Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 19 (1.10.1868)
- Date
- 1868-10-01
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 — goge wurde in eine Kirche verwandelt und die Talmudthora- Anstalt erlitt die Metamorphose eines Alumniats (vergl. Zemach David s. 156.) Die Juden mußten natürlicherweise die Vertreibung aus der Residenzstadt nur um so schwerer empfinden, als sie zahlreiche Verdienste um die Hebung des Handels derselben sich bewußt waren, und blos durch die Verleumdung eines fanatischen Bischofs ein solch' tragisches Geschick erdulden mußten. Sie machten unzählige Anstrengungen, um wieder die Erlaubniß zu erhalten, sich in Wien niederlassen zu dürfen, