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Das jüdische Blatt · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
II (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das jüdische KLatl Nr. 38. Iluiettderiimerungen. Merklich nehmen die Tage ab; das frühe Dunkeln, die kühlere, dunstige Atmosphäre, der herannahende Winterschlaf der Natur, sind sie nicht der beste Kommentar zum Schofarton, der sein mächtiges weit hinaustönen läßt und uns erinnert daß dieser Gang auch unser wartet, daß auch wir von Blüte zu Staub und von diesem wieder zum ewigen Frühling schreiten? Gleiche Gefühle walten" im Elul-Monate in allen jüdischen Herzen. Bon dem Treiben des Weltmarktes, der Großstädte, vom Dachkämmerchen des stillen Dorfes, vom Galoppe auf Amerikas unermeßlichen Prärien senkt sich der Blick zurück in längst vergangene Jugendjahre, und lebendig werden die Bilder alles Guten und Edlen, das tiefe Eindrücke auf das noch unverdorbene Kindesgemüt hinterlassen hat. Später, beim Eintritt des Lebensherbstes, wenn nach mancher bitteren Stunde der Enttäuschung das Geschick seine Lektion eingeprägt hat, sind diese Rückerinnerungen das Teuerste, Beste, das „alles Mühen unter der Sonne" hinterlassen. Weit entfernt über unsere Zeit zu klagen und die alten, guten Tage herauszustreichen, müssen wir es uns doch gestehen, daß Muster wahrer hingebender Frömmigkeit, selbstloser Bescheidenheit und ganzen Aufgehens in die Pflichten der Religion, wie wir es in unserer Jugend zu sehen das Glück hatten, heutzutage selten sind. Ein großer Heimgegangener, der Unsterbliches fürs Judentum geleistet, hatte es in seiner Bescheidenheit verboten, öffentlich seines Namens zu gedenken. Die ihn gekannt, werden seiner nie vergessen, nie vergessen die Hellen Geistesblitze eines Auges, voll von Gemüt und Verstand, die hohe Denkerstirne, die wohlklingende Stimme, die stets Trost und Rat, Aufmunterung und Weisheit verkündete, das Feuer und Leben in allen Bewegungen, und es könnte keine passendere Elulbetrachtung geben, als die Art und Weise, wie ein solcher Jehudi seine Mizwaus erfüllte, mit der unseligen zu vergleichen. Gewiß, wir halten Schabbos, wir beten, wir schütteln Lulof. Ist aber der Schabbos für uns so heilig und teuer, daß das ganze Wesen gehoben, die Stimmung stets eine wahrhaft glückliche, der ganze Gesichtsausdruck ein von inniger Befriedigung strahlender ist? Verrichten auch wir unsere Gebete mit feuriger Begeisterung, mit hinreißender Energie, mit Entflammung, die sich jedem Nerv und jeder Faser mitteilt? Sind auch wir entzückt und wahrhaft beglückt „wie der, der reichen Gewinn gefunden", mit der tadellosen Schönheit der ^Vi-dooü llinim? Ist uns auch der Begriff „fremd" fremd, halten wir es für ganz selbstverständlich, daß jeder Bedürftige das volle Anrecht auf unsere Hilfe habe? Die stilvollen Einrichtungen moderner Wohnungen verdrängen den heiligsten Schatz unserer Nation, die Werke unserer Literatur und in entlegene Kämmerchen müssen die Seforim flüchten, die einst der Stolz des sie aus fernen Ländern Sammelnden waren. Unsere Häuser sind nicht mehr der Sammelplatz der TuliuiOö-Oüueüoiniui, die Thora hat hier nicht mehr ,,^t üon^". Bald ertönen wieder die alten, erhabenen „Uomim >>nuioiui-Melodien", die noch den alten Geist enthalten, sie sprechen zu unserem Herzen „Glücklich das Volk, das solchen Idealen huldigt, glücklich die Nation, die Haseüem, ihrem Gotte, dient in alter, unverderbter Einfachheit." N. U. Die Aeuortßodorie (?) (Fortsetzung.) Man hat wohl hin und wieder diese Treue als eine Art Naivität aufgefaßt. Allein, dem ist nicht so, sie war vielmehr das Produkt einer sehr kühlen Reflexion. Man ging zunächst einmal von der Voraussetzung aus, daß diese Träger der halachischen Tradition gewiß auch über alle nicht rein halachische Fragen Ueberlieferungen besaßen, und man suchte den Beweis hierfür darin, daß an solchen Punkten, für welche derartige feste Ueberlieferungen nicht vorhanden waren, augenscheinlich weitgehendste Diskrepanz der Anschauungen vorhanden und fortgeführt wurde. So sei z. B. auf das Buch Hiob hingewiesen, über dessen Autorschaft tatsächlich sehr weit auseinandergehende Meinungen verzeichnet sind. Daraus schloß man sehr schlicht, daß an anderen Stellen, an denen ein Widerspruch gegen eine von einem speziell genannten Weisen oder anonym gegebene Anschauung nicht vorhanden war, eben ein Niederschlag einer Tradition aus alten Zeiten zu verzeichnen ist. Diese „naive" Anschauung der Orthodoxie wird dann eher Beifall finden, wenn man weiß, wie ängstlich gerade der Talmud in der Zurückführung irgend einer Mitteilung auf die primäre Quelle ist. Aber übrigens erachten wir es gar nicht als unsere Aufgabe, die Berechtigung der Anschauung unserer Ahnen nachzuweisen, wenigstens im Zusammenhang dieser Darstellung nicht; hier soll lediglich referiert, geschildert werden. Da hätten wir denn noch über eine andere, hervorstechende Anschauung der „Alt"-Orthodoxen zu berichten, aber uns fehlt hier wirklich der Ausdruck. Wie sollen wir es doch nennen? Wenn wir sagen, „das Bewußtsein der absoluten Inferiorität gegenüber den Weisen der Mischnah und des Talmud, so würde man das schrankenlose Recht der freien Diskussion in den Lehrhäusern nicht verstehen. Nennen wir es hingegen das Bewußtsein der höheren geistigen und sittlichen Stufe jener Heroen, so möchte auch das mißverstanden werden. Und doch ist das letztere die Quelle jener Anschauung. Man muß nur die fast heilige Scheu und Ehrfurcht gesehen haben, mit welcher in jenen Zeiten von den Tanaim und Amoraim gesprochen wurde. Das war mehr als die Anerkennung der großen Gelehrsamkeit, die Verbeugung vor dem Wissen, das war die zwingende Unterordnung unter sittliche Größen, eine Unterordnung, die ihren Lohn in sich trug, indem sie wiederum sittliche Größe erzeugte. Man sagte sich: Wenn solche Männer, die niemals Bedenken trugen, vorhandene Zweifel und Unsicherheiten als solche unter Selbstverleugnung zu kennzeichnen, irgend etwas als absolut sicher aussprachen, dann kann es zwar* Vorkommen, daß spätere Generationen ihre Aeußerungen, ihre Mitteilungen nicht im vollen Umfange begreifen und erfassen, aber niemals kann es gestattet werden, die Unwahrheit, selbst die objektive, zu behaupten. Das etwa ist der innere Kern der Traditionstreue der Orthodoxie. (Forts, folgt.) I». X. Liberales „Judentum". Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechendfortzuentwickeln. ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergibt sich für die Gegenwart die Berechtigung und die Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht. (Programm der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland.) I. Die Thora als göttliche Schöpfung nicht entwickelungsfähig. Im Mai 1908 hat sich in Berlin ein Verein zur Reform des Judentums gebildet, der sich „liberale jüdische Vereinigung"

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