Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 21 (1.11.1868)
- Date
- 1868-11-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 164 — aramäisch gesprochen, und die Bücher der heiligen Schrift aus jener Periode sind entweder ganz aramäisch geschrieben, oder enthalten viele Wörter, Ausdrücke, sogar ganze Sätze, die aus dieser Sprache entlehnt sind. Mit Herrschaft und Einfluß der Griechen wurde auch die griechische Sprache unter den Juden heimisch. — In diese beiden Sprachen das heilige Vermächtniß der Nation zu übertragen, erschien demnach als Nothwendigkeit, und der Talmud kennt mehrere Uebersetzungen der Bibel, die er öfters anführt. Josephus Flavius (Antiquit XII. 2) berichtet uns nach dem bekannten Buche des Aristäus*) ausführlich über die griechische Uebersetzung der Bibel, welche auf Berlangen des egyptischen Königs Ptolomäus Philadelphus von israelitischen, zu diesem Zwecke aus Jerusalem nach Alexandrien abgesandten Gelehrten verfaßt wurde. — Die Zahl sowohl der übersetzenden Gelehrten als die Tage innerhalb welcher das große Werk vollendet wurde, schwankt in den Berichten zwischen 70 und 72, letztere Zahl ist allem Anscheine nach die historisch richtige, während die erstere blos der runden Summe wegen vorkömmt. In ziemlicher Uebereinstimmung mit den erwähnten Historikern erzählt uns der Talmud (Megilla 9 a, Sofrim 1, 8) Folgendes von dieser Bibelübersetzung: Ptolomäus ließ die heilige Schrift durch 72 gelehrte Männer übersetzen, er wies jedem derselben ein besonderes abgeschlossenes Zimmer an, jeder mußte für sich allein arbeiten; wunderbarer Weise stimmten alle Uebersetzungen überein, obgleich mehrere Stellen des Originals absichtlich geändert wurden. — Der Talmud liebt es in seiner Weise, ein so wichtiges Ereigniß mit dem Reize des Wunderbaren auszuschmücken, denn eigentlich ging die Uebereinstimmung ganz natürlich zu, die Uebersetzer waren bekanntlich vom Hohenpriester in Jerusalem abgeschickt, sie kannten den Zweck ihrer Mission, und mochten sich schon vor ihrer Abreise nach Alexandrien über die vorzunehmenden Veränderungen besprochen haben. — Aristäus spricht von den heiligen Büchern der Juden im Allgemeinen, während nach den Angaben des Talmud blos der Pentateuch übersetzt worden zu sein scheint. — Immerhin hatten jene Männer vollauf zu thun, um in so kurzer Zeit eine solche Arbeit zu vollenden, bei der nebst Gediegenheit und Präcision eine strenge Treue der Uebersetzung gefordert wurde; auch alle vom Talmud erwähnten absichtlichen Veränderungen — 13 an der Zahl — blos im Pentateuch vorgenommen worden. — Diese Veränderungen verdienen die ganze Aufmerksamkeit der Forschung. — Warum rrans sns dt6k anstatt dtdk K“Q Irans gesetzt wurde, fand bisher leine genügende Erklärung. — Ich glaube, man wollte durch diese veränderte Stellung der Wörter die richtige Uebersetzung des Wortes Irans mit „zuerst" prägnanter hervortreten lassen. Gott schuf zuerst Himmel und Erde, sie waren die ersten Schöpfungswerke Gottes. — Stand Irans am Anfang, so konnte es leicht am Anfang übersetzt und am „Anfang alles Seins" gedeutet werden. — Die damals herrschende falsche Ansicht griechischer Philosophen von der ewigen Existenz der Welt — DT1J7 — fände in der ersten Zeile der heiligen Schrift eine Stütze. — Diesem Jrthume wollte man möglicher Weise Vorbeugen. — Einige Aenderungen betreffen den biblischen Majestätsplural, welchen man in einen Singular verwandelte, um keinen Zweifel an die Einheit Gottes aufkommen zu lassen. Bei manchen dieser Emendationen wollte man geschichtliche oder andere scheinbare Widersprüche des Textes beseitigen. — In der Stelle mtr npJI D315£“D1 wurde das Wort DISK anstatt gesetzt, vielleicht um jede unterzulegende Anspielung aus den egyptischen Apis zu vermeiden. — Traktat Sofrim hat hier offenbar die richtige Leseart, nach Megilla (a. a. O.) setzten sie mn D£HO ‘’S was schwer zu erklären wäre, denn Raschi's Erklärung wird wohl Jeder ungenügend finden. — Daß das Wort ronx nicht mit dem richtigen Aayoq übersetzt wurde, wird im Talmud selbst begründet, und ist jedem Kenner der Geschichte bekannt. — Warum hingegen das im Pentateuch so oft vorkommende Wort TiEn nur an 2 Stellen (Exod. 4, 20. Numeri 16, 15) verändert wurde, kann ich nicht erklären, und es wäre erfreulich, wenn Jemand in diesem Blatte eine zusagende Erklärung darüber geben * wollte. — Es ist nicht zu übersehen, daß auch die Septuaginta an diesen 2 Stellen Aenderungen hat. — Aus dem, , was wir über diese ptolomäische Bibelübersetzung erfahren , haben, ist klar ersichtlich, daß sie nicht nur eine streng treue,! sondern sogar wörtliche gewesen sein muß. — Diese Ueberse- | tzung war jedoch nicht die erste, es waren schon frühere vorj Händen, welche aber, wie man dem König Ptolomäus bemerkte,! nicht in dem Geiste abgefaßt wurden, den so heilige Schrif-! ten verlangen. — So erzählt uns Josephus, und es stimmt i dieß ganz mit folgender Talmudstelle (Sofrim 1, 7) — | „Fünf Gelehrte übersetzten dem Ptolomäus den Pentateuch,! und es war das ein harter Tag für Israel, eben so wie jener als in der Wüste das goldene Kalb gemacht wurde, denn die Torah wurde nicht gehörig übersetzt." — Es mochte schon unter einem frühern Ptolomäer von jüdischen Gelehrten in Alexandrien eine Pentateuchübersetzung verfaßt worden sein, welche manche fremdartige, vielleicht sogar polytheistische Elemente in sich aufnahm, was mit Recht als ein Unglück für i Israel betrachtet und in der neuen Uebersetzung weggelassen! wurde. — Es scheinen überhaupt zur Zeit des 2. Tempels! mehrere griechische Bibelübersetzungen in Umlauf gewesen zu j sein, welche dem Originale nicht treu blieben und durch ihre j eigenthümlichen Tendenzen von .en Rabbinen als nachtheilig! für das Volk erachtet wurden. — So ließ Rabbi Gamaliel! der Alte eine griechische Uebersetzung des Buches Hiob vernichten. (Sabath 115 a.); Ein anderer griechischer Uebersetzer ist Aquila, von dem! wir noch Bruchstücke besitzen. — Er wird ebenso wie Onkej los als ein zum Judenthume übergegangener Heide und in! naher Verwandtschaft mit einem römischen Kaiser stehend j aufgeführt. — Es ist aber wahrscheinlich, daß die Aehnlichj feit der Namen cbpj'K und oblptf zu dieser Verwechslung I Anlaß gab. — Im Midrasch Raba werden von ihm Uebersetzungen angeführt zu Stellen aus den Büchern: Pentateuch i (Genes. 46), Ezechiel (ibid. Hohelied), Sprüche Salomo's! (ibid. Genes. 93), Daniel (ibid. Genes. 21) und Esther 1 (ibid. Esther). Aus den vorhandenen Bruchstücken und aus! den Proben des Midrasch ersieht man, daß Aquila zu den > treuen Uebersetzern zählte. Wichtiger als die griechischen sind die aramäischen Uebersetzungen, theilS wegen der nahen Verwandtschaft dieser Sprache mit dem Original, theils wegen der Bedeutung der Uebersetzer und ihrer charakteristischen Behandlung der Bibel, ist Jonathan ben Usiel, der vorzüglichste Schüler Hillel's, wegen seines Scharfsinns berühmt, so daß es bildlich von ihm heißt: „Wenn er studirte, verbrannten die Vögel in der Luft über ihn" (Sukka 28 a), soll nach den Ueberlieferungen der Propheten Chagai, Zacharias und Malachei übersetzt ha-! ben. Seine Uebersetzung der Propheten scheint im Geiste; der Mystik abgefaßt gewesen zu sein, denn ob dieser Uebersetzung erbebte Palästina, weil er göttliche Geheimnisse aufdeckte; er wollte auch die Uebersetzung der Hagiographen veröffentlichen, da rief ihm eine Stimme, zu: Du hast genug! (Megilla 3 a.) — Die vox populi (*?)p flS) hielt ihn ab, seine Uebersetzung hatte vermutlich im Publikum keinen Anklang gefunden. — Daß die unter seinem Namen vorhandene Uebersetzung des Pentateuch unecht sei, hat die Kritik längst entschieden. Ein vorzüglicher aramäischer Uebersetzer des Pentateuch : ist der genannte Onkelos. — Er ging zum Judenthume über, i und soll nach den Belehrungen der Rabbinen Elieser und; Josua, die ihm wahrscheinlich ihre Ansichten über die Be-! schaffenheit einer solchen Version mittheilten, seine Ueberse-! tzung abgefaßt haben. — Er ist ein wörtlicher Uebersetzer, I bis auf die poetischen Stellen, da hat seine Version einen ' agadischen Anstrich. — Er sucht die biblischen Antropomorphismen durch Umschreibungen zu mildern. — In dem legislatorischen Theil folgt er hie und da der Tradition, doch *) Vergl. "IIKS, Abtheilung II.