Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 22 (15.11.1868)
- Date
- 1868-11-15
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 — doch konnte sie sich nur auf historischem Hintergründe entwickeln. Derenbourg (Essai sur l’histoire et la geographie de la Palestine p. 303) meint, man müsse dabei unwillkürlich an die Mücken denken, die Domitian an seinen Griffel zu heften pflegte. „On petise involontairement aux mouches que Domitien, selon le temoignage des anciens, aimait ä enfiler autour de son style (Voyez, entre autres, Dion-Cassius LXVI, 9; et un fait semblable raconte sur Nabuchodonosor Tabari chronique I., 5.89.)“ Doch ist dieses weit hergeholt und hat mit der rabbinischen Sage nur das gemein, daß in beiden von demselben Thiere die Rede ist. Der Zug von der Mücke, die dem Kaiser in die Nase geflogen, ist fabelhast, dagegen erzählt 1)io Cassius 69, 17, Hadrian habe einst ein so heftiges, schmerzliches Nasenbluten gehabt, daß er sich den Tod wünschte. Das ist die ganze Geschichte, die zur Sage, die Mücke, die zum Elephanten geworden. III. S. 164 dieses Blattes verlangt der Herr Redakteur dieser Blätter Auskunft darüber, warum die 70 das Wort llttn nur an zwei Stellen (Exod. 4, 20; Num. 16, 15) umschreibend übersetzt haben. Ich habe bereits in B. Eh. Forschungen S. 183 („alte Ansichten und Nachrichten über die Cherubim") den Grund hiefür darin gefunden, daß, weil die heidnischen Judenfeinde den Juden die Verehrung des Esels andichteten, man nichts davon wollte merken lassen, daß Moses sich eines solchen zu seinem Nutzen und Gebrauche bediente.*) Die Maschas, ii. Wir haben bereits in Nr. 20 dieser Blätter einen Auszug aus dem Berichte geliefert, welchen Herr Josef Halevy in der Sitzung der Alliance universelle israelite zu Paris über seine Reise in Abessynien und über den daselbst wohnenden Stamm der Falascha's erstattete. Wir wollen nun heute diese interessanten Mittheilungen vervollständigen. Nach einem die Wirksamkeit der Alliance in dieser Angelegenheit anerkennenden Eingang, fährt Halevy fort: „Meine Herren! eine neue Bahn eröffnet sich Ihrer Thätigkeit. Der alte Boden Aethiopiens offenbart Ihnen endlich das Geheimniß jener Bevölkerung, von der man bis jetzt kaum mehr als den Namen kannte, jener Falascha's, die, treu dem ans Sinai geosfenbarten Gesetze die verschiedensten Phasen des geselligen Zustandes durchlaufen und trotz fo vielen Unglücks nichts von jener Lebenskraft verloren haben, welche es den Völkern ermöglicht, sich auf die Höhe des neuen Geistes zu erheben, der unsere heutige Gesellschaft durchweht. Die Falascha's Abessyniens, ein thätiges, begabtes, vielversprechendes Volk, haben mich beauftragt, der AlHanee ihren Brudergruß und ihren Dank zu überbringen. Nicht ein Brief ist es, der von ihren Gefühlen gegen Sie Zeugniß ablegt. Die Schreibekunst ist in ihrem Lande wenig heimisch. Die schreckliche Anarchie, die jene Gegenden unablässig zerwühlt, setzt Jeden in Gefahr, bei dem man andere als Handelsbriefe vorfindet; er macht sich leicht des Verrathö verdächtig. Um Ihnen ihre Achtung und Bewundernng knnd zu geben, haben unsere abessynischen Glaubensbrüder ein besseres Mittel gefunden. Dieser Jüngling hier mit den beweglichen und ausdrucksvollen Zügen ist auserwählt worden, um Ihnen die Huldigung seiner Brüder zu überbringen. Er kömmt mit der Bitte die Allianee ttt ge ihm eine religiöse und wissenschaftliche Erziehung geben lassen, damit er einst der Lehrer und Civilisator von Myriaden werde, die nach dem Lichte lechzen. Er wird Ihnen selbst seine Zwecke und seinen Dank ausdrücken. Er spricht amharisch als Muttersprache, ich werde seine Worte französisch wiedergeben. Nun beschreibt Halevy den Weg, den er eingeschlagen. Zu Zulu verließ er das englische Heer und *) lieber beide letzten Bemerkungen werden wir uns in nächster Nr. aussprechen. (Der Redakteur.) war am 24. November 1867 zu Keren im Lande der Bogos, einem Lande, um dessen Besitz Egypten und Abessynien sich