Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- II (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. 15 Das jüdische Klatt. und des Frohsinns, sahen die vom Glücke begünstigten Mädchen in der Schule weniger den Ort, wo sie Kenntnisse fürs Leben sammeln sollten, als vielmehr eine Stätte, an der man sich mit Altersgenossinnen, Gleichgesinnten zusammenfindet, an der man ebensowohl lernen, wie auch über vergangene und kommende Vergnügungen plaudern und beratschlagen kann. Geburtstags-Einladungen flogen hin und her, von Sommerreisen und deren Genüssen schwärmten die einen, von Eislauf und Rodelfahrten die andern. Von kleinen häuslichen Tanzkränzchen und Maskenscherzen wurde in den Pausen voll überschwenglicher Freude erzählt, und keines der übermütigen Mädchen dachte daran, daß unter ihnen ein ebenso junges Menschenkind weilte, das so gerne, ach so gerne auch hätte fröhlich sein mögen, das sich nach all den Genüssen sehnte, die ihnen ihr Reichtum in den Schoß geworfen, die sie als etwas Selbstverständliches, ihnen Gebührendes Hinnahmen. Da empfand Nettie so recht ihre Armut, und nur in den Stunden, wo sie über ihren Büchern sah und, hinweggetragen über Zeit und Raum, mit den Gestalten der Dichterwelt lebte, dachte, fühlte und strebte, vergaß sie, was ihr fehlte. „Reich sein" war ihr höchster Wunsch, damit würden sich alle ihre Träume, wie Glück und Freude, von selbst erfüllen. Nettie verließ die Schule ebenso vereinsamt, wie sie Tag um Tag den Schulweg zurückgelegt hatte, allein mit sich und ihren Gedanken, mit den unbestimmten Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen der Kinder- und Mädchenzeit, und nun galt es für sie, einen Beruf zu ergreifen, um sich zu ernähren und ihre armen Eltern zu unterstützen. Schon lange vor ihrem Schulaustritte hatten die Eltern unter sich und mit den wenigen Bekannten Rat gepflogen, welcher Berus für Nettie der geeignetste wäre, und nach langem Hin und Her beschloß man, sie in ein Geschäft als Verkäuferin zu geben. Als solche bekäme sie sofort Gehalt, sagten sich die Eltern, hat, da sie nach der Eltern Meinung sehr viel gelernt, eine Reihe von Zutunftsaussichten, ist frei und selbständig und kann die Zeit außerhalb des Geschäfts ausnützen, wie sie will. Nettie hätte gerne weiter gelernt, sich rmNer ausbilden mögen, vielleicht nicht allein _aus Wissenstrieb und Bildungsbedürfnis, sondern auch aus dem Bewußtsein heraus, dadurch eine höhere gesellschaftliche Stufe erreichen zu können; aber sie wußte zu gut, wie wenig mit den beschränkten Mitteln des armen Elternhauses zu erreichen war. So fügte sie sich dem Zwange der Notwendigkeit: So ward Geld verdienen die Devise. (Fortsetzung folgt.) IoÄ Hern. Der Werdegang eines jüdischen Mannes. Von Kopl. (2. Fortsetzung.) Die meistenJungen wurden später Kaufleute, Kleinkrämer in dem stillen Frieden ihrer ursprünglichen Heimat, Nachfolger des Vaters Die wenigsten wurden Rabbiner, nur die begabtesten und hervorragendsten. Unser Chaim, dessen Fortschritte Aufsehen erregten, sollte es werden; da traf ihn die Kunde vom Tode des Vaters. Er kehrte nicht zurück nach Fürth; blieb daheim und half der Mutter. Ging übers Land, um den Bauernweibern ihren Hausbedarf anzubieten. Wurde mit Hunden von manchem Hofe gehetzt, und auf staubiger Landstraße wandernd, wiederholte er auswendig, in seligen, weltvergessenen Erinnerungen, was er in Fürth gelernt hatte, knüpfte Gedanken an Gedanken, löste Probleme und warf neue auf. Heimgekehrt trug er die von ihm gewonnenen neuen Gesichtspunkte in ein aus gröbstem Papier zusammengeheftetes Buch ein; es war sein Traum, diese „Chiduschö Thora" (neue Forschungen aus dem Gebiet der heiligen Lehre) dereinst dem Urteile der