Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- II (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Das jüdische Matt. Nr. 38. in Lodz uns erst mündlich durch einen Vertreter und später noch einmal telegraphisch ersucht hatte, ihnen 4 Delegierte, die auf einem von Lodz genau präzisierten Standpunkte stünden, namhaft zu machen. Wir taten das, und die Herren wurden gewählt. 2. Daß Herren „bedingungslos, guanä wöme, in der Organisation verbleiben wollten", wurde in der Konferenz von niemanden geäußert. Eine solche Ansicht konnte auch in der Abstimmung nicht — wie Sie an einer späteren Stelle schreiben — zur Geltung kommen, da ein dahingehender oder auch nur ähnlicher Antrag nicht vorlag. 3. Es ist absolut unrichtig, daß sich die Majorität, die für das Verbleiben in der Organisation war, hauptsächlich aus Berliner Herren zusammensetzte. Uns allen ist strengste Diskretion auferlegt worden, so daß ich Ihnen die Abstimmungsliste nicht Mitteilen kann. Wenn Sie aber bedenken, daß von Vertretern des Auslandes außer den von Ihnen Genannten und einem Züricher Herrn, der auch austrat, noch Vertreter Galiziens, Rußlands, Hollands, Belgiens anwesend waren, Norddeutschland (außer Berlin) sehr stark vertreten war, so können Sie die Zusammensetzung der Majorität vielleicht ahnen. 4. Was Sie von Herrn Struck und R. Cohn berichten, kann ich wiederum des auferlegten Stillschweigens halber nicht berichtigen. Vielleicht fragen Sie Herrn Cohn einmal persönlich nach seiner Stellungnahme. 5. Sie fragen: „Was wird aus der Tachkemonischule werden?" Es besteht nicht der geringste Zweifel, daß der Misrachi sie weiter wie bisher führen wird. Der Umstand, daß in der Konferenz spontan für unsere jetzige Arbeit von 3 Herren zusammen 4300 Mk. gegeben wurden, beweist Ihnen vielleicht, daß „die Werbekraft des Misrachi innerhalb der gesetzestreuen Iudenheit" noch nicht ganz aufgehört hat. Im übrigen glaube ich, daß Sie Ihre Ansicht über „den Kümmerlichen Rest, der „das Gesicht gerettet hat", vielleicht in ein paar Wochen revidieren werden, wenn sich herausstellt, welche Garantien für die Wahrung der Gesetzestreue wir verlangt und welche wir erhalten haben. Vielleicht sehen Sie die Situation dann anders an. Mit den besten Empfehlungen Ihr ganz ergebener Aron Barth, Referendar. Vettie. Ein Lebensbild. Von rn. V. Sie war armer Leute Kind. Einsam und freudlos war sie ausgewachsen, ohne Gespielin, ohne Freundin. Mit den rohen, schmutzigen Kindern, die in der Straße des Armeleut-Viertels und im Hofe des ärmlichen Häuschens, wo Nettie wohnte, herumtollten, hatte sie nie spielen mögen. Sie hatte Angst vor ihnen und ihrem wilden Treiben. Wohl sehnte sich ihr Kinderherz nach Genossen, mit denen sie ihre Jugendlust hätte austoben mögen, nach einer Gefährtin, mit der sie sich kindlichem Spiele hätte hingeben können; aber so oft sie den Weg von ihrem ärmlichen Zimmer ins Freie auch gemacht hatte, so oft kehrte sie unbefriedigt in dasselbe wieder zurück. Roheit und Schmutz, denen sie wieder begegnet war, stießen das feinfühlige Kind, dessen Innenleben durch seine Einsamkeit weit über seine Jahre entwickelt war, immer wieder ab. So wuchs sie auf wie eine Blume, der Licht und Luft und Sonne fehlen: armselig und kümmerlich. Vater und Mutter konnten sich wenig um die stille Kleine kümmern; elfterer ging während der Woche seinem kargen Erwerbe nach; die Mutter hatte mit dem kleinen Haushalte und dem Sortieren des Keller- und Bodenkrams, den der Vater herbeiholte, reichlich zu tun, so daß für das Kind keine Zeit übrig war. So spielte sie in einem Winkel des Zimmers oder der Küche für sich, und keine Freude und kein Frohsinn pochte an der Kleinen