Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- II (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. Das jüdische Blatt 9 Bayern. München. Wir machen wiederholt darauf aufmerksam, daß nach Erlaß des hohen Kriegsministeriums Einjahrig-Freiwillige jüdischer Konfession erst am 3. Oktober sich bei ihrem Truppenteil einzufinden haben. Nürnberg, 15. Sept. Diese Woche feierte Herr Geheimrat Iosephthal in voller geistiger und körperlicher Frische seinen 80. Geburtstag. Die vielen Ehrungen, welche ihm von allen Seiten der jüdischen Bevölkerung erwiesen wurden, legten wieder einmal von der großen Beliebtheit des Jubilars, der bekanntlich mehrere Jahrzehnte Vorstand der israel. Kultusgemeinde Nürnberg war, Zeugnis ab. Auch die bayerische Rabbiner- Konferenz war unter den Gratulanten. Nürnberg, 17. Sept. Mit dem Abnehmen der Tage tritt auch allmählich das Vereinsleben wieder in seine Rechte ein. Schon vor einigen Wochen hielt die Misrachi-Gruppe eine Versammlung ab, während die zionistische Ortsgruppe am Samstag, den 9. September 1911 durch ihren Kongreßdelegierten, Herrn Rechtsanwalt Dr. Münz, den Kongreßbericht erstatten ließ. In beiden Versammlungen spielte natürlich der Misrachi-Konslikt eine große Rolle. Es erübrigt sich jedoch, hier näher darauf einzugehen, da in diesen Blättern bereits ausführlich berichtet wurde. Wie wir hören, haben die meisten Mitglieder der hiesigen Misrachi- Gruppe ihren Austritt aus der zionistischen Partei erklärt. -r- * * Letzten Donnerstag hatte die hiesige Ortsgruppe des Vereins der Sabbatfreunde eine Generalversammlung. Nach Entgegennahme des Geschäftsberichtes fand Neuwahl statt. Als I. Vorsitzender wurde Herr Jul. Eckstein, als Kassier Herr S. Wißmann, als Schriftführer Herr Moritz Klugmann und als Beisitzer Herr Dr. Bamberger und Herr S. Willner gewählt. Hierauf fand eine Besprechung über interne Organisationsfragen statt, über die vielleicht später hier einmal zu berichten ist. Leider war die Beteiligung an der Versammlung eine sehr schwache, auch aus dem Kreise der „Adas-Israel". So war bei vorgedachter Versammlung von der Vorstandschaft nur ein einziger Herr als Gast zu sehen! Aiirlh. An Stelle des verstorbenen H. Seligmann wurde Herr M. Rosenblatt als Synagogendiener an der hiesigen Hauptsynagoge ernannt. Würzburg. Mir ist dieser Tage ein nettes Geschichtchen eingefallen; ich glaube, es steht irgendwo im Talmud. Ein großer Meister und Fürst in Israel wollte einmal zwei blutarmen, aber grundgelehrten Herren führende Stellungen anbieten; die wollten sie ausschlagen, wollten nicht Rabbiner werden. Worauf der Fürst sagte: „Ja, Ihr meint wohl, Ihr werdet von mir mit einer Herrschaft begabt, i wo, zum Dienen habe ich Euch berufen-". Dieses zierliche Geschichtchen fiel mir ein, als ich hörte, daß in einer orthodoxen Gemeinde einem anzustellenden Rabbiner die Bedingung auferlegt werden sollte, welche besagt: Falls infolge von Dispositionen des Rabbiners Differenzen entstehen, so wird ein Schiedsgericht (!) zusammengesetzt, bestehend aus fünf Kultusvorständen und einem nichtjüdischen Bürgermeister. Dieses Schiedsgericht kann eventuell auch über Entlassung befinden. Ich gestehe, im ersten Augenblick war ich wie vor den Kopf geschlagen, aber dann sagte ich mir eben, diese Herren wollen einfach die Andeutung des Rabbi Gamaliül von der „Knechtschaft" in vollem Umfang zur Wahrheit machen. Und es ist ihnen gelungen, wahrhaftig. Denn selbst das wunderbare Gebilde eines „Schiedsgerichts", bei dessen Zusammensetzung der zumeist Betroffene nebbich gar nichts mitzureden hat, bei dem die Entscheidung in religiösen Fragen einem nichtjüdischen Bürgermeister zugewiesen ist, ist doch schließlich die Blüte eines Knechtschaftstraumes. Aber trotzdem schüttele ich allezeit noch mein weißes Haupt. Denn ich