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Das jüdische Blatt · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
II (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das fndische Nr. 38. durch unsere reine Gottesfurcht, durch unsere fromme Tat, durch unsere unerschütterliche Thoratreue, durch unsere weite Menschenliebe, durch unsere Milde und Versöhnlichkeit. Und das Glück, Ihn in allen Gefahren und Erfolgen, in allen Stürmen und Freuden zu besitzen, ist so groß, so tief, daß wir es teilen möchten mit allen Völkern der Erde, damit Er, der jetzt nur unser Gott ist, von der ganzen Menschheit anerkannt werde als einziger Gott. Daß er unser König ist, sagen wir mit Stolz und Wehmut: mit Stolz, denn seitdem er unser König ist, konnte kein Despotismus in der Welt unseren Geist knebeln, mit Wehmut, denn obgleich wir ihm dienen, sind wir, sein Volk, zerrissen und gespalten und haben die Kraft noch nicht gefunden, uns zu einem gemeinsamen israelitischen Bund zusammenzuschließen, den Willen Gottes zu erfüllen. Sonst werden diese Gefühle und Hoffnungen durch die Töne des Schofar zur höchsten Vollendung emporgetragen. Heute tritt der Schabbos an seine Stelle und Sabbat, wird der Träger der T'ruogedanken. — „Wo hast du nur deinen Seelenfrieden wieder gewonnen", sagte der erste Menschenvater zu seinem Sohne Kain, als er, der von den Furien Gepeitschte, beruhigt aus dem Gerichte Gottes heimkam. „Ich habe vor Gott aufrichtig Teschuwo getan", antwortete Kain, nun bin ich wie neugeboren. Da wollte das Herz des Vaters fast zerspringen vor Freude, daß sein Sohn den Weg zu Gott wieder gefunden hatte. „So groß ist also die Liebe Gottes", rief er aus, „daß er der inneren Läuterung die Kraft gibt, Schlacken in Gold zu verwandeln!" und im Ueberschwang des Glücks ob dieser Entdekkung entquoll seinem jauchzenden, beseligten Vaterherzen das schöne Loblied auf den Schabbos: Hllsinuur Keliir I/jnuni Ha- 8eliuddo8. Mußte es gerade das Sabbatlied sein? Ja. Teschuwo und Schabbos sind miteinander gepaart. Rosch-Haschonoh verwandelt den Verworfenen in einen Adeligen, Schabbos den Gemeinen in einen König. Beidemal geschieht das Wunder durch die Anerkennung Gottes als des Herrn und Meisters. Der Jude, der sein Geschäft am Freitag Abend schließt, legt Zeugnis ab, daß der freie, lebendige Gott, nicht die Natur, nicht der Zufall über sein Leben und das Leben seiner Familie verfügt, Ihm gehört jeder Tropfen Blut, jeder Splitter Kraft. Und was geschieht? Ueber allen aufreibenden Geschäften, über dem unaufhörlichen Kampf ums Dasein, über allen Erfolgen und Enttäuschungen erhebt sich ein hellichter Tag, der Tag der Seele, der Tag Gottes, an dem die Holdseligkeit Gottes über das jüdische Haus ausgegossen ist als ein Abglanz jener Glückseligkeit, zu der wir einst entschlummern. Der Schabbos mit seiner majestätischen Heiligkeit formt erst das weiche Herz, das in seinen feinsten Verästelungen erzittert, wenn es aus Tönen des Schofar den Rofch-Haschonoh-Ruf vernimmt: „Gott ist König". II. Kein Wort des Dankes, kein Ton des Jubels entrang sich Abrahams Brust, als ihm nach der (Opferbereitschaft) sein einziger Sohn wiedergeschenkt wurde. In ihrer schlichten Weise sagt die Thora nur: Er erhob seine Augen und sah einen Widder mit den Hörnern verstrickt im Dickicht. Das ist alles. Er erhob seine Augen, und nichts beachtete er als das Widderhorn. Ueber die Erhabenheit der. Stunde hinweg erhob er seine Augen und sah die Zukunft seines Volkes. Er sah, wie sein Volk aus seiner Akeido den Mut schöpfte, ein zweitausendjähriges Martyrium zu ertragen, er sah, wie sein ganzes Volk, am Rosch-Haschonoh vor Gott versammelt, den gebrochenen Tönen des Widderhorns den Akeidogeist anvertraute, die unbegrenzte Liebe für Gott, die treue Hingebung an die Thora, die stets bereite Opferwilligkeit für das Judentum. Er sah die Geschlechter dahingehen, eins nach dem andern, er sah aber auch, wie unter den Sichraunaus-Klängen des Widderhorns die Frömmigkeit der Väter und Mütter, die Gott bis in den Tod treu gewesen sind, in den Herzen der Kinder wieder ersteht und als ^'elius Ovunn sich in ihr Leben ergießt. — Unzählige Väter und Mütter haben, den Spuren Abrahams folgend, an sich und ihren Kindern eine Akeido vollzogen. Und heute? Heute ist der Schabbos der Altar, auf dem von frommen Eltern eine Akeido vollzogen wird, bei der Berufswahl und bei der Verheiratung ihrer Kinder. Rosch-Haschonoh ist der einzige Festtag, an dem es heißt: Machet ein Ganzopfer, machet aus euch selbst, aus eurem Leben ein Ganzopfer. Das ist das Losungswort für jüdisches Leben. Und beim Schabbos, diesem großen Prüfer im modernen Leben, machen fromme Eltern das Wort zur Tat und gestalten, dem Beispiele Abrahams getreu, aus der Existenz ihres Kindes ein Ganzopfer, das Gott angenehm ist. - j Was verschlägts, daß das Schofar am Schabbos die blutgeschriebene Geschichte Israels, unsere ununterbrochene Akeido, nicht vor Gottes Thron tragen darf? Der Schabbos s.llbst ist ist Träger des Akeidogeistes. L. Msssursri! Ein Mahnruf an die gesamte gesetzestreue Judenheit von Dr. Arthur Kahn. Motto:'^Wo wäret.Ihr, als man die Welt geteilt? Schreckensrufe! Allarmrufe! Mahn- und Sammelrufe! Was hat euch, ihr Schläfer, denn so plötzlich aus eurem hundertjährigen Schlaf gerüttelt? Haben wieder Pogrome stattgefunden? Ist wieder einmal der Boden Rußlands vom Blute erschlagener Juden gerötet worden? Drohen euch wieder einmal Ausnahmegesetze, an die ihr doch endlich einmal gewöhnt sein solltet? Nichts von alledem, lautet die tröstliche Antwort. Wenn Pogrome stattfinden, sammeln wir Geld für die kleinen Wesen, die mit ihren Eltern zufällig nicht miterschlagen worden sind. Wenn man uns an unseren uns „verbürgten" staatsbürgerlichen Rechten rührt, dann rufen wir Protestversammlungen ein, fassen Resolutionen und gehen beruhigt wieder nach Hause und am nächsten Morgen unseren Geschäften nach. Aber in aller Welt, was beunruhigt euch denn so sehr? Es gilt doch also nichts zu sammeln, nichts zu protestieren, nichts zu entrüsten! Also, was beunruhigt euch denn so außerordentlich? Es hat ein Zionistenkongreß stattgefunden! So, so! Ich dachte schon, das jüdische Gewissen sei erwacht wegen des im Kerker schmachtenden Hisners, dem Märtyrer des alten Blutwahns, um den sich außer einem wackern Advokaten keine jüdische Seele mehr kümmert, oder die fürchterlichen Ausweisungen, jetzt vor Eintritt der kalten Wintertage von Tausenden Juden, die das entsetzliche Unglück hatten, in Rußland das Licht der Welt zu erblicken, dort ein Elendsleben zu führen, das fast ununterbrochen von Tod und Gefahren bedroht ist, erfüllten euch mit schweren Sorgen und zu großen Entschlüssen. Aber das alles ist es ja nicht. Wir sind bereits resigniert, weil wir das Elend der andern Brüder schon gewöhnt sind, und einem solchen Massenelend gegenüber ja doch nichts unternehmen können. Sechs Millionen Juden, nun das ist doch auch ein bißchen viel; und dann ist's inRußland, Gottlob! und nicht bei uns. Und nun die Brücke zu eurem allgemeinen Entsetzen über den Zionismus! „Es ist der innere Feind tausendmal gefährlicher als hundert Pogrome mit ein paar Tausend Judenleichen, als die Ausweisung von zehntausend armer Menschen, die dann kein Obdach, keinen Wegplan, kein Reiseziel, keinen Zehrpfennig haben, und nur die

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