Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- II (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. 3 Das jüdische Statt. einzige Freiheit auf Erden, ziellos auf allen Landstraßen Europas herunlzuirren, abgesprengt von Weib und Kind, von Bruder und Schwester, von Eltern und Freunden." Was hat auch solch eln russischer Schnorrer für großes Anrecht aus Heimat und Familie, aus Weib und Kind! „Sie mögen betteln gehen, wenn sie hungrig sind!" Machen wir uns denn nicht genug Sorgen um sie? Wozu haben wir denn, nicht erst gerade jetzt die Wohltätigkeit organisiert, um den häßlichen Wanderbettel aus der Welt zu schaffen? Auch das war so eine Art Kongreß und mancherlei Philantropen haben Zeit und Geld daran gewandt, um Teil daran zu nehmen. Recht so, Ihr lieben jüdischen Zeitgenossen, recht so, wenn ihr dadurch wirklich Besseres geschaffen habt oder noch schaffen könnt, denn die Armut wird nicht aufhören und immer der Hilfe bedürftig bleiben. Und die Judennot, mit ihrem unausdenkbaren Judenelend, das dem, der es in seiner krassen Fürchterlichkeit je mit eigenen Augen gesehen hat, das Herz erzittern macht, dieses Judenelend wird sortdauern, solange es Staaten wie Rußland und Rumänien geben wird. Zum dritten Male frage ich: „Warum die plötzliche Erregung?" Doch weshalb die Frage? Ich will es euch sagen, obgleich ihr alle es ja ohnehin wißt. Der Zionismus hat auf seinem letzten Kongreß eine „Kulturarbeit" beschlossen, die eine jüdische, große und viel reichere Organisation schon seit mehr als ein Menschenalter im Orient betreibt, ohne daß die gesetzestreuen Juden irgend ein nachdrückliches Paroli geboten hätten. Warum zittert ihr nun auf einmal vor dem Zionismus, der doch in der von ihm propagierten „Kulturarbeit" in der Alliance nur ein Vorbild hat? Und wo wäret ihr denn damals und bis heute? Nennt mir doch außer unablässigen, herben, allerdings auch nur oft auch nur zu berechtigten Kritiken eine einzige gemeinsame Aktion in all den Jahrzehnten, in denen die Alliance, euch gegen den Strich, und in wirklich wenig jüdischem Geiste den Orient eroberte? Und jetzt, da der Zionismus dasselbe tun will und offiziell zu tun beschlossen hat, jetzt erschreckt ihr? Nun, wenn erst der letzte Kongreß beschluß zu Basel euch aufgerüttelt hat, nachdem ihr zu gleiches jahrzehntelangem Tun der Alliance geschwiegen, nur kritisiert habt, nun, dann habt ihr eben geschlafen, und verdient gleichfalls herbe Kritik. Betrachten wir uns nun einmal mit ruhigem Blick die Situation, die schon viel, viel länger so kritisch ist, als ihr erst jetzt erkennt. Ich darf darüber sprechen, denn ich bin erstens gar kein Zionist, und stehe voll und ganz auf dem Boden des überlieferten Judentums. Aber wenn mich auch eine ganz gewaltige Meinungsverschiedenheit vom Zionismus trennt, so übersehe ich dennoch keinen Augenblick die ungeheuren Verdienste dieser Bewegung um Erhaltung ungezählter Tausender unseres jüdischen Nachwuchses. Er ist das Gewissen unseres ganzen Volkes auf dem ganzen Erdenrund gewesen, und hat dadurch eine Mission erfüllt, deren unermeßliche Tragweite nur der abwägen kann, der gleich mir die traurigen Zeiten des Massenabfalls zur Zeit der antisemitischen akademischen Hetzen miterlebt hat. Kein jüdischer Student traute damals mehr dem andern, jeder erblickte in dem andern von heute den Renegaten von morgen. Und es waren wahrlich keine schlechten Kerle, die die Fahnenflucht vollzogen; es waren verzweifelte, von Hause aus ohne jüdischen Halt in die Welt getretene junge Juden. Jeder Tag trieb neue Gruppen hinüber. Eines Tages, als wieder ein sonst vorzüglicher Mensch sich Knall und Fall von uns losgesagt hatte, saßen wir in einer „Bude" in