Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 21 (1.11.1868)
- Date
- 1868-11-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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"T 163 — Sätze, die für die Aerzte nicht schmeichelhaft klingen. Die Menschen können nicht heilen, heißt es, sie haben es sich nur angemaßt (Berachoth 60), nichts desto weniger wird für die Berechtigung der Aerzte zu ihrem Berufe auf das mosaische Gesetz hingewiesen, welches dem Beschädiger die Verpflichtung auferlegt, den Beschädigten heilen zu lassen (Exod. 21, 19). Diese Berechtigung schützt sie jedoch nicht vor den Pfeilen der Satyre — das ist einmal ihr Los bei allen Völkern und zu allen Zeiten. Der Satz: Der beste Arzt verdient die Hölle (Kiduschin 82) ist ein etwas unhöflicher Ausdruck für den Mißmuth des Kranken und seiner Umgebung, wenn der Arzt gerade die Krankheit nicht wegblasen kann. Uebrigens schadeten solche Bemerkungen dem Stande der Aerzte wenig, im Judenthume schon gar nicht, wo oft in religiösen Fragen die Entscheidung von ihnen abhängt, und mußten sie gar oft dem Rabbiner mit ihren Ersahrungen zu Hilfe kommen (Nasir 44. Vergleiche Maimonides Nalwe we Lowe 15, wo Aerzte und Rabbiner gleichgestellt sind). Die Präservanzia spielen in der Medizin, allerdings mehr zum Wohle der Kundschaft als des Arztes, eine bedeutende Rolle, und gerade dieser Theil der Wissenschaft hat sich in Talmud einer starken Pflege zu erfreuen, man könnte füglich aus seinen Mittheilungen eine kleine Makrobiotik zusammenstellen. Die Diät in der Nahrung hat den Löwentheil. Das Frühstück bis 11 Uhr Vormittags verschieben, wie es bei den Nachtschwärmern vorkömmt, die sich morgens schwer vom Bette trennen können, wird als der Gesundheit nachtheilig erklärt, es ist als ob man einen Stein in einen Schlauch werfen würde (Sabbath 10). Die Speise bleibt im Magen liegen. Man gewöhne sich in jeder Jahreszeit zeitlich zu frühstücken. (Pesachim 111). Nach der Ueberzeugung des Talmud gibt das zeitliche Frühstück besonders den Füßen Kraft. Der Genuß vielen Wassers ist besonders empfohlen (Berachoth 40), die Speisen müssen im Magen schwimmen (ibid. 49). Im Frühling sind auch andere Getränke der Gesundheit dienlich (Sabboth 147); bis zum 40. Lebensjahre ist das Essen das eigentliche Nahrungsmittel, das dem Körper Kraft gibt, im spätern Alter gewinnt der Trunk an Bedeutung (ibicl. 152). Bei der Auswahl der Speisen gibt der Talmud im Gegensätze zur Bibel und der allgemeinen Anschauung der alten Völker den animalischen den Vorzug. Lebendes gibt Leben und erquickt das Herz (Berachoth 44), kleine Fische sind besonders der Gesundheit des Unterleibes dienlich, doch ist der allzuhäufige Genuß derselben den Augen nachtheilig (Berachoth 40, Nedarim 54, Msila 20), auch als Nachtmahl sind sie nicht auzurathen, sie verlangen Bewegung. Fische, heißt es, darf das Bett nicht tragen (Moed Katon 11). Milz ist eine den Zähnen allerdings bequeme, aber sonst schwer verdauliche Speise. Eier werden als gesund und nahrhaft bezeichnet, sie enthalten nach dem Fleische den meisten Nahrungsstoff. Unter den Pflanzenspeisen wird Kohl als besonders verdaulich bezeichnet, doch soll er den Zähnen schaden (Berachoth 44). — Altes Brot, junges Bier — man kennt dieses Getränk schon lange als Gerstensaft — und Kohl machen viel Epcremente, sind dem Wachsthume hinderlich und schaden den Augen (Erubin 55); Datteln stehen in besonderer Gunst, sie erwärmen, sättigen, kräftigen und fördern die Entleerung (Ketuboth 10), Linsen erzeugen üblen Geruch aus dein Munde, Senf schwächt, Kümmel stärkt das Herz, der Geruch des Kümmels ist ungesund (Berachoth 40). Scharfer Rsttig wird nachdrücklichst für die Verdauung empfohlen (Sabbath 108). Saucen sind jenen zu rathen, die an Unterleibsbeschwerden leiden (Gitin 70). Kleine, nicht ganz ausgewachsene Früchte fördern das Wachsthum. (Berachoth 44). Mit Recht wird Bewegung als ein die Gesundheit förderndes Mittel betrachtet. Ohne Bewegung geht die genossene Nahrung in Fäulniß