Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- II (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. Das Mische Statt 5 nennt. Der Verein ist auf Grund des Programmes gebildet worden, das wir dieser Besprechung vorangeschickt haben, und gibt eine Monatsschrift zur Verbreitung seiner Ideen heraus: „Liberales Judentum". Liberales Judentum! Ist das nicht eine merkwürdige Bezeichnung? Gibt es wirklich zweierlei Judentum, ein liberales und ein orthodoxes? Es kann nur ein Judentum geben, das Judentum, das uns unsere Väter und unsere Mütter durch die Geschlechter hindurch gelehrt und vorgelebt, das Judentum, für das unzählige Märtyrer unerschrocken den Tod auf sich genommen haben, das Judentum, das die Weihe der Geschichte erhalten hat und mit dem Diadem der Unsterblichkeit gekrönt ist. Es ist das Judentum, das in der göttlichen Thora niedergelegt und im Talmud erläutert ist; im 8c1lulelmn /Xrueü ist es in einzelne Gesetzesparagraphen zerlegt und geordnet. Der8olin1c1mn ^inc-Il ist unserProgramm. Das ist das Judentum bis auf den heutigen Tag. Es gibt kein anderes. Es gibt kein orthodoxes und kein liberales. Wir kennen nur das Judentum schlechtweg, dessen Lebensfunktionen im 8ciin1clmn ^Vtucü beschrieben sind. Als die Reform um die Mitte des vorigen Jahrhunderts sich über Deutschland ergoß und wie ein wilder Strom auf dem Gebiete der deutschen Judenheit schreckliche Verheerungen anrichtete, traten die Geisteshelden auf, die Hildesheimer, die Hirsch, die Bamberger, riefen ihre dem Judentum treugebliebenen Mannen zusammen, um gegen die tosende Überschwemmung in gemeinsamer, mutiger und geduldiger Arbeit sichere Dämme aufzurichten. Den ihnen hingeworfenen Fehdehandschuh nahmen sie mit Kühnheit auf und nannten sich stolz mit dem Namen, durch den die Gegner sie zu erniedrigen suchten: Orthodoxen. Es lag trotziger Mut darin, das imponiert uns noch heute. Aber logisch war es nicht. In diesem Namen liegt eine Uebertragung christlicher Vorstellungen auf jüdische Verhältnisse. Noch mehr! Dieser Beiname erweckt den Anschein eines Zugeständnisses, das unsere großen Meister nie gemacht haben, und nie machen wollten, das Zugeständnis nämlich, daß auch ein liberales Judentum berechtigt sein könnte, wie es ein liberales Christentum gibt. Diese Konzession wäre für uns einem Selbstmorde gleich, deshalb können wir sie niemals zulassen. Darum kann nicht scharf genug betont werden, ein „liberales" Judentum können wir niemals anerkennen. In diesen Tagen der Einkehr und Rückkehr muß die Wahrhaftigkeit in ihrem hellsten Lichtglanze erstrahlen, kein Schatten darf sie verhüllen. Man mißverstehe uns nicht. Daß liberale Juden als Juden Geltung und Anerkennung beanspruchen dürfen, ist zu selbstverständlich, als daß es hervorgehoben zu werden brauchte. Wir wollen auch nicht verhehlen, daß wir unter den liberalen Juden reine und edle Charaktere kennen und als solche wertschätzen, wir möchten auch nicht verheimlichen, daß es sogenannte orthodoxe Juden gibt, deren Lauterkeit manches zu wünschen übrig läßt. Aber mit den Personen möchten wir uns nicht befassen. Aus der Arena, in der das Persönliche Staub aufwirbelt, möchten wir uns zurückziehen in die reine Sphäre der Gedankenwelt. Das Thora-Ideal ist so erhaben, daß es nur wenige auserwählte Persönlichkeiten gibt, in denen es bis zu einem gewissen Grade und bis zu einer gewissen Grenze seine Verkörperung gefunden hat. Nicht nur der große Haufe, sondern die Menge der gebildeten Juden sind im allgemeinen weit hinter dem Ziele zurückgeblieben, das die Thora der geistigen Entwickelung des Israeliten steckt. Das gilt natürlich auch für diejenigen Frommen, die in Eifer für die Thora erglühen. Aber was ihnen allen gemeinsam ist, der Masse und der Elite, das ist das Bewußtsein ihrer Verirrung und ihres Abstands von dem begehrenswerten Ziele. Gemeinsam ist allen wahren Juden auch die Ueberzeugung, daß die Thora Gottes vollkommen ist; sie ist ohne Fehl', wir allein sind voll Gebrechen. Die Thora Gottes! Daß uns die Thora, wie sie in unseren Gotteshäusern vorgetragen und in den Lehrhäusern gelehrt wird, von Gott offenbart wurde, das ist der Kern des Judentums. Sie ist Gottes Werk wie die Natur, kein menschlicher Scharfsinn kann sie aus den Angeln heben. Alles in ihr ist fest ineinandergesügt, alle ihre Gesetze sind von demselben treuen Hirten gegeben und beanspruchen alle die gleiche gewissenhafte Pflichterfüllung. Alle bleiben sie ohne Ausnahme unveränderlich im ewigen Kreisläufe der Zeitanschauungen. Sie sind nicht entwicklungsfähig; von Gott wurden sie gleich bei ihrer Verkündigung in der höchsten und reinsten Vollkommenheit gegeben. Wie könnte eines von ihnen für immer aufgehoben werden, ohne daß das ganze Judentum in Frage gestellt würde? Ebenso kann ja auch kein Naturgesetz eingehen, ohne daß das ganze Räderwerk der Weltbewegung zum Stillstände käme. Da alle Gesetze der Thora das Abbild göttlicher Weisheit sind und diese göttliche Weisheit himmelhoch schwebt über dem sichersten und weitesten menschlichen Scharfblick, ist keine menschliche Entwickelung denkbar, von der diese Gesetze überholt oder durch die sie vervollkommnet werden könnten. Die ganze und vollkommeneThoraistdas Wesen und der Inhalt des Judentums. In allen Stürmen und Fluten der Zeiten hat die ganze und vollkommene Thora den Bestand Israels gesichert und das Band um die aus- und absteigenden Geschlechter gewoben. Nur als ein Wort Gottes im buchstäblichen Sinne konnte sie dies einzigartige Wunderwerk vollbringen. Dies ist unsere Ueberlieferung, die unsere Propheten, unsere Könige, unsere Sänger, unsere Weisen, unsere Philosophen, unsere Rabbiner, unsere Väter, unsere Mütter uns vererbt haben. Wer mit dieser Ueberlieferung bricht, bricht mit der Vergangenheit Israels und verliert den Zusammenhang mit der Zukunft. Natürlich. Einem modernen Menschen ist es nicht leicht gemacht, an die Offenbarung zu glauben. An diesem Grundstein stolpern so viele und verlieren die Religion unter ihren Füßen. Aber Konsequenz im Denken darf man von geistig hochstehenden Menschen doch erwarten. Wenn man die Offenbarung verwirft, dann muß man auch die Anarchie ertragen, die daraus auf dem Gebiete der Religion entsteht. Wenn die Thora nicht von Gott wäre — dann ist sie ein Lügengewebe (was Gott verhüte), dann trägt sie auf jeder Seite das Siegel der Unwahrheit, dann ist sie ein literarisches Werk naiver Menschen, die die heutigen „erleuchteten" Geschlechter zu täuschen wähnten. Einem derartigen Gemisch von Wahrheit und Legende sollten wir noch Herrschaft über unsere Lebensgestaltung einräumen? Eine orientalische Gesetzgebung aus den Tagen der Kindheit der Menschheit sollte noch Geltung beanspruchen in der Reife westeuropäischen Kulturlebens, in den Zeiten des raschesten Verkehrs die Speisegesetze, in der Zeit der Sonntagsruhe das Sabbatgesetz, des freien Denkens das Ehegesetz Gewalt über unfern Willen haben? In einer Zeit, wo alle Schranken fallen und alle Unterschiede zwischen den Religionen sich zu verwischen beginnen, sollten wir auf ein veraltetes, von unbekannten Menschen verfaßtes Gesetz uns versteifen, und uns von den Völkern der Welt absondern, um unser eigenes, jüdisches Leben zu leben? Wahrlich, ist die Thora nicht von Gott, so hat es auch keinen Zweck, die ungeheuren Opfer an Kraftanstrengung und Entsagung für den Sabbat zu bringen, die dieser König unter den Gesetzen von uns verlangt? Ist der Sabbat nicht ein von Gott gekrönter, sondern von Menschen gewählter König, dann ist er ein Moloch, der die Kraft Israels gierig auffriht. Ist die Thora nicht von Gott, dann ist es vorbei mit ihrer Ewigkeit und Unveränderlichkeit. Jedes Geschlecht kann aus dem stolzen Bau Stein um Stein Herausreißen,