Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052092--0032-9052099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1. Das jüdische Klatt 5 Jahrhunderts fand eine starke Zuwanderung von Ausländern statt, die in den ersten Jahren des jetzigen Jahrhunderts, besonders nach den Progronien in Rußland ihren Höhepunkt erreichte. Damals fand noch ein Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle statt. Der wirtschaftliche Zusammenbruch, die Ueberhandnahme des Antisemitismus veranlaßten eine Auswanderung inländischer Juden, zugleich fand in der Zuwanderung der ausländischen ein Rückgang statt. Die Zugewanderten wanderten zum großen Teil selbst Wiederaus. Im letzten Jahrzehnt hat die Geburtenzahl bedenklich abgenommen, was Sorgen bereiten kann. Wenn so viele Menschen das Land verlassen, fehlt es an Personen zur Gründung von Familien und zur F o r t p f l a n z u n g. Im Lande selbst findet ein ständiger Wechsel des Wohnsitzes statt, nicht bloß bei Juden. Das Streben nach besseren Erwerbsstätten von Landwirtschaft zur Industrie wird immer allgemeiner. Ein Sechstel aller Juden Deutschlands wohnt in Berlin; mehr als 50 Prozent wohnen in Großstädten. In Städten von 50 000 Einwohnern ist die Zunahme der Juden meist schwächer. Unter den Ständen hat man zu unterscheiden: 1. Erwerbsfähige, 2. nicht erwerbsfähige Angehörige, 3. zwischen beiden stehende (Rentner, Pensionäre). Je mehr Erwerbsunfähige bestehen, desto größer muß die Zahl der Erwerbsfähigen sein. Daß bei den Juden weniger Erwerbsfähige zu finden sind, erklärt Naumann damit, daß die Juden zwar länger leben, aber weniger Kinder haben und durch Konfessionswechsel und Mischehen viele Angehörige verlieren. Diese Begründung ist unrichtig. Juden und Christen bilden inkommensurable Größen. Landwirtschaft und Industrie können Frauen und Kinder beschäftigen, nicht aber Handel und freie Berufe, worin die Juden besonders tätig find, darum weisen diese weniger Erwerbende auf. Deutschlands Aufschwung ist ermöglicht worden durch den Uebergang weiter Kreise von Landwirtschaft zur Industrie. Bei den Juden aber war bisher der Handel überwiegend und die industrielle Betätigung unbedeutend, stark sind sie in den freien Berufen vertreten, fast gar nicht in der Landwirtschaft. Die jetzige kritische Lage ist das Produkt des früheren Zustandes und des jetzigen Umschwungs. Die Existenzbedingungen des Kleinhandels sind untergraben durch die Konsumvereine und durch den den Detailhandel beherrschenden kapitalistischen Geist. Dadurch ist die Zahl der Selbständigen immer mehr zurückgegangen; die Juden beginnen sich der Industrie zuzuwenden, namentlich der schweren (Maschinen, Bergbau) und werden in zunehmendem Maße Unternehmer. Dies widerlegt das Gerede vom Schachergeist und dem Handelsgeist der Juden, denn dann müßten die Juden ja im Handel verbleiben, der weltumspannend ist; es gibt keinen spezifisch jüdischen 5) a n d e l s g e i st. Aus diesem Umschwung aller Verhältnisse ergibt sich, daß die Zahl der Selbständigen abnimmt, die der Lohnarbeiter steigt, sogar der weiblichen. Es bahnt sich eine allmähliche Anpassung an die Verfassung der übrigen Bevölkerung an. Die Frauenfrage tritt ganz besonders unter den Juden in ernster Gestalt auf. In den Städten gibt es immer weniger Familien, wo die Frau oder Tochter nicht im wirtschaftlichen Kampfe steht. Die Gründe sind 1. in dem Streben nach Selbständigkeit, 2. in der Erhöhung der Lebensansprüche zu suchen. Bei den Juden ist der Sinn für Einfachheit in der Lebensgestaltung vielfach geschwunden, die Anforderungen des jüdischen Mannes an die Geldausstattung der Frau sind gestiegen, daher ist die Frau, wo nicht genügend Vermögen vorhanden