte die kleine Renc-e Schweich mit Zangwills Novelle „Der Sabbat entweiht". Sie rezitierte mit ihrer schönen klangvollen Stimme so seelenooll, so sanft, daß alle das erhebende und erhabene Gefühl bekamen, als stünde die mumienartige, verschrumpfte Gestalt des Großmüterchens vor unfern Augen. Nachdem sich die Wogen der Begeisterung glätteten, spielte Herr Paul Teitelmann Bruchs „Kol Nidrei" für Cello mit Würde und Ernst. Er wurde dabei von Fräul. Adele Alphen verständnisvoll am Klavier unterstützt. Ein von der Schuljugend aufgeführtes Theaterstück, „Sabbatlust", fand stürmischen Beifall. Die Schüler müssen sich alle mit einem Gesamtlobe begnügen. Darauf ergriff Herr Nabbinatverweser Kohn zu einer längeren Ansprache das Wort. Zweifelsohne war der Eindruck, den dieses Fest hinterließ, ein überwältigender. Wenn diese Feier die Gemeinde zu einer Umdenkung alles Denkens, einer Umwertung aller bisherigen Werte, was doch mit aller Bestimmtheit zu erwarten ist, veranlassen wird, so kann sich der Veranstalter mit dem Ergebnis vollkommen zufrieden geben. Hegenheim. Heute fand in der hiesigen Synagoge in Gegenwart eines nach Hunderten zählenden Publikums die Trauung von Frl. Camille Goetfchel mit Herrn Moritz Wiener aus Basel statt. Cs ist eine derartige Feier in unserer Gemeinde ein äußerst seltenes Ereignis und, wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird diese Hochzeit die letzte gewesen sein in unserer Synagoge, die infolge der in hiesiger Gemeinde herrschenden Zwistigkeiten seit Monaten die ganze Woche hindurch geschlossen bleibt. Es muß diese traurige Tatsache einen jeden Jehudi um so schmerzlicher berühren, als diese altehrwürdige, in jeder Beziehung dem y'£,* entsprechende Synagoge noch in bestem Zustande ist. Möchten die Hegenheimer, denen sonst ein ziemlich starker Lokalpatriotismus nachgerühmt wird, sich doch noch in letzter Stunde auf sich selbst besinnen, und ihr Gotteshaus so lange wie möglich durch möglichst fleißigen Besuch in Ehren halten. Pfaffenhofen. Nach schwerer, aber kurzer Krankheit, bei der sie die liebevolle Pflege ihrer Verwandten fand, starb hier am Sonntag, den 12. Dezember, die Inhaberin der jüdischen Garküche, die unter dem Namen „Gittel" in der ganzen Gegend bekannte Caroline Meyer. Durch ihr freundliches Wesen und durch ihre gute Verpflegung hat sie es verstanden, ihr Haus zu einem beliebten Aufenthalt der zahlreichen Geschäftsleute und Reisenden zu machen, die unseren verkehrsreichen Ort aussuchen. Mancher von diesen bewahrt ihr eine gute Erinnerung und empfindet ihren Tod als einen Verlust. Das Fehlen einer jüdischen Garküche am hiesigen Platze ist eine empfindliche Lücke,