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Das Abendland · 1868-12-01 · 23 (1.12.1868) · p. Seite 179

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
23 (1.12.1868)
Date
1868-12-01
Page
Seite 179 (sequence 3)
Language
German
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— 179 entgegen. Aber Gott, der Allmächtige, half, und bereitete unfern gepeinigten Glaubensgenossen neue Heimatsstätten. Spanien mutzte die Vertreibung der Juden schwer büßen. Für kurze Zeit erhob es sich zwar zu Macht und Ansehen, bald aber verfiel es in Zerrüttung, Verarmung, Verdumpfung. - , , , Der einzige Sohn Ferdinands und Jsabellen's starb tu jungen Jahren^ ihre einzige Tochter, die Erbin ihrer Länder, verfiel in Wahnsinn. Für Spanien wird nur dann eine neue Aera des Glücks und des Wohlstandes anbrechen, wenn es sich dazu verstehen wird, die Gewissensfreiheit zu proclamiren und das gräßliche, an unfern Stnmmesgenossen verübte Unrecht endlich zu sühnen. (Israelit.) Nachträgliche Noten. Den Bemerkungen des Herrn Rabbiner Dr. Brüll in voriger Nummer des „Abendland" habe ich, vom Redaktionsrechte Gebrauch machend, einige 'Roten beigefügt, die wegen Mangel an Raum nicht abgedruckt wurden, die ich aber heute den geehrten Lesern dieses Blattes nachträglich aus dem Grunde mittheile, weil sie mir Gelegenheit boten, Manches zu berühren, das über den Rahmen des eigentlichen, besprochenen Gegenstandes weit hinaus reicht, und das Niemanden, der sich ans Liebe zur Wahrheit mit der Wissenschaft des Talmud befaßt, gleichgiltig sein kann. Natürlich wird es dadurch nothwendig, die Worte des Herrn Dr. Brüll nochmals zu citiren, um dem Leser die Mühe des Zurückgreifens zur vorigen Nummer zu ersparen. Der Verfasser der Bemerkungen II beginnt: „Der Herr Redakteur dieser Blätter brachte jüngsthin die Sage von der Titusmücke zur Sprache." Ich habe die talmudische Titussage nicht zur Sprache gebracht, sondern eine Erklärung derselben versucht. Diese Erklärung scheint weniger im Geschmacke als gegen die Ueberzeugung des Herrn Dr. B. zu sein, darum zog er eö vor, sie zu ignoriren anstatt zu recensiren, dafür wirft er einige Aphorismen über den fraglichen Gegenstand hin, die ich wieder nach meiner Methode lieber prüfen als mit stolzer Mißachtung verwerfen will. — „Jedenfalls, fährt der Bemerker fort, sollte dieselbe darstellen, wie der göttlichen Allmacht die scheinbar harmlosesten Dinge zur Verfügung stehen, um menschlichen Frevel und Hochmuth auf das Empfindlichste zu strafen." — Die Harmlosigkeit der Mücke zugegeben, kann ich doch diese alte allbekannte Wahrheit nicht als alleinige ethische Grundlage der Titussage betrachten. Allgemeine Wahrheiten resultiren aus den geschichtlichen Ereignissen in reicher Fülle, und es ist praktisch, beim historischen Unterricht auf sie hinzuweisen. — Allein solche allgemeine Wahrheiten sind weniger geeignet die Phantasie des Volkes, des eigentlichen Schöpfers der Sagen, anzuregen, gerade wegen ihrer Allgemeinheit besitzen sie nicht die für den speciellen Fall nöthige Schärfe, um unter dem Meißel der Sage eine plastische Krastgestaltung zu erhalten. Für die altbackene Lehre des Vers, hatte man nicht nöthig aus Titus zu warten, die dritte egyptische Plage hatte weit harmlosere Geschöpfe als die Mücke zu Vollstreckern der göttlichen Allmacht. Bei Titus handelte es sich nicht um die Strafe überhaupt, sondern um eine langjährige Strafe, die in dem Bestraften das Bewußtsein seiner großen Schuld anregt und wach erhält, nicht das Mittel der Strafe, sondern der Zweck derselben tritt hier in den Vordergrund; das führte mich auf den Gedanken, daß in der Titussage die Qual der Gewissensbisse zur Darstellung gebracht werden wollte, und ich verschmähte es, diese einfache Ansicht mit einem sogenannten gelehrten Apparate zu verrammeln, weil ich überhaupt in meinen literarischen Arbeiten nicht jener Richtung in der neuen jüdischen Literatur huldige, die da meint gründlich geforscht zu haben, wenn sie nur recht Vieles zusammengelesen hat. — »Doch konnte, belehrt uns der Verf. weiter, sie (die Sage) sich nur aus historischem Hintergründe entwickeln." — Auch mir gilt die historische Basis bei der Auffassung alter Sagen als ein wichtiger Faktor, doch suche ich, und mit mir jeder ernste Forscher, nur jene Verbindungsfäden, die sich aus dem Geschichtsleben des Volkes herausspinnen und mit dem Volkscharakter verwebt sind, nicht aber jene, die aus irgend einem alten mitunter obskuren Buche hervorgeholt und mit einer allzu lebhaften an die Geisteskämpfe der Jeschiba erinnernden Phantasie zu einer Masche geschlungen werden. Auch bildet die historische Beziehung nur einen Faktor der Volkssage, der bei weitem größere Raum bleibt dem Volksgedanken, und man müßte sich einen eigenthümlichen Culturzustand konstruiren, der seine Bilder nur aus den Annalen der Geschichte und nicht auch aus den allgemeinen menschlichen Anschauungen oder aus dem ansgeschlagenen Buche der Natur holen könnte. Herr Dr. B. ist anderer Meinung, „nur aus historischem Hintergründe kann sich die Sage entwickeln" und er bleibt uns auch die historischen Beziehungen nicht schuldig. Zuerst citirt er Dereubourg, der bei der Titussage unwillkürlich an die Mücken denkt, die Domitian an seinen Griffel zu heften pflegte. Alle Achtung vor der Gelehrsamkeit des Herrn Dereubourg, der sich um die jüdische Wissenschaft wirkliche Verdienste erwarb, aber jeder muß doch dem Dr. B. zustimmen, daß diese Vergleichung weit hergeholt sei." — Ich nehme mit Vergnügen von dieser letzten Bemerkung des Dr. B. Akt, und stelle ihm noch die Notiz zur Verfügung, daß die Titusmücke in der Sage nicht so gar klein war —sie war auch nicht so harmlos — sie wog etliche Pfunde und war mit einem kupfernen Schnabel und mit eisernen Krallen ausgerüstet. Nun rückt Herr Dr. B. mit seiner Erklärung der Titussage heraus, die er nicht als Ansicht, als Vermuthung, sondern als apodiktische Gewißheit hinstellt. Hören wir den Schluß seiner Bemerkung II. „Der Zug von der Mücke, die dem Kaiser in die Nase geflogen, ist fabelhaft, dagegen erzählt Dio Cassius, Hadrian habe einst ein so heftiges Nasenbluten gehabt, daß er sich den Tod wünschte. Das ist die ganze Geschichte, die zur Sage, die Mücke, die zum Elephanten geworden. — Ich muß gestehen, wenn ich mich schon entschließen müßte, den ^on unserer modernen jüdischen Literatur so ausgenutzten Dio Cassius zu verschlucken, ich mich noch viel eher mit Domitians Federmücken als mit Hadrians Nasenbluten befreunden könnte. Dr. B's. Erklärung erinnert unwillkürlich an die bekannte Postbüchel-Anekdote. Sind Sie musikalisch, Fräulein? Nein! aber mein Bruder spricht französisch. Wahrlich da hört schon aller Spaß auf. Weil Hadrian ein heftiges Nasenbluten hatte, läßt die Sage dem zur Zeit des Nasenblutens schon längst verstorbenen Titus eine Mücke in die Nase fliegen. In dieser gelehrten Vergleichung haben die beiden Imperatoren nichts als die Nase gemein. Wollte die Volkssage das Nasenbluten verewigen, so bot Hadrian selbst ein würdiges Objekt für den jüdischen Volkshaß. Doch genug der Polemik. Herr Rabbiner Dr. Brüll, den ich wegen seiner literarischen Strebsamkeit und wegen seiner großen Belesenheit hoch schütze, möge es mir verzeihen, daß ich seinen kurzen Bemerkungen gegen meine Gewohnheit mit solcher Ausführlichkeit und Entschiedenheit entgegentrete. Ich lege auf die Talmudmücke keinen solchen Werth; der Talmud hat unzählige weit interessantere Sagen, und ich lasse Ansichten von dieser Sorte, wenn sie mir auch irrig scheinen, lieber unangefochten; denn es ist bei solchen Nippsächelchen der Literatur mit der Polemik nichts herauözubringen, sie führt feiten zur Eruirung der Wahrheit. Es hat auch hierin Jeder seinen eigenen Geschmack. Am wenigsten ist Empfindlichkeit von meiner Seite darüber, daß Herr Dr. B. nicht einmal meine Arbeit der Beachtung würdig hielt, Ursache meiner Entgegnung; ich lege auch auf die Form einer wissenschaftlichen Erörterung keinen solchen Werth, mir ist es um die Sache, um die Wahrheit zu thun. Was ich in dem kleinen Artikel des Herr Dr. B. bekämpfe, ist die Methode der Forschung, die den literarischen Markt auf jüdischem Gebiete beherrscht, und die, nach meiner Meinung, den Pragmatismus in der jüdischen Wissenschaft nicht aufkommen läßt. *

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