kenne die in Frage kommenden Herren; es sind wirklich ernste Männer. Deshalb erhebt sich mir die brennende Frage: Wer hat diesen famosen Rat eingegeben. Es wird ja wohl sich Gelegenheit bieten, zu untersuchen, ob diese „Bedingungen" Verstöße gegen die gesetzliche Grundlage des Rabbineramts in sich schließen, ob nicht dadurch der ganze moralische Wert der Wirkung auf ein furchtbar tiefes Niveau hinabgedrückt ist. Es wäre nach meinem Ermessen das Richtigste, wenn einer der Beteiligten die Bedigungen einmal zur Kenntnis der hohen Königlichen Begierung von Unterfranken bringen würde, und dabei die Bitte ausspräche, ebenso wie es seinerzeit das hohe Kgl. Staatsministerium gelegentlich der Vakanz eines pfälzischen Rabbinats getan hat, die Bedingungen einmal auf ihre rechtliche Berechtigung hin zu prüfen. Ein andermal weiter über dieses Kapitel. Ach, was war dieser Rabbi Gamaliül ein so tiefblickender Mann! Giebelstadt (Antersranken). Vor einigen Tagen wurde in unserer kleinen Gemeinde ein seltenes Fest begangen: Ungefähr drei Jahre sind es her, als unsere Synagoge wegen Baufälligkeit polizeilich geschlossen werden mußte. Mit vieler Mühe und großen Opfern ist es uns gelungen, eine entsprechende neue Synagoge zu bauen, welche am 31. August in würdiger Weise eingeweiht wurde. Die politische Gemeinde nahm regen Anteil daran, indem die Einwohner ihre Häuser beflaggten und sich sowohl beim Zuge, als auch in der Synagoge mit ihren israelitischen Mitbürgern vereinigten. Der Festzug bewegte sich vom Hause des Kultusvorstandes, Herrn H. Schmidt, mit Vorantritt der Musik zur Synagoge. Dort angelangt, trug die Tochter des Vorstandes, Frl. Schmidt, ein Gedicht vor und überreichte den Synagogenschlüssel dem Bürgermeister; derselbe hielt eine Ansprache, schilderte mit kernigen Worten die Veranlassung des Neubaues, lobte in herrlicher Weise den Opfersinn der israelitischen Gemeinde, schloß mit herzlichen Wünschen für das Emporblühen des guten Einvernehmens aller Ortsangehörigen und übergab den Synagogenschlüssel dem Distrikts-Rabbiner Bamberger aus Würzburg, Ver-" weser des Rabbinats Kitzingen. Dieser erwiderte dem Herrn Bürgermeister in entsprechender Rede und überreichte den Schlüssel dem Vorstande. Nach dem Einzuge wurde ^lu totu gesungen und die Umzüge mit den Thorarollen vorgenommen, wie am TIioi-u. Nachdem Herr Vorstand Schmidt die Anwesenden in längerer Ansprache begrüßt hatte, bestieg Herr Rabbiner Bamberger die Kanzel, hielt die Einweihungsrede, die sich darüber verbreitete, welche Namen unsere Stammväter den geheiligten Stätten beilegten, nämlich Berg, Feld und Haus, als Symbol für die Synagoge. Sie sei stets ein Ber g, zur E r - Hebung, zur Gottesfurcht und Gotteserkenntnis, ein Feld zur Aussaat von Liebe zu Gott und dem Nebenmenschen, ohne Ausnahme, und ein Haus, indem man sich jederzeit heimisch und glücklich dort fühlen solle. Diese dreiviertelstündige Rede schloß mit dem Königsgebet und einem Segen für die Gemeinde und die Behörden. Nach Absingung eines Psalms (150) war die Feier beendigt. Von da aus bewegte sich die ganze Festversammlung unter Musikbegleitung in ein Gasthaus zur geselligen Unterhaltung. Alle Anwesenden, worunter viele Fremde aus Nah und Fern sich befanden, waren sehr befriedigt von der außerordentlich gelungenen Feier. Aus Südbayern. So wirds gemacht. Las ich da in einigen norddeutschen Blättern, die beiden dienstältesten Rabbiner Bayerns hätten Denkschrift usw. bei hoher Stelle eingereicht. Dadurch kann nun leicht die Meinung erweckt werden, als hätte die bayerische Rabbiner-Konferenz nun prinzipiell zur Revisionsfrage Stellung genommen. Eingezogene Erkundigungen ergaben die Nachricht, daß dies nicht der Fall ist, daß vielmehr auch die jüngste Tagung der Rabbiner-Konferenz in der Stellung derselben zur Revisions-