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Das jüdische Blatt · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Das jüdische Statt Nr> 3 1. Die Gemeinden zahlen die ihnen durch Gesetz auferlegte Hälfte der Beiträge. An dieser Hälfte tragen die Filialgemeinden ihren entsprechenden Anteil. In Differenzen über die Verteilung der Beiträge entscheidet der Oberrat. 2. Die andere Hälfte zahlt die Zentralkasse abzüglich eines von den Lehrern zu leistenden Beitrages von 25dl. Dieser Beitrag erhöht sich entsprechend, wenn das Einkommen des Lehrers 2000^ übersteigt. 3. Das versicherungspflichtige Einkommen der Lehrer und Rabbiner setzt der Oberrat fest nach Anhörung der Beteiligten. 4. Die Bezirkssynagogen (bei mehreren beteiligten Bezirkssynagogen diese gemeinsam) zahlen die eine Hälfte der Beiträge für die Rabbiner. Die andere Hälfte zahlt die Zentralkasse abzüglich des Beitrages des Rabbiners. Dieser Beitrag ist für Einkommen bis zu 3000-4t, 50-tl, bei höheren Einkommen entsprechend höher. Die eventuelle Verteilung der Beiträge unter verschiedenen Bezirkssynagogen besorgt der Oberrat unter Berücksichtigung der Steuerverhältnisse und nach Anhörung der Beteiligten. Die in Aussicht gestellte Vorlage an die Synode wegen Aenderung der Pensionsordnung ist ein Bedürfnis. Möge sie rechtzeitig der Kritik zugänglich gemacht werden. Wriek eines alten Lelirers. Lieber Herr Kollege! Streng vertraulich! Ich verlasse mich darauf, daß Sie mich, einen alten Kollegen, nicht verraten und unterbreite Ihnen im folgenden eine Standesfrage von hervorragender Bedeutung. Sie betrifft zwar weder unser Verhältnis zu Vorgesetzten noch steht sie in Zusammenhang mit unseren leider noch immer verbesserungsfähigen Gehaltsverhältnissen. Vielmehr ist diese Standesfrage eine rein ideale und ich zweifle keine Sekunde daran, daß Sie sich mir voll und ganz anschließen werden. Quellen doch alle unsere Verbandsäußerungen über von Idealismus und von Verständnis für die höchsten Ziele sittlichen Wollens. So eröffne ich Ihnen denn, lieber Herr Kollege, einen Einblick in eine ernste Gefahr, die unserem Stande droht, und ihn in seinen Grundfesten, in seinem Ansehen vor der Oeffentlichkeit schwer erschüttert. Also hören Sie! Unser neuester Literaturverein hält alle jüdischen Zeitungen Deutschlands; ich bekleide seit 1 Jahr in demselben das Ehrenamt eines Bibliothekars. Da habe ich zum ersten Mal im Leben Gelegenheit, die gesamte jüdische Presse zu studieren. (Daß es vom Gehalt nicht ginge, werden Sie mir glauben.) Was ich da gesehen habe, hat mich zum Teil recht betrübt. Existieren da eine ganze Reihe jüdischer Zeitungen, meist mit klar ausgeprägtem Programm (eine farblose ist dabei) und fast jede Zeitung findet es für nötig, sich unserm Stand für alle seine Interessen zur Verfügung zu stellen. Kein Wunder, wenn viele Kollegen, besonders die jüngeren Herren, die Gelegenheit benützen, um sich ihre pädagogischen Spekulationen oder ihre Standessorgen von der Leber wegzuschreiben. Daß so junge Leute nicht immer den Ton treffen, der für Volksbildner erwünscht wäre, nun darüber wird ein gesetzter „Alter" nur lächeln. Daß ihre Stilistik sehr derjenigen ähnelt, die man in der Literatur des ewig unbefriedigten Standes findet, darüber wird unsereiner sogar den Kopf schütteln, und gleich einem Arzt die Diagnose stellen: gefährliche Infektion, hätte schon in dem ersten Stadium in Behandlung genommen werden sollen, Heilung nur möglich *) Mit Erlaubnis des Autors (eines wackern Landlehrers) veröffentlichen wir hier ein vertrauliches Zirkular, das allgemeinste Beachtung verdient. sRed.j bei strengster Diät. Absoluter Entzug der bisherigen Kost. Kräftigende