Öffentlichkeit zu unterbreiten; er träumte ihn bis zum Grabe. Das Leben sprach hart mit ihm; nur selten hatte er Gelegenheit, an seinen väterlichen Freund nach Fürth Nachricht zu senden, das Porto war teuer. Wenn er aber einen Brief sandte, dann war es ein Buch. Kurzer Bericht über die äußeren Verhältnisse, dann Seite über Seite voll Chiduschö Thora. So sah auch die Antwort aus. Da kam eines schönen Tages Joül Wolf zu ihm, sprach lange mit seiner Mutter und sagte dann zu dem überraschten Chaim: „In meinem Hause soll alte Sitte ihr Recht behalten; ich suchte für meine Tochter einen Mann, der lernen kann und fromm ist. Dich kenne ich schon lange als einen solchen. Ich werde dir die Mittel geben, daß du dein Geschäft treiben und deine Schwester versorgen kannst; mit deiner Mutter habe ich gesprochen." Statt jeder Antwort ergriff Chaim seines Schwiegervaters Hand, um den ehrfurchtsvollen Kuß des Sohnes darauf zu drücken. Dann erst, nach langer Pause, fand er Worte in überströmender Fülle, Worte des Dankes und heiliger Gelöbnisse.- Also ward Margolith das Weib Chaims. Sie hatte einen Träumer geheiratet, einen weltverlorenen, aber gleiche Ideale waren doch ihr Ziel. Mit ihrer Schwiegermutter verband sie der gleiche Stolz auf das Wissen und den Lerneifer des Mannes. Liebevoll half sie die Schwägerin versorgen; ein ehrsamer Buchbinder in einem gewerbesleißigen Städtchen Württembergs ward Chaims Schwager. Denn warum es verschweigen? Liebreizend war Bela Gern nicht; es war mehr die Familie, die in der Entscheidung die größere Rolle spielte. Einen großen Kummer hatte Cha'im dabei zu überwinden; das religiöse Wissen des Schwagers stand nicht auf hoher Stufe; allein er war wenigstens ein guter Jehudi, treu in der Befolgung der religiösen Vorschriften, soweit er sie kannte, auch gut gegen die Armen. So verflossen die Jahre; dem inneren Glücke im Hause Chaim Gerns entsprach nicht eine Hebung d^s äußeren Glücks. Die neua Eisenbahn gab der Kundschaft ganz andere Einkaussmöglichkeiten. Margolith versuchte zwar, auch für ihr Geschäft diese neue Wendung der Dinge sich nutzbar zu machen, allein der Umsatz wurde klein und blieb wie eine träge Masse auf dem einmal errichteten Stande stehen. Chaim war nicht arm, aber ein kleiner Mann, zufrieden und jeder Erweiterung des Geschäftes abhold, welche ihn allzusehr von seiner Lieblingsbeschäftigung abgezogen hätte. Margolith war ein zu gutes Weib, als daß sie des Lebens Glanz mit einem inneren Zerfall ihres Gatten hätte erkaufen wollen, war zu fromm, als daß sie das Lernen hätte verkürzt sehen mögen, sah zu klar, als daß sie nicht die richtige Beurteilung der wahren Lebensfreuden in hohem Maße besessen hätte. So lebte man zufrieden und glücklich, sah neidlos die Habe anderer wachsen und half noch mitleidsvoll denen, deren Existenz unter den Wehen der neuen Zeit zugrunde gegangen war. Lautlos hatte sich eines Tages Chaims Mutter zum Sterben gerüstet; ihr letztes Dankeswort an Margolith war: „Du wirst weiter sorgen, daß Chaim ruhig lernen kann". Nach Jahresfrist ward auch Joül Wolf zu seinen Vätern gesammelt. Sein letztes Wort an Chaim war: Ich segne die Stunde, da Du meine Tochter für würdig befunden, Dein Weib zu werden. Versprecht mir nur eines: Wenn es Euch möglich ist, bleibt in Eurer Heimat. Als kurz darauf dem Ehepaare Gern der langersehnte Sohn geschenkt war, da war nach dem von Freudentränen fast erstickten Masseltof (Glückwunsch) das erste Wort Chaims: „Dein Vater ist wiedergekommen; der Junge soll Joül heißen". Ein freudiges Lächeln verklärte die Züge der jungen Mutter. Kapitel 2. Ein ereignisvoller Freitag-Abend. Vor dem Gesang, welcher in der Synagoge den Sabbat einleitete, hatte der Gemeindediener