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Das jüdische Blatt · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · p. Seite 7

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
II (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38. Das jüdische Klatl. 7 II. „Heda, wohin so eilig, Freund Benjamin?" „Nach Hause!" „Weshalb da die große Eile? Jetzt sind Sie doch ledig aller Pflicht angesichts des nahenden Sabbats." „Gerade deshalb haste ich heimwärts, um den Alltagsstaub abzuschütteln." „Sie freuen sich wohl auf das Faulenzen von heut' bis übermorgen?" „Ja, ich freue mich, aber nicht aufs Faulenzen, sondern auf das Sabbatvergnügen." „Sabbatvergnügen?! Sie wollen mich wohl uzen! Wo bleibt denn da das Pläsir bei dem ewigen Zwang an diesem Tage und dem Joche, das er auferlegt?" „Zwang? Davon weiß ich nichts. Ein Sabbatjoch kenne ich gleichfalls nicht. Zwang und Joch gehören zum Werktage. Freier als wir uns am Sabbat fühlen, kann kein Mensch es tun." „Das versteh' ein anderer! Da treff' ich gestern den Norbert; der stöhnt und ächzt über die Langeweile und den Zwang des Sabbats. Und Sie leugnen ihn." „Von Leugnen meinerseits kann keine Rede sein." „Hvhaha, sehr gut. Da haben Sie recht. Aber Ihre Sabbatfreuden möcht ich kennen lernen! Na, Sie machen ja ein so bedenkliches Gesicht. Sie fürchten, es könnte stören, wenn ich wie eine Bombe in Ihr Schabbosidyll hineinplatzte?" „Von einer Störung kann nicht die Rede sein. Meine kleinen Brüder werden ebenso wenig in ihrem Jubelgesange „heut' ist Schabbos" eine Unterbrechung eintreten lassen, wie meine Schwestern ihren „Hirsch" beiseite legen werden, oder ich den Schiur mit Vater und Großvater einstelle. Heute ist unser st)ur-tixc>. Da mag und darf kommen, wer will und sich friedlich niederlassen. Große Beachtung wird er aber nicht finden. Er tritt in den Hintergrund, gibt nur die Staffage zum Schabbos ab." „Hm, wenig schmeichelhaft für mich. Wenn Sie nun so schön Ihren Freitag Abend ausgefüllt haben, wie ist's damit bezüglich des Samstag Vormittags? Wie bringen Sie ihn herum?" „Auf die schönste Weise." „Und die wäre?" „Durch Anhören eines Vortrags." „Was ist's für einer, etwa moderne Predigt?" „Durchaus nicht; er enthält Kulturgeschichte, Homiletik, Exegese, Aesthetik, Moralphilosophie, Naturforschung: kurz alles, was ein sogenannter „Raschi-Vortrag" bieten kann." „Alle Wetter! Kräftige Frühschoppenkost! Dabei müssen Sie ja gedeihen, Sie Glückspilz, dem Großvater und Vater eine so gesunde religiöse Konstitution gegeben haben. Wer's auch so gut gehabt hätte Mit mir hat weder Vater noch Großvater gelernt. Jüdisches Hab' ich nicht vor mir gesehen, anderes auch nicht. Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich bin. Na, ich tröste mich, mit dem Norbert, der ist als halber Jude auch nicht besser dran.. Aber zu beneiden ist er doch, weil er sein Elend nicht kennt, der macht sich darüber keine Kopfschmerzen. — Aber machen Sie nur kein so rührend mitfühlendes Gesicht. Ich schüttle diese Anwandlung schon wieder ab." „Das sollen Sie nicht. Kommen Sie heute abend zu uns, und versuchen Sie einmal, an unserem Sabbatvergnügen teilzunehmen." Jüdische Wedizinatpraktikanlen. Jüdische Medizinalpraktikanten sind von paritätischen Krankenhäusern abgewiesen worden. Mehrere Fälle dieser Art sind in Norddeutschland (Britz und Lübeck) vorgekommen und im preußischen Abgeordnetenhause zur Sprache gebracht wor-! den. Darauf hat sich der Ausschuß der preußischen Aerztekammern mit einer Eingabe an den Reichskanzler gewandt, in der er das Ersuchen aussprach, zu bestimmen, daß in Zukunft jeder unbescholtene Medizinalpraktikant von den paritätischen Krankenhäusern, soweit Platz vorhanden, aufzunehmen sei. Darauf hat der Reichskanzler folgende Antwort gegeben: „Zu einem behördlichen Eingriff in die den Kandidaten wie den Anstalten eingeräumte, wechselseitige Freiheit von Meldung und Annahme scheint mir um so weniger Veranlassung vorzuliegen, als die Zahl der in Preußen vorhandenen Praktikantenstellen diejenigen der geprüften Kandidaten um weit mehr als das Doppelte übersteigt, und es daher jedem Kandidaten möglich sein dürfte, einen seinen berechtigten Wünschen (?) entsprechende Praktikantenstelle zu finden. Ein behördliches Vorgehen im Sinne der Eingabe würde nur dazu beitragen, auf dem seinem Wesen nach konfessionell neutralen Gebiet der ärztlichen Vorbildung konfessionelle Gegensätze zu schassen oder zu beleben. Ich möchte daher von einem Vorgehen in dieser Richtung absehen." Das ist eine sehr merkwürdige Begründung des Herrn Reichskanzlers. Also, wenn es den Anstaltsleitungen unmöglich gemacht wird, aus antisemitischen Neigungen jüdische Medizinalpraktikanten zurückzuweisen, so heißt das „Übertragung von konfessionellen Tendenzen auf das neutrale Gebiet der ärztlichen Vorbildung!" Stolypin tot. Stolypin, der Erwürger der russischen Revolution, ist jetzt der Revolution zum Opfer gefallen. Mit ihm ist die Ära Stolypin gewaltsam zu Ende gebracht worden, die mit blutigem Griffel in die Geschichte Rußlands eingezeichnet ist. Mit eiserner Strenge hat er namentlich die Juden niederzudrücken versucht; fürchterliche Pogrome wurden unter seiner Regierung inszeniert, die Ansiedlungs- und Bildungsmöglichkeiten immer mehr eingeengt., die Existenzbedingungen immer mehr erschwert, und ein gräßliches Elend unter der jüdischen Bevölkerung herbeigeführt, aus dem es nur einen Ausweg gab — die Auswanderung. Jede Förderung jüdischen Lebens war gehemmt, die Jca und der Zionismus wurden gesperrt, jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Rußland selbst abgeschnitten. Jetzt wird, in der ersten Zeit wenigstens, die Reaktion noch schärfer einsetzen. Bis jetzt atmeten wir nach jedem Attentat in Rußland auf. Gott sei Dank, sagte man sich, kein Jude zieht die Mordwaffe. Auch diesmal ist der Mörder kein Jude, aber es genügt, daß sein Großvater Jude war, um die Volksleidenschaft aufzustacheln. Daß er im zweiten Geschlecht Christ ist, verschlägt nichts, er wird doch den Juden angehängt. Und die echt russischen Leute beginnen schon ihre Hetze. In Kiew, wo Stolypin des Mörders Kugel traf, ist die Luft schon schwül für die Juden geworden. Mögen unsere Festtage für unsere russischen Brüder ohne Anstoß vorübergehen! -ft -ft -ft Wie die Zeitungen berichten, war Bagrow's, des Mörders Stolypin's, Großvater getauft, sein Vater sei jedoch wieder zum Judentum zurückgekehrt. Unter den Juden Kiew's herrscht Angst und Erregung. Der Polizeiminister teilte den Führern der echtrussischen Verbände mit, daß im Falle von Unruhen die schärfsten Maßnahmen getroffen würden. Die Juden verlassen KiewinMassen. Obgleich die Polizei bis jetzt das Schlimmste verhütet hat, werden Judenhetzen befürchtet, und unter den Juden herrscht eine Panik. Die Gegenwart, in die sich die Juden Rußlands schlecht und recht eingelebt haben, ist trostlos, fürchterlich ist die schreckliche Ungewißheit der Zukunft. In der Presse der Rechten, schreibt die „Frankfurter Zeitung", wird mit brutalem Zynismus die Agitation gegen die Fremdvölker betrieben, welche letzten Endes aus eine gänzliche Knechtung oder Vertrei-

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