über, und erzeugt üblen Geruch aus dem Munde (Sabbath 25), hingegen ist schnelles Gehen den Augen schädlich (Berachoth 43). Reinlichkeit ist zweifellos eine Bedingung der Gesundheit. Schmutz in den Kopfhaaren ist den Augen gefährlich, Schmutz auf den Kleidern erzeugt Schwindel, Schmutz auf dem Leibe bewirkt Ausschläge (Nedarim 81). Im Zusammenhänge damit werden Waschungen und Bäder besonders empfohlen. Sonderbar ist die Zumuthung, von einem warmen Bade, das man nehmen will, vorerst zu trinken, damit die innere Temperatur der äußern das Gleichgewicht halte. Nach genommenem warmen Bade soll man sich erst mit kaltem Wasser waschen (Sabbath 41.) Das ist das System unserer Dampfbäder, die übrigens auch schon zur damaligen Zeit bekannt waren. Dunst, heißt es, erzeugt wieder Dunst. Nachdrücklichst wird eingeschärst, sich nach dem Waschen ganz gut abzutrocknen, sonst bekömmt man leicht Flechten, (ibid). Ein gesunder Mensch muß immer mit den Entleerungen in Ordnung sein. Derjenige ist reich zu nennen, behauptet ein Talmudlehrer, der den Abtritt nahe am Tische hat (Sabbath 25). Dieser Cynismus von Ausdruck sagt nur, daß die Entleerungen mit dem Genüße in einem gehörigen Verhältnisse stehen sollen. Das Zurückhalten dieser natürlichen Bedürfnisse wird sehr verpönt. Wer die Nothdurft fühlt, und die Mahlzeit, sortsetzt gleicht Demjenigen, der Asche im Ofen läßt und darauf heizt. Ein solches Verfahren erzeugt übelriechende Schweißausdünstungen. (Sabbath 41). — In frühern Zeiten wurde das Aderlässen als ein Präservativ für die Gesundheit bezeichnet, und es gab selten einen Menschen, der sich nicht mehrere Male des Jahres Blut abzapfen ließ. Im vorigen Jahrhundert noch konnte sich das Landvolk ohne Aderlaß und Schröpfkopf keine rechte Gesundheit denken, man war eben in Gesundheit wie in Krankheit mit dem menschlichen Blute nicht sehr ökonomisch. Der Talmud hat über den Aderlaß weitläufige Instructionen. Der Dinstag, dem blutigen Mars gehörend, ist für den Aderlaß nicht günstig. Ruhe und gute Kost werden dabei vorzüglich empfohlen, Wein und sonderbarer Weise auch Milz, sollen das verlorene Blut leicht wieder ersetzen (ibid 129.) Ist der Mensch krank, so ist Heilung nöthig. Der Talmud hat neben den natürlichen Heilmitteln auch gar viele abergläubische; man muß das seiner Zeit umsomehr verzeihen, als auch unsere aufgeklärte Gegenwart sich von sympathischen Kuren noch nicht ganz emancipirt hat. Wie überhaupt die Kurpfuscherei vorzugsweise bei dem zarten Geschlechts stark vertreten ist, stammen auch im Talmud viele solche mysteriöse Recepte von einem Weibe, der Mutter des gelehrten Abajo her. Sagen wir es aber gleich zur Ehre des vielgeschmähten Talmud, daß ihm auch das Bewußtsein von der Unzulänglichkeit dieser Mittel nicht fremd war; es wird sogar ernstlich darüber diskutirt, ob sie nicht vom Standpuncte der Religion als götzendienerischer Aberglaube zu verbieten wären. (Sabbath 67). Die Therapie des Talmud enthält gar viele abergläubische Elemente, doch beruht Vieles darin auf Kenntniß und Erfahrung. (Gitin 67 — 69). Der als Arzt berühmte Talmudlehrer Samuel leistete Vorzügliches in der Okulistik, von ihm rühren viele Augenmittel und Augenwässer her, doch gesteht er selbst: Das Auswaschen der Augen mit frischem Wasser am Morgen und Fußbäder am Abende übertreffe alle künstliche Heilmittel (Sabbath 108). Zum Schlüße wollen wir noch einiger talmudischen Hausmittel erwähnen. Gesalzene Fische, gesalzenes Fleisch und Bier werden bei der Gelbsucht (ibid. 110), frische Ziegenmilch Brustleidenden empfohlen. (Baba Kama 80). Aloe Wachs und Weinbeere sind bei äußern Berwunwundungen angerathen (ibid. 85). Bei Gallenkrankheit erweist sich Brot mit Salz und frisches Wasser, am frühen Morgen genossen, als treffliches Heilmittel. Talmudische Studien. Vom Redakteur. 3. Bibelübersetzungen. Als die hebräische Sprache aufhörte unter den Israeliten Volkssprache zu sein, machte sich natürlich das Bedürfniß von Bibelübersetzungen geltend. Im babylonischen Exil wurde