ist, gezwungen, in den Wirtschaftskampf einzutreten. Hier müsse der Hebel eingesetzt werden. Die Rede machte einen tiefen Eindruck und wurde mit starkem Beifall belohnt. Die Debatte wird dann nach.kurzer Pause fortgesetzt und bewegt sich wieder um die Frage der Stellenvermittelung. Es wird betont, daß der Verband in dieser praktischen Arbeit sein Hauptziel erkennen müsse. Der Vorsitzende warnt vor diesem Versuch. Die Gründung des Sabbatverbandes sei erst möglich geworden, als der Sabbatverband ausdrücklich erklärte, die Stellenvermittelung bei den bestehenden Zentralen belassen zu wollen. Posen beantragt dieWahl einer Kommission zur Reorganisation des Stellenvermittelungswesens mit dem Ziele, dem S a b b a t v e r b a n d eine Mitwirkung bei der Stellenvermittelung zu sichern. Nach längerer Erörterung wird dieser Antrag angenommen. Um die U n t e r b i l a n z des Sabbatverbands zu beseitigen, schlägt Posen vor, eine Kommission zu wählen, die Mittel und Wege finden soll, die Einnahmen zu vermehren und die Ausgaben zu beschränken. Auch sollen die Ortsgruppen zu größerer Betätigung angeregt werden, wie häufigere Zusammenkünfte von Mitgliedern und der Vorsteher der Ortsgruppen. Von der einen Seite werden Klagen erhoben, daß die fabbachaltenden Geschäfte zu wenig Gehalt zahlen, während andere (Pleßner für Posen, Rotschild für Halberstadt) dies bestreiten. Gegenüber den erhobenen Beschwerden weist Lazarus auf die Leistungen und Erfolge des Verbands hin. Der Vorsitzende erklärt, das Zentralkomitee habe nicht genug Arbeit geleistet. Dieses habe den Ausschuß nicht kontrolliert, wie es seine Pflicht gewesen sei. Obgleich der Ausschuß das Zentralkomitee nicht daran zu mahnen hat, habe er es getan. Es müsse vor allem die Gründung und Ausstattung des Ausbildungsfonds in Angriff genommen werden; dafür müßten sich die Ortsgruppen rühren. 2. Tag, 26. Dezember, 9A Uhr vormittags. (Schluß folgt.) Won der Agudas Isroek. Stolze Hoffnungen schwellten unsere Brust, als der Gedanke greifbare Gestalt annahm, alle Thoratreuen in der Organisation der A g u d a s I i s r o e l zu vereinigen. Durch den bloßen Gedanken an den Zusammenschluß erstarkten die Einzelnen, die sich in ihrer Vereinsamung schwach fühlten. Das Selbstbewußtfein wuchs durch das sich verstärkende Gefühl der Zusammengehörigkeit; schlummernde Kräfte erwachten und lösten eine helle Begeisterung aus. - Dann kamen die Tage von Kattowitz und es offenbarte sich zu unserer Freude, wie tief der Aguda-Gedanke in die Herzen der Führer Osteuropas eingeschlagen hatte. Die Breuer'sche Rede war zwar ein Mißton in dem harmonischen Zusammenklang. Aber wer hätte gedacht, daß sich daran der unselige Streit knüpfen würde, unter dem wir heute leiden? Wer hätte gedacht, daß die Breuer'schen Anträge kommen werden, um sich wie ein gefährlicher Reif aus die Blüten unserer Hoffnungen zu legen? Ein erhabenes Werk wie die Aguda hätte vor dieser Gefahr bewahrt bleiben sollen. Man darf sich doch nicht verhehlen, — und wir haben es oft genug betont —: Die Annahme der Breuer'schen Anträge für die Aguda in Deutschland würde für die Ausbreitung der Aguda in Deutschland ein fast unüberwindbares Hemmnis bedeuten. Für Ungarn mögen diese Anträge angebracht sein, für Deutschland sind sie undurchführbar. Es ist geradezu verhängnisvoll, daß diese bedauernswerten Reibungen innerhalb der Aguda gerade in Frankfurt entstehen mußten. Vielleicht mußte es so kommen. Hätte man deshalb die Gründung der Aguda von einem anderen jüdischen Zentrum als Frankfurt erwarten können? Wir halten dies für ausgeschlossen. Die Bewegung konnte, wie die Verhältnisse nun einmal sind, nur von Deutschland ausgehen. Dies zugegeben, konnte