Gegenmittel. Daß aber alle diese „Genossen" unseres Standes ihre Herkunft, ihre Schul- und Lernjahre und sogar ihr ideales Ziel vergessen, außer acht lassen, daß sie nicht nur Kollegen eines ehrenwerten Standes, sondern auch Individuen einer noch größeren Gemeinschaft, Glieder des jüdischen Volkes sind, wenn sie über dem Lehrer den Juden vergessen, wenn sie entgegen aller jüdischen Tradition sich gerade der radikalsten Presse verschreiben, die kaum noch jüdisch genannt werden kann, die an der Verleugnung von Thora und Talmud, in der Entweihung von Sabbat und Festtagen, in der Außerkraftsetzung der Speisegesetze, in der programmatischen Auflehnung gegen Israels geheiligte Ehegesetze eine notwendige Fortenwickelung und Vertiefung des Judentums sehen, die in ihrem niedrigen Spott auf alles echt jüdische nicht Halt macht vor den ewigen Heiligtümern des ewigen Volkes, dann-dann lieber Herr Kollege, dann gehen wir Alten still und bescheiden in unser Kämmerlein, weinen uns aus ob solcher Verirrungen unserer jüdischen Erzieher,. und wenn unser Herz sich Luft gemacht in seinem bitteren Schmerze, dann — verwünschen wir die Ruhe des Alltags mit ihrer einschläfernden Musik und beten um irgend ein Wunder, um etwas Großes, Gewaltiges, um eine Zoroh, wenn es sein muß, damit der Größe des Augenblicks, die plötzlich sichtbare Gefahr denen die Augen öffne, die nicht sehen konnten oder wallten, damit jeder erkenne, wo Freunde und Feinde stehen; damit er nicht ferner materiell oder geistig die unterstütze, die sein Heiligstes zu bekämpfen zum Programm haben. Oder sollte unser ganzer „Stand" wirklich da zu finden sein, wo seine geistigen Erzeugnisse publiziert sind? Sollte er in seiner Geistesrichtung sich denen verschrieben haben, die ihn mit einer Gratisnummer erfreuen, um feine ganze jüdische Weltanschauung, die Elternhaus und Seminar in ihm begründet haben, durch politische Verhetzung zu vergiften? Sollten wirklich alle diejenigen, die von der jüdischen Gesamtheit bestellt sind als Erzieher unserer Kleinen in der Religion der Väter, sich eins fühlen mit den Unterzeichnern der Richtlinien, deren „Presse" so mancher von ihnen nicht nur „hält", sondern am jv}»y Morgen seinen Gemeindemitgliedern vorliest als Belehrung und Erbauung? Die Ruhe meiner alten Tage gäb ich drum, wenns nicht so wär! Aber leider, leider!- Wahrlich, wir Alten begreifen die Jugend nicht mehr. Da wir noch klein waren, sagte man: Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist"; heute ist das Kriterium ein anderes geworden. Man erkennt den Menschen an dem, was er liest. Und aus der Zeitungsauswahl unserer Lehrerkollegen einen Schluß zu ziehen auf ihre jüdische Anschauung, hieße ernstlich bezweifeln, ob sie aus der Seite der Richtlinienbekämpfer zu finden ist. Darüber aber Klarheit zu schaffen, wäre eine dringende Forderung des Tages. Bedenken Sie doch, lieber junger Freund, daß eine ganze Anzahl von Stadtgemeinden sich schlankweg den Richtlinien verschrieben haben! Deren Weg geht doch aus dem Judentum hinaus. Darüber sind wir uns doch alle klar. Seit Wochen warte ich nun schon darauf, daß irgend einer von den Lehrerverbänden uns zufammenrufe zu einer ernsten Aussprache: aber unsere „Führer" schweigen noch immer. Das kann ich „Alter" aber nimmer ruhig mit ansehen. Die ganze deutsche Judenheit, ihre geistigen und weltlichen Führer, Rabbiner und Vorstände kämpfen einen heißen Kampf um Tradition odtzr Reform, um Thora oder Richtlinien, um die Emunoh unserer Väter oder die Willkür kommender Generationen, — und wir sollen abseits stehen. Uns soll die Not des Volkes nicht aus der Ruhe stören? Der alte Veteran kann

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