der Friedrichstraße in Berlin beisammen und weinten, große erwachsene Menschen mit akademischen Titeln und Stellen. Ja, wir weinten, weil wir die Hoffnung auf die Zukunft verloren hatten. Wir Alten wissen am besten, was Herzl gerettet, wieviel herrliche Kräfte er uns erhalten hat, Kräfte, die heute ohne ihn für uns verloren gegangen wären. Das Gefühl der Dankbarkeit gegen Herzl hat mir auch seinerzeit den Zionismus so sympathisch gemacht, ohne daß ich jedoch in die in Basel ausgesprochene Kanonisierung dieses wahrhaft großen Juden einstimme oder gutheiße. Da nun aber der Zionismus Bahnen wandelt, die sich mit dem Thorageist nicht vereinbaren lassen, die auch Herzl sicher nicht mitgewandelt wäre, Bahnen, die zu unserem Schmerz auch die Alliance eingeschlagen hat, so engt sich das Feld gemeinsamer Tätigkeit zwischen dem Zionismus und dem positiven Judentum so sehr ein, daß eine eigene Organisation des gesetzestreuen Judentums uns zur unabweisbaren Aufgabe auserlegt ist. Es ist ein tragischer Irrtum des westeuropäischen und eines großen Teils des osteuropäischen Zionismus, an Stelle des wahren jüdischen, einen von den Auswüchsen der modernen Kultur durchsetzten fremden Geist nach der Stätte unserer Verheißung verpflanzen zu wollen. Dort, wo wir die Thora empfangen haben, muh der Thorageist gepflegt und erhalten bleiben; ohne Thora mühten wir auf Zion verzichten. Wir wollen das aber ebensowenig als die Zionisten. Und eben darum, wenn wir nicht noch weiter als bisher von den negierenden Elementen des Judentums abgedrängt werden sollen, so müssen wir endlich gemeinsam handeln; aber nicht in Einzelgruppen, je nach den geographischen Landesabgrenzungen, sondern als ein großer jüdischer Weltbund, den ganzen Erdball umfassend. Alle unter dem einen Banner der Thoratreue und derselben Devise des Schma Jisroel. Lange bevor die Ereignisse zu Basel endlich die Träumenden und Schlafenden aufgerüttelt hatte, war hier in Berlin in einer kleinen Anzahl Gesetzestreuer der Plan gereift, an-Stelle der bisherigen zusammenhanglosen und planlosen Palästinaarbeiten verschiedener Gruppen, die teils unfruchtbare Unterrichts-, teils rein technische, aber keine eine positive Kolonisierung fördernde Arbeit geleistet haben, wirkliche und grundlegende Siedlungsarbeit durch eine weltumspannende Organisation zu schassen. Nicht erst durch die Gunst der Reichen und Einzelnen; denn Massenelend kann nur durch Massenhilfe gelindert, ein Volk nur durch eine große Volksmasse erhalten, ein Erbland nur durch die Arbeit großer kompakter Arbeitsmassen zurückerworben werden. So viel nun auch durch unsere, der gesetzestreuen Juden eigenes Verschulden versäumt und verloren worden ist, vieles, sehr vieles kann noch zurückgewonnen und erworben werden. Doch hierzu ist die Mitarbeit, die Mithilfe von Hunderttausenden unbedingt erforderlich, ja sogar von Millionen Juden. Drum muß ohne jeden Zeitverlust und ohne vorherige unfruchtbare Debatten zunächst und einzig und allein durch schleunigsten Zusammenschluß aller Juden, aller Länder und aller Zungen der Wille zum Ausdruck gebracht werden, das heilige Land dem heiligen Thoragut und Erbe zu erhalten, zurückzugewinnen. Wir stehen in der Neujahrswoche, in den Tagen der Einkehr und dem reumütigen Eingeständnis unserer Sünden und Vergehen. Und wir Alle haben gesündigt. Am schwersten vielleicht an unserem heiligsten Gute, indem wir Jeruscholojims nur mit den Lippen gedacht, seiner aber durch Unterlassungssünden vergessen haben. Der Schofarton soll die Gewissen aufrütteln, soll zu Taten anspornen. So wache denn auf, mein Volk, wache auf! Hi^riui-ni-i! Ikiskmui'riii! (Wachet auf, wachet auf!) (Ein weiterer Artikel folgt.)