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Das Abendland · 1868-10-15 · 20 (15.10.1868) · p. Seite 154

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
20 (15.10.1868)
Date
1868-10-15
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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— 154 — Tagen wird das Haupthaar rasirt und das übliche Todenopfer dargebracht, wobei die Armen gespeist und die Tugenden des Verstorbenen gerühmt werden. Die Falaschas sind gute Landwirthe und tüchtige Industrielle. Man findet unter ihnen alle Handwerke vertreten, sie sind Schmiede, Töpfer, Zimmerleute rc., oft versteht einer auch mehrere Handwerke. Der Handel gilt bei ihnen als ein nicht ganz redlicher Erwerb, weßhalb er auch nur unbedeutend betrieben wird. Der Sklavenhandel wird von ihnen verabscheut. Gelangt ein Falascha zufällig in den Besitz eines Sklaven, so bringt er ihm vor Allem die Zehngebote und Reinlichkeitsgesetze bei, und ein solcher wird dann nach sechsjähriger Dienstzeit ohne jede Beschränkung in die Gemeinschaft des Judenthums ausgenommen. Sträubt er sich aber, Jude zu werden, wird er als unrein vermieden und zu den häuslichen Beschäftigungen nicht zugelassen, weil seine Berührung verunreinigen würde. — Als Soldaten sind die Falaschas sehr tapfer, lieben ihr Vaterland über Alles und dienten zu Tausenden in der Armee des unglücklichen Theodors. Die Gerichtspflege befindet sich in den Händen der Aeltesten, von deren Urtheilsspruch Niemand an eine amharische Obrigkeit appellirt. Ihr Temperament ist sanguinisch, schnell aufbrausend, aber noch schneller wieder versöhnt. Jede Gemeinde ist autonom, nur durch die Einheit der Religion werden sie zusammengehalten, ein Schisma, eine Sekte hat es nie bei ihnen gegeben. Nur diesem festen, religiösen Zusammenhalten verdanken es die Falaschas, daß sie den ver chiedenen Missionen und Bekehrungsversuchen nicht zum Opfer gefallen sind. Sie besitzen unfern Canon vollständig, ebenso die Apokryphen, aber in äthiopischer Sprache. Chanuka und Purim kennen sie nicht, dafür feiern sie eine Menge anderer Halbfeiertage, deren Festsetzung sie aus ihren apokryphischen Büchern herleiten. Ihr religiöses Leben ist nicht nach unserer „mündlichen Lehre", sondern nach Gewohnheitsregeln eingerichtet. Die Folge davon und einer eigenthümlichen Auslegung der Schrift ist, daß sie von Tallith, Tefillin und Mesusah keine Idee haben. — Sie haben eine eigene Literatur nach Art der Midraschim in äthiopischer Sprache. — Ihr Glaube ist ein kindlicher, mit Aberglauben untermischt. Sie hoffen auf die Wiederherstellung des jüdischen Reiches und auf die Ankunft des Messias, den sie nicht Messich, sondern „Sohn des Löwen" in Anspielung aus seine Abstammung von Juda, bisweilen auch den „großen Theodoros" nennen. Ihre Tradition enthält Wahrheit und Dichtung. Wie die dortigen Christen, behaupten auch sie, vorigem israelitischen Gefolge der Königin von L>aba und ihres Sohnes Menilek, der den Salomo zum Vater hatte, herzustammen. Von ihren Schicksalen seit der christlichen Aera haben sie nur dunkle Begriffe, Könige und Königinen, Namens Gidron und Judith, waren ihre ersten Regenten, und noch jetzt leiten die Angesehensten des Volkes ihren Stammbaum von dieser Dynastie her. Im Gegensätze zur trägen Landesbevölkerung zeigen sie sich einsichtsvoll und lernbegierig. Ihre Zahl ist sehr groß, läßt sich aber nicht leicht genau bestimmen. Halevy hat ein Verzeichniß von 160 Ortschaften mit einer 50—60 Tausend Seelen übersteigenden Bevölkerung angefertigt. Berücksichtiget man die unzähligen Dörfer und Weiler, die noch außerdem von Falaschas bewohnt sind, so ist ihre Gesammtzahl auf 150—200 Tausend Seelen oder nahezu der Gesammtbevölkerung mindestens zu schätzen. In ihrem Verhältnisse mit dem Landesvolle sind die Fal. mehr gefürchtet, wie gehaßt, obzwar Ye als Abkömmlinge der Kreuziger des Heilands gelten. Bis unter Theodor konnten sie öffentliche Verwaltungsbeamte werden. Theodor wollte eine volle Glaubenseiuheit Herstellen und unterstützte darum die christlichen Missionäre in ihren Bekehrungsversuchen. Elend und Verfolgung brachten diese „Boten des Heils" in die friedlichen Wohnungen