Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- II (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdische Statt. Nr. 38. bis er zur Ruine wird. Ist die Thora nicht von Gott, dann ist der Streit um die Beibehaltung dieser oder jener Mizwo eitles Priestergezänk. Der konsequente Denker lächelt über die Inkonsequenz und Willkür, die die Sabbatarbeit gestattet, und das strenge Fasten des Jom Kippur fordert. Verleugnet man die Göttlichkeit der Thora, dann muß man auch die Verantwortung zu tragen wissen für alle Folgen, die daraus entstehen können. Denn schließlich ist doch der Glaube an unfern Gott nicht durch menschliche Gedankenarbeit gesunden, sondern er ist aus der Thora an Israel, an die Menschheit verkündet worden. Ist die Thora nicht von Gott, dann ist vielleicht auch der Glaube an einen persönlichen Gott eine Lüge oder ein Irrtum, an seine Stelle tritt die verschwommene Gottesidee der Philosophie, oder die „Natur" tritt die Regierung an, deren Minister heißen: Geldverdienen und Freudegenießen. Ist die Thora nicht von Gott, dann zieht sich auch die Hand zurück, die den Menschen den Weg zum Sittengesetz gebieterisch weist, die Hand, die statt aus Muskelfasern aus den vergeistigten Worten zusammensetzt ist: Ich bin der Ewige. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich bin der Ewige", ist dann leere Phrase, ohne Verpflichtungskraft: die beiden Fundamente der Religion, Gott und Humanität sind zerstört: sie haben ihre Tragkraft verloren. Gott würde als Gesetzgeber verschwinden hinter den höchsten Forderungen der Sittlichkeit; der menschlichen Selbstsucht und Ueberhebung wären Tür und Tor geöffnet, der ewige Gehalt der Religion würde sich verflüchtigen, Alles würde in Fluh geraten, alle religiösen Vorstellungen und Uebungen wären der individuellen Neigung und Geistesrichtung, also beständigem Wechsel unterworfen. Die Religion verfällt und löst sich höchstens auf in aufgeklärten Idealismus. Wir haben wirklich nur die Wahl zwischen unserer geoffenbarten Religion und Philosophie, zwischen Gottesgesetz und Subjektivismus. Ist die Thora nicht von Gott, dann war das tausendjährige Martyrium unseres Volkes ein ungeheurer Irrtum und unsere Zukunftshoffnung ist eine unsinnige Selbsttäuschung. Der Jude, der diesen Gedanken bis zu seinen letzten Konsequenzen ausdenkt, wird entweder Freigeist oder strenggläubig. Wer jüdischen Seelenadel besitzt, erschauert vor dem Zusammenbruch seines ganzen religiösen Lebens und kehrt mit aller Schwungkraft seines Willens zu Gott und seiner Thora zurück. Gott, Israel und die Thora sind eines! Das ist ein in seiner Kürze und Klarheit erfrischender Satz. Die Thora ist von Gott; von ihr erhält der Sabbat, der Festtag, der Jom Kippur, die jüdische Familie, das jüdische Seelenleben ihre eigene Weihe, für die wir alles opfern bis auf das Leben. Ist die Thora durch Menschen in der Zeit für die Zeit entstanden, dann ist ihre absolute Gültigkeit aufgehoben und je nach Ort und Zeit, Nutzen und Zufall gehen Sabbat, Speisegesetze, Jom Kippur, Reinheit des Ehelebens und Ehegesetze in die Brüche. Schofar, Mazzo, Milo, Sukko, Alles, was man so feinfühlig „Zeremonien" zu benennen sich bemüßigt fühlt, ist überwunden-ist das noch Judentum? Die „liberale Vereinigung" nennt es „liberales Judentum"! (Fortsetzung folgt.) HZriefe vom Lande. ix. Nun muß ich aber in ein Wespennest stechen und lange zurückgehaltene Gedanken äußern. Ueber Gemeinde und Gemeinden möchte ich ein paar Worte verlieren. Denn da Hab ich in den jüngsten Zeiten tolles Zeug gehört. Möchte doch zunächst einmal feststellen. Was heißt das eigentlich „eine Gemeinde"? Ist doch kein toter Begriff, sondern nur eine Zusammenfassung der Menschen von Fleisch und Blut, sagen wir einmal, eine Art von menschlicher Gesellschaft, oder wenn ich mich eines gelehrten Ausdruckes bedienen darf, ein religiös-soziales Gebilde. Aber die Hauptsache, ich wiederhole, sie heißt: Menschen sind es, Juden. Und da tut es mir in der Seele weh, wenn ich so höre und lese, als ob die Gemeinden lauter Kanaillen wären, möglichst ruppig gegen ihre Angestellten, so eine Art Racker von Gemeinschaft. Dagegen muß man einmal Front machen. Gewiß kann es in der oder jener Gemeinde Filze und Knicker geben, es ist ja kein Engelschor. Aber im großen und ganzen steckt hier der große Fehler, daß man eben vergißt, wie auch die Gemeinde aus einzelnen Menschen, heißen und kühlen, edlen und häßlichen, begabten und eigensinnigen, ernsten und gleichgültigen sich zusammensetzt. Da hat man aber das Gespenst eines blutleeren Gemeindebegriffes geschaffen, hebt die Angestellten als außerhalb dieser Gemeinschaft stehende einzelne Persönlichkeiten hervor, und da ist der Gegensatz fertig. Nein, und dreimal nein, auch die Angestellten sind Glieder des Organismus, die wichtigsten Glieder meinetwegen, aber Ersprießliches wird nur keimen, wenn ein ausgesprochen persönliches Verhältnis zwischen den Menschen sich herausbildet. Die Gemeinde ist nicht ein Staat mit fest umgrenztem Arbeitsgebiet der Einzelnen, sondern jede Stunde, jede Freude und jedes Leid, jeder Tag stellt die Frage, was die Menschen einander bieten wollen und können. Wenn unsere Angestellten dazu gedrängt werden, nicht mehr unsere Freunde, sondern unsere „Beamten" zu sein, ja dann kommen so nette Blüten, wie die Taxameterpredigten in einer großen „Gemeinde". Davor behüte uns der Allmächtige. In alten Zeiten war es besser. So meint wenigstens Ihr alter Rosch Ha ko hol. Samstag und Saövat. Von E. w . . . i. I. „Charles, hilf mir raten, wie ich den Freitagabend und den Samstag herumbekomme." „Ja, mein Lieber, das ist schwer für einen wie Du, der noch so unmodern-altväterlich-traditionell lebt." „Aber erlaube, ich und unmodern! Den Samstag halte ich, das bin ich meinen Eltern schuldig." „Du braver Sohn, und dabei langweilst Du Dich sträflich. Na, ich will mich Deiner erbarmen, und Dich unter meine Flügel nehmen." „Aber nimm Rücksicht darauf, daß ich weder fahre, noch Geld in die Hand nehme, noch —" „Noch trefo esse, Karten spiele, musiziere-ha, ja, ich kenne die ganze Litanei in- und auswendig. Sollst Du garnicht. Laß mich nur machen. Wir gehen morgen, Freitag Abend, ins Apollo. Bier trinken und Beifall klatschen darfst Du doch. Zieh' vorher die Handschuhe aus, damit Du durch etwaiges Zerplatzen derselben keine Sabbatentweihung begehst. Recht so?" „Aber gewiß, dagegen könnten selbst meine Eltern nichts einzuwenden haben. Und Samstag?" „Den halben Vormittag füllst Du ja mit Synagogenbesuch aus. Dann machen wir einen Bummel bis zur Tischzeit. Nachher setzen wir uns ins Cafe fest. Hierauf stillst Du wieder Dein Verlangen nach Gebet. Inst lassen wir auf der Promenade die hübschen Mädel an uns vorbeidefilieren. Verstößt dieses Programm etwa gegen Dein Sabbatgebot?" „I bewahre! Ein Glück, daß ich in der Großstadt Dich fand! Nun brauche ich doch die ganze Woche nicht Angst vor dem Samstag zu haben."