Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 20 (15.10.1868)
- Date
- 1868-10-15
- Page
- Seite 159 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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159 werden uns stets ein Geheimniß bleiben. Wir lernen die! Gesetze der Natur durch Erfahrung und Beobachtung kennen, wir können ihre Wirkungen fixiren, doch die Grunderschei- . nungen bleiben für uns Axiome, die wir eben so wenig be-! gründen als bezweifeln können. Deshalb sind die Naturwisi senschaften rein empirisch, und je mächtiger, gebildeter und > freier ein Volk ist, desto mehr gewinnt sein Einblick in die! Natur an Umfang, Klarheit und Schärfe. Der Fortschritt j in den Naturwissenschaften ist der Gradmesser für die Volks-! aufklärung und für die bürgerliche Freiheit. Zu allen Zeiten! haben die Feinde der Bildung und der Freiheit den Fort- > schritt in den Naturwissenschaften als ihren größten Gegner! bekämpft. Die Finsterlinge unserer Zeit können es schwer; verschmerzen, daß die Gesetze des Alterthnms gegen Zauberei wie die Hexenprocesse des Mittelalters gegenstandlos geworden. Wenn wir nun in diesem Anssatze von den Naturwissenschaften im Talmud sprechen, von einer Zeit, wo die Juden unter dem größten Drucke lebten, den schrecklichsten Verfolgungen ausgesetzt waren, so ist das kaum ein schwacher Beitrag zur Geschichte der physikalischen Wissenschaften, es ist allenfalls eine antiquarische Studie, aus dem sich ein Reflex | des damaligen Eulturzustandes abspiegelt, und obgleich das : Bild seine reichlichen Schatten irrthümlicher Anschauungen > und falscher Begriffe wirft, dürfte doch mancher lichte Punkt > das geistige Auge des Beschauers erfreuen. Die Zoologie! war in alten Zeiten der classische Boden der wissenschaftlichen Vorurtheile und Jrrthümer, und auch der Talmud eilte seiner Zeit nicht voraus. Die Zoologie des Talmud hat an Dr. Levison, gegenwärtig Rabbiner in Stockholm, einen tüchtigen Bearbeiter gefunden,, und wir wollen dessen Buch dem gebildeten Leser warm empfehlen. Wir lassen hier einige Angaben des Talmud aus der primären Quelle folgen. Das Pferd ist stolz, geil, kriegerisch, gefräßig, schläft wenig und hat wenig Excremente (Pesachim 113). Der Fisch, die Schlange und das Schwein nehmen im Alter an Kraft zu (Sabbath 77). Die Delphine sind Säugethiere. Eierlegende Thiere bringen ihren Jungen die Nahrung ins Nest. Die Fledermaus, von der die Alten überhaupt falsche Ansichten hatten, wird im Talmud auch als eine Ausnahme hingestellt, sie legt Eier, säugt aber dennoch ihre Jungen (Bechoroth 7). Die Raubvögel haben die Augen aufwärts (Nida 7). Die Schlange liebt den Knoblauch als Nahrung; auch war die Zähmung und Dressur der Schlangen, wie sie noch heute in Indien und China üblich ist, bekannt (Rabo Genes. 54). Dem Esel wurde schon zu jener Zeit die Dummheit octroyirt (Rabo Num. 54). Die Zeichen eines wüthenden Hundes werden richtig angegeben (Joma 83). Der Löwe wird König der wilden Thiere, der Adler König der Vögel genannt, und dem Ochsen die Herrschaft über die Hansthiere eingeräumt. (Chagiga 13. Rabo Exod. 23). Heber die Fortpflanzung der Thiere hat der Talmud eigenthümliche Ansichten; die Trächtigkeit einer Thiergattung soll der Blüthenzeit einer bestimmten Pflanze entsprechen, und so wird die Henne mit der Haselnußstande, der Hund mit dem Feigenbaum, das Schwein mit dem Apfelbaum, der Fuchs mit den Getreidearten, das Kleinvieh mit dem Weinstock, das Rindvieh mit dem Oelbaum zusammengestellt. (Bechoroth 8). Auch an fabelhaften Thieren hat der Talmud keinen Mangel. Der Vogel Chel ist der Phönix, der nach tausendjährigem Alter verbrennt, und aus seiner Asche wieder auflebt. Der Salamander entsteht aus Feuer, und zwar, wie Raschi (Chagiga 27) ohne Quellenangabe behauptet, wenn an einem Orte 7 Jahre ununterbrochen geheizt wird, wer sich mit seinem Blute schmiert dem kann kein Feuer schaden. Der Vogel 2N2' der sich beim Sonnenschein in viele Farben verwandelt, dürfte auf einen Vogel mit buntem Gefieder (-/.pco^« Farbe) deuten (Berachoth 6). Der Waldmensch, von dem viel gefabelt wird (Kilaim 8, 5, Commentare daselbst), den Maimonides arab.al nans bezeichnet, ist die dem Menschen sehr ähnliche Affenart nasnas genannt (Herbelot. (Bihliotheque orientale Art. nasnas). Das Kind mit 2 Köpfen, von dem der Talmud (Menachot 37), erzählt, erinnert, wie schon Rappoport bemerkte, an die siamesischen Zwillinge. Die Wiener „Presse" vom 13. Juli 1856 berichtet von einem Kinde, welches in Bristol mit zwei Köpfen geboren wurde, und einige Tage lebte. (Forts, folgt.) Correspondenzen. Brünn. Bei aller Humanität und Toleranz, welche unser Jahrhundert der Aufklärung charakterisiren, erhebt noch hie und da die mittelalterliche Hyder des Glaubenshasses ihr blutiges Haupt, und spottet mit höhnischem, verzerrtem Antlitze aller Eultur und aller Gesittung. Judenverfolgungen, wie sie zum Schmerze eines jeden Menschenfreundes wieder in den letzten Wochen vorgekommen, scheinen ein Pasquill auf die liberale Strömung unserer Zeit, ein wahrer Anachronismus in der Geschichte des menschlichen Fortschritts. In Rumänien, diesem classischen Boden der Judenhetzen, wurde das brutale Schauspiel von 1859 vor wenigen Tagen wieder neu in Scene gesetzt. Aus Anlaß einer unbedeutenden Balgerei, bei der ein Christenknabe eine unerhebliche Verletzung erhielt, wurde der Pöbel gegen die Juden aufgereizt, der nun wie eine losgelassene Meute über dieselben herfiel, mehrere Synagogen zerstörte und die gräulichsten Schandthaten verübte. — Wie berichtet wird, sollen sich sogar Communalbeamte an dem Zerstörungswerke betheiligt haben. Die rumänische Regierung sieht diesem Treiben mit wohlgefälligem Auge zu und wird nachträglich den Remonstrationen der europäischen , Großmächte gegenüber mit scheinheiliger Miene ihre Unschuld! betheuern. Auch in Lemberg tobte der regierungsfeindliche i Mob seinen verbissenen Ingrimm an einer Synagoge aus; l doch leben wir, Gott sei es Dank, in Oesterreich unter einer! weisen Regierung, welche die Gleichberechtigung aller Culte 1 und die Freiheit aller Bürger auf ihr Banner geschrieben! hat, und sie wird, unbeirrt von allen Hindernissen und Stöj rungen, ihren Zweck erreichen. Breslau. Die Vorlesungen am hiesigen Seminar beginnen wieder am 18. October, während die Aufnahmsprüfungen schon einige Tage vorher stattfinden. Die Breslauer Notiz in Nr. 18. d. Bl. bestätigt sich. Die Frankel'sche „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums", die seit dem Jahre 1844 in Dresden und nach einer kurzen Unterbrechung (1846—1851) bis heute als „Monatschrist für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" erschien, wird mit dem Schlüße dieses Jahres zu erscheinen aushören. An ihre Stelle tritt das vom „jüdisch-theologischen Verein" herauszugebende Organ unter Redaktion des H. Dr. Grätz von hier. Locale und auswärtige Notizen. Brünn. Folgende Druckfehler, die in der vorigen Nummer dieses Blattes, der wir der Feiertage wegen nicht die nöthige Aufmerksamkeit schenken konnten, stehen geblieben, bitten wir zu berichtigen. Im Titel des ersten Artikels ist „Neujahrsbetrachtung" anstatt „Neujahrsbeobachtung" im Artikel: „Die Titussage im Talmud" ist „Promotheus" anstatt „Theseus", in der Recension des Bodek'schen Buches: „Antoninus' anstatt „Antonius" zu lesen. * Aus einem in einem speciellen Falle erflossenen Bescheid des hohen Cnltusministeriums ist zu entnehmen, daß das prvjektirte rabbinische Seminar für die westlichen Länder