liebebedürftiges Herz. Nur der Freitag Abend brachte einen Schimmer von Behaglichkeit in das Heim der kleinen Nettie. Da glänzte die messingne Schabboslampe, der einzige Schmuck und Luxus im -dürftigen Zimmer, wie lauteres Gold. Auf dem wackeligen Tische und auf der wurmstichigen Kommode lagen gehäkelte Decken, die Mutter einst aus einem Sack Lumpen herausgelesen und hergerichtet hatte. Berches lagen am Tische, ein kleines Mahl — nach der Armut der Woche ein fürstliches, so dünkte es Nettie —, war vorbereitet, Vater sang S'miros, Mutter sang manchmal mit, und Nettie freute sich der Lichter und des Glanzes, des Gesanges und der ganzen festlichen Stimmung. Freitag Abend und Schabbos waren ihr immer ein Fest. Da saß die kleine Familie friedlich beisammen; der Alltag mit Not und Sorge, mit mühevoller Arbeit und körperlichem Verdienst lag weit hinter ihnen. No 8e1indUo^, do monncüoli. Sie genossen die Ruhe und den Sabbatfrieden mit ganzem Herzen; sie vergaßen, daß sie arme Leute waren, sie plauderten von vergangenen Tagen und träumten von künftiger, besserer Zeit. Denn so wie auf die Arbeitstage der Schabbos folgt, und so, wie ihnen der Schabbos, wie schlecht auch der Verdienst war, immer ein Mahl gebracht hatte, so gewiß wird auch für sie eine leichtere Zeit folgen. Da blickten die Eltern gar manchmal hoffnungsvoll auf ihr Kind, das einzige, das ihnen von einer stattlichen Anzahl zurückgeblieben war: ihre Hoffnung, ihre Zukunft. Die Eltern plauderten und spielten in ihrer Art mit dem Kinde, und froh und dankbar fühlte es sich von Elternliebe umgeben an dem einen Tage der Woche, dem Tage des Lichtes nach der Dunkelheit der sechs Werktage. „Kommt jetzt Schabbos?" fragte sie schon am Freitag, wenn der Mutter Vorbereitungen den Schabbos ahnen ließen, und ihr Herz schlug höher vor Freude und Erwartung. So leuchtete in dem Dunkel ihrer freudlosen Kindheit eine hellglänzende Fackel, die ihr den Weg zeigte von einer Woche zur andern. Und wenn auch für die Eltern mit dem Habdalah das Sabbatlicht erlosch, weil der Werktag sie umfing, so blieb in Nettie von dem Lichte und dem Glanze ein Schimmer zurück, bis es wieder dem Schabbos entgegenging. — Die Eltern empfanden manchmal, daß es dem Kinde ohne Umgang mit Altersgenossen gar einsam sein müsse; aber Hunger ist schlimmer, sagten sie sich, und in der Sorge um das tägliche Brot vergaßen sie diese Regungen. Auch in der Schule blieb sie einsam. Schüchtern stand sie abseits, wenn die andern Kinder in Heller Lust sich munteren Spielen Hingaben. Hie und da rief eines aus der Schar: „Nettie, spiel mit". Doch sie, des Spieles mit andern nicht gewohnt und darum nicht kundig, fühlte sich fremd in der munteren Schar. So blieb sie in der Schule vereinsamt, wie sie es zu Hause gewesen. Um so eifriger und aufmerksamer lernte sie; um so emsiger verschlang sie, als sie einmal lesen konnte, alle Bücher, deren sie habhaft werden konnte. Sie lebte mit den Personen, die sie durch die Bücher kennen lernte, und schuf sich so nach und nach eine Welt von Idealen, die dem wirklichen Leben vollständig unähnlich war. Sie hatte ja niemanden, um sich über Gelesenes aussprechen zu können, und wie der Unerfahrene alles für bare Münze nimmt, was der liebe Nächste ihm sagt, so war ihr mit ihrem kindlichen Gedankenkreis alles Gelesene eine Wahrheit, hinter der das wirkliche Leben vollständig verschwand. In der Töchterschule, wo man dem begabten, fleißigen, strebsamen Mädchen einen Freiplatz erwirkt hatte, war sie noch einsamer, noch stiller geworden; dagegen hatte sich ihre Phantasie um so lebhafter betätigt. Von den reichen Töchtern trennte sie eine breite Kluft. Ausgewachsen in einer Atmosphäre des Wohllebens