der armen Falaschas. Auf ihren Antrieb wurde eine öffentliche Disputation veranstaltet, bei der es sehr hitzig zuging, so daß Theodor schon seine Soldaten auf die unglücklichen Juden anschlagen ließ. Doch da erhoben sich 'diese und riefen eiumüthig aus, sie wollen gerne sterben für ihren Glauben. Der ritterliche Theodor war durch diese Standhaftigkeit gerührt und entließ sie gnädig und reich beschenkt. Die Missionäre und Apostaten kamen bald beim Könige in Mißcredit, besonders als ein Briefwechsel derselben, der dem Theodor mitgetheilt wurde, ihre Verrätherei und Falschheit an den Tag brachte. — Die Missionäre wurden verhaftet, und die Falaschas athmeten auf. Doch waren die Folgen der Missionswirksamkeit sehr traurig. Die Fal. wollten nicht mehr im Heimatlande bleiben, wo ihre Sicherheit so gefährdet war, und wunderten zum großen Theile ans — nach Sonnenaufgang, nach Jerusalem. Ohne Kenntniß des Weges und ohne Vorsichtsmaßregeln irrten sie 3 Jahre umher, bis ein Theil von ihnen, besonders die Frauen und Kinder, den Mühseligkeiten der Reise, der Pest, dem Hunger erlegen waren. Jetzt erst gaben sie ihren abenteuerlichen Entschluß auf und kehrten in Noth und Elend zu ihren verlassenen Hütten zurück. — Sie sind sehr unglücklich, ihre Heerden haben sie verloren, die Unsicherheit des Landes macht einen einträglichen Handel unmöglich. Als Juden und Unglückliche sind sie den Wohlthaten der Alliance zu empfehlen. Sie kennen kein Hebräisch, haben auch wegen ihres vortalmudischen Ursprunges von den unserigen, verschiedene Ceremonien, aber sie sind begeistert für ihre Religion, „lieber tausendfachen Tod als Untreue gegen Gott", lautet ihr Sprüchwort. Sie lobten und dankten Gott, daß ihre europäischen Glaubensbrüder sich ihrer annehmen wollen. Möge die Alliance sie unterstützen, sie sind der Hilfe bedürftig und Werth. — So weit in einem kurzen Auszuge der sehr interessante Bericht Halevy's. Zwar ließ er noch Vieles im Dunkeln, doch hat er versprochen, eine ausführliche Beschreibung jenes Volkes mit Zugrundelegung seines reichhaltigen Tagebuches in einem eigenen Werke: „Essai sur les Falaschas“ baldigst zu veröffentlichen.* *) —H— Ein Prager Iudenaichug. Aus einer Handschrift*) mitgetheilt von H. K o h n. Cs war am 13. März 1741, als die große Kaiserin Maria Theresia ihre Völker durch die Geburt eines Kronprinzen beglückte. Ungeheuer war der Jubel, der ob dieses freudigen Ereignißes die weiten Gauen des schönen Oesterreicher-Landes erfüllte; es schien, als ob die Völker in prophetischem Geiste es geahnt hätten, wer ihnen zum Heil an jenem Tage das Licht der Welt erblickte, als ob sie es vorausgesehen, daß der neugeborne Erzherzog einst ein Kaiser Josef werden würde. Auch die Juden blieben in den Kundgebungen ihrer Freude hinter den andern Unterthanen nicht zurück, und besonders war es die Prager Gemeinde, die hierbei durch eine ungemeine Entfaltung von Glanz und Pracht sich auszeichnete. Schon am 15. März hatte dieselbe, nachdem sie in den Tempeln einen solennen Dank - Gottesdienst gehalten, einen Auszug veranstaltet, viele Almosen unter Christen und Juden vertheilt und Abends vor dem jüdischen Rathhause von einer Bühne herab „Wein und Bier unter lustiger Musik für das gemeine Wohl springen lassen." — Jedoch erst am 24. April fand „wegen der Königin öffentlichen Vorganges" die Hauptfeier statt. Ein Augenzeige schildert uns dieselbe mit folgenden Worten: „Nachdem unter ihnen des Tages Handel und *) Einer andern Mittheilnng über den Halevv'schen Bericht entnehmen wir, daß die Falaschas besonders tüchtige Maurer seien; ferner, daß sie den Tranertag wegen Zerstörung Jerusalems am 17. anstatt am 9. Ab, und das Wochenfest am 12. anstatt am 6. Sivan feiern. (Die Redaktion.) *) Das Manuskript, das Hr. Dr. Grätz mir zu leihen so freundlich war, ist „Präge vom 26. April" datirt ohne Jahresangabe, so wie auch die Kaiserin und der neugeborne Prinz nicht bekannt sind. Doch ließ sich aus dem angegebenen Geburtstage des letztern das Richtige leicht errathen. Ich habe die Schilderung des Aufzuges wortgetreu wiedergegeben und nur die Orthographie zeitgemäß verändert.

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