streiten, nahm seinen Weg gegen Barca zu, dessen weite Ebenen der mächtige Stamm der Beni-Amer durchstreift, kam ins südliche Sudan, und überschritt den Tacazze bei einer Insel, Aban-Edris, wo ein Europäer, der mit wilden Thieren handelt, einen Jagdposten errichtet hat. Zu Kir-Lebanos traf er eine kleine Caravane des Stammes der Dabaina, die Salz und Baumwolle nach dem Markte zu Kabtha führte. Dieser schloß sich Halevy an und kam nach 5 Tagmärschen in der Eigenschaft eines Rhinoceroßhändlers in dieser Stadt an. Um den Verfolgungen der Amhara's zu entgehen, kehrte er bei einem Muhemedaner ein, der einer der drei Marktrichter war. Von seinem Wirthe hörte er zu seiner freudigen Ueberraschung, daß in einer Stunde Entfernung eine Falascha-Gemeinde sich befände, von deren Mitgliedern mehrere das Schmiedegewerbe betreiben. Unter dem Vorwände eines Einkaufs begab er sich in das Falascha-Viertel. Er verlangte mit dem Dettera (Gelehrten, Geistlichen) zu sprechen, und alsbald war eine große Menge da, um den weißen Juden zu sehen. Die Leute wollten anfangs nicht glauben, daß er ihr Glaubensgenosse sei, doch gelang es ihm durch intime Unterhandlungen ihre Zweifel zu beseitigen. In Kabtha mußte er einen Monat warten, dann setzte er von einigen Falascha's begleitet seine Reise fort. Er kam nach der Stadt Walgäit, von da nach Thegadieh, hielt sich einige Tage in Amirfafa aus und gelangte dann nach Dschanfancara, einem Bezirke, der eine bedeutende Falascha-Bevölkerung hat, in Dörfer um den Berg Hoharu (TH), welcher der vorzügliche Aufenthalt der Ascetiker oder Nasiräer ist. Der Krieg trieb den Reisenden von einem Dorfe zum andern, und er schlug endlich die Route ein, die von Matama nach Gendar führt. An einem Freitag Abend gelangte er mit seiner Begleitung in die Nähe von Wahni, wegen des Sabbath konnte er nicht mehr in den Ort ziehen. Das war sein Glück. Am andern Tage wurde der Markt geplündert, und die Obrigkeit, Gegner des Königs Theodoras, weggejagt. Halevy, vor ein Kriegsgericht gestellt, ward auf Fürbitte des Falaschas wieder sreiglassen. Zu Abba-Debter, wo ein berühmter Mesgid oder Tempel der Falaschas ist, feierte er das Passafest, schlug darauf den Rückweg ein, traf zu Cufit eine egyptische Besatzung, besuchte zu Tender, im Lande der Cunamaö, die schwedischen Missionäre, und schiffte sich in Begleitung des jungen, der Allianee vorgeführten Falascha zu Massua aus einem egyptischen Dampfer nach Suez ein. Nun gab Halevy Notizen über dje Falascha's, aus denen wir die Mittheilungen des ersten Artikels in Nr. 20. d. Bl. ergänzen. Die Falascha's sind ihrer jüdischen Abkunft bewußt, sie kennen die Namen der Patriarchen und betrachten Palästina als ihre ursprüngliche Heimath, nach der sie eine unaussprechliche Sehnsucht tragen, was schon ihr Name Falaschas — Verbannte — zeigt. Ihre Tracht ist folgende: Wohlhabende tragen kurze Hosen, eine Art Jacke, die Schama, eine römische Toga mit rothem Rande und die Pantoffeln des Sudan. Die Armen begnügen sich mit 2 Stücken Kattun wobei eins um die Lenden befestigt, das andere über, die Schultern geworfen wird. Knaben gehen häufig bis in's 10. Jahr nackt, die Mädchen sind besser bedeckt. Tie Frauen haben ein langes Hemd, Armbänder, Ohrringe u. s. w. Die arabische Mode der jungen Mädchen, die Nase;n durchstechen, kennen sie nicht. Ihre 'Nahrung besteht größtentheils aus Kuchen von Thief, einem mohnähnlichen dünnen Korne. Der Teig wird theils gesäuert, theils ungesäuert verwendet. Man kennt auch die Durra, eine Art Hirse; das in einigen Provinzen gebaute Korn ist für die Armen zu theuer. Fleisch wird wenig gegessen. Ten Gebrauch der Amhara's, rohes Fleisch zu essen, konnte bei den Falascha's nicht Vorkommen, da sie das Blut verabscheuen. Die gepfefferte Brühe Wat ist allgemein verbreitet. Außer Wasser trinkt man oft, besonders in Feiertagen, Meth (Thedy) und eine Art berauschenden Bieres (Thella). Wegen der das Land verheerenden Bürgerkriege gibt es wenig Milch, noch weniger Butter