Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 23 (1.12.1868)
- Date
- 1868-12-01
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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182 chen, seine Herablassung und Wohlthätigkeit die der Armen gewonnen. Das Wohlthun war ihm förmlich zur zweiten Natur geworden; denn nicht nur daß sein Haus nach den Worten unserer Lehrer offen zur Straße stand und die Armen seine Hausleute waren suchte er die verschämten Armen in ihren Hütten auf, um ihnen unbemerkt von der Welt Hilfe und Trost zu bringen. Daß ein solcher Mann bei jedem frommen und gemeinnützigen Unternehmen sich in hervorragender Weise betheiligte, braucbt wohl nicht erst gesagt zu werden. Mögen unsere Parvenills, die nur zu oft an ihre armen Brüder vergessen und jede Berührung mit denselben sorgfältig zu vermeiden suchen, um nicht an ihre früheren Verhältnisse erinnert zu werden, sich H. Pollak zum Beispiel nehmen. An der Bahre gedachte Herr Pros. Kämpf der Vorzüge des Dahingeschiedenen, gab dem allgemeinen Schmerze in einer ergreifenden Rede Ausdruck, und erinnerte die Hinterbliebenen im Sinne ihres Vaters zu leben, damit, wenn auch nicht H. Pollak, doch das Haus Pollak fortlebe. Die Gleichheit aller Menschen, welche der unerbittliche Tod, der keinen Unterschied macht zwischen Arm und Reich, Jud und Christ, sozusagen ad oculos demonstrirt, beginnt nunmehr auch unter den Lebenden zur Geltung zu kommen. Als Beweis hiefür dient die Ernennung des Herrn J. U. Dr. Otto Pribram, Sohn des hier sehr geachteten Repräsentauzmitgliedes Herrn M. Dr. Emanuel Pribram, zum Adjunkten beim k. k. Kreisgerichte in Kuttenberg, nachdem derselbe die vorgeschriebene Richteramtsprüfung abgelegt hatte. Herr Dr. Pribram ist der erste Jude in Oesterreich, der ein solches Amt bekleidet. Die Ernennung geschah durch Se. Exellenz den Justizminister Herrn Dr. Herbst. Schade, daß man nicht auch bei Besetzungen von Rabbiner- und Predigerposten das früher übliche Erncnnungs- und Berufungssystem beibehalten hat. — Die vacante Predigerstelle in der hiesigen Neusyncwoge wäre unter solchen Umständen schon längst wieder besetzt. Allein was zu thnn, es ist nun einmal Brauch geworden, die H. Prediger erst auf Probe kommen zu lassen, und der Vorstand dieser Synagoge scheint von diesem Brauch den ausgedehntesten Gebrauch machen zu wollen. Bis jetzt haben bereits fünf, Doctores und Nichtdoctores, Probepredigten gehalten und scheinen für die folgenden Sabbate noch mehrere in Aussicht genommen zu sein. Wir unterlassen es aus leicht begreiflichen Gründen, Näheres über die gehaltenen Predigten zu referiren. An der Universität lesen im Wintersemester H. Prof. Wessely Jkarim von I. Aldo zwei Stunden und H. Prof. Kämpf arabisch zwei Stunden und Midrasch zwei Stunden wöchentlich. Es ist zu bedauern, daß das löbl. Talmud - Thora-Comite sich gleich am Beginne des Semesters veranlaßt gesehen hat, die Gemeindebibliothek zu sperren, weil aus derselben ein Buch entwendet worden ist. Im Interesse der Studirenden wäre es wünschenswerth, daß diese das Studium sehr beeinträchtigende Maßregel bald rückgängig gemacht und der Wiederholung eines solchen Vorfalles aus andere Weise vorgebeugt werde. Bei dieser Gelegenheit ersuchen wir das verehrte P. T Comite Beschlüsse zu fassen zur. Beseitigung der vielen Uebelstände, die daselbst herrschen, und die demselben unmöglich unbekannt sein können. — Wie wir in den Tagesblättern lesen, hat Herr Porges von Portheim das Ritte'ckreuz des Franz Josef-Ordens erhalten. M. Stark. Breslau Anfang November. Mit einem recht erfreulichen Zuwachse von Hörern hat das Seminar bereits am 18. v. M. das Wintersemester wieder begonnen. Der größere Theil der Neueingetretenen besteht aus Oesterreichern und zwar meist aus Ungarn und Mähren. Villeicht war es dieses Jahr das letzte Mal, daß österreichische Rabbinatskandidaten in's Breslauer Seminar eintraten, da doch hoffentlich in nicht zu ferner Zeit eine gleiche Anstalt auch im Kaiserstaate in's Leben treten wird. — Von der Zeitschrift, die mit dem Anfang künftigen Jahres an Stelle der Frankel'schen Monatsschrift unter der Rej daktion des Dr. Grätz und Mitwirkung des jüdisch-theologij scheu Vereins erscheinen soll, ist soeben das Programm ausgegeben worden. Sie wird in demselben als Fortsetzung der Monatsschrift, deren vollen Titel sie auch beibehält, angekündigt. „Treu ihrem Prinzipe, die c o n s e r v a t i v e n I nt r e s s e n des I u d e n t h u m ö vom wissenschaftlichen Standpunkte aus zu vertreten", wird sie in demselben Geiste, in derselben Haltung ernster besonnener Forschung wie die frühere weitergeführt werden, aber dennoch in vielen Punkten von Ihr verschieden sein. Der jüdischen Geschichte wird sie nicht mehr so viel Raum, wie bisher gönnen, da in diesem Fache von Juden und Christen in den letzten Dezennien so viel gearbeitet wurde, daß kaum mehr viel Neues zu erwarten steht, Nur interessante, neue Fakta, Beleuchtung der Epochen, Biographien einflußreicher Persönlichkeiten, sowie literar-historische Mittheilungen werden in ihr eine Ai'fnahine finden. Größeres Gewicht wird sie auf Bibelexegese legen, einen Gegenstand, der so lange nur von Christen bearbeitet wurde und seit Mendelssohn, S. D. Luzatto ausgenommen, von keinem jüdischen Forscher gefördert wurde. Ebenso wird sie die Apokryphen und Pseudepigraphen, die den Uebergang vom alten zum neuelt Testamente bilden und bisher ebenfalls nur von christlichen Theologen oft zur Verunglimpfung des Judenthums ausgebreitet wurden, mit besonderer Aufmerksamkeit behandeln. Als eine Hauptaufgabe stellt sie sich die Behandlung des Talmuds in dogmatischer, sprachlicher, archäologischer und methodologischer Beziehung, da der Talmud „das Medium ist, durch welches wir das Judenthum bekennen und bethätigen." Nicht minder wird sie aber auch die politische Stellung des Judenthums zur Gegenwart in den Kreis ihrer Besprechung ziehen und dabei den Kamps nicht scheuen, dasselbe aus dem Zustande der bloßen Toleranz zu befreien. In der Behandlung der Tagesfragen wird sie auch dann den Muth der Ueberzeugung nicht verleugnen, wenn die Wissenschaft mit der Praxis in Conflict gerathen sollte. Selbstverständlich soll ihre Darstellungsweise angenehm und populär sein, damit sie nicht blos dem Gelehrten, sondern auch dem Laien zugänglich sei. Wie aus dem Angeführten erhellt, wird die neue Montschrist Vieles und Mannigfaltiges bieten, und der Name des Herausgebers birgt dafür, daß sie auch Gediegenes bringen werde. Zu bedauern ist nur, daß sie nicht als Wochenschrift sich ankündigte und die religiösen Zeitfragen nicht in die erste Reihe stellte; da hätte sie gewiß mehr, als es nach dem Programme zu erwarten steht, einem wahren Bedürfnisse abgeholfen und sich in vorhinein den besten Erfolg gesichert. Daß dieser auch so nicht ausbleibe, wollen wir hoffen und vom ganzen Herzen wünschen. — Breslau, Ende November. Dr. Grätz hatte in den letzten Halbfeiertagen eine Reise nach Wien unternommen. Wie hier verlautet, wäre diese Reise mit der Errichtung eines Seminars in Oesterreich im Zusammenhänge gestanden.— Die maßlosen und ungerechten Angriffe eines gewissen Wiener Briefschreibers gegen Dr. Güdemann haben in den hiesigen Kreisen allenthalben die höchste Indignation erregt; der Herr Verfasser hat aber durch dieselben seinen beabsichtigten Zweck schlecht erreicht, indem er nicht den Rabbiner von Wien, sondern nur sich selbst und die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" herabwürdigte. — Die Thatsache, .aß im Kasseler Schulstreite der Cultusminister von Mühler nachgeben und die dortige, neuerrichtete Realschule als eiue konfessionslose, an welcher, katholische, jüdische und evangelische Lehrer angestellt werden können, erklären mußte, wurde hier in Breslau, wo bekanntlich ein ähnlicher Streit besteht, mit freudigstem Jubel begrüßt. Ich hatte schon einigemal Gelegenheit, über das einmüthige Verhalten der beiden städtischen Behörden gegen die Anforderungen der Regierung zu berichten. Die beiden neuen, auf Kosten der Stadt errichteten Schulanstalten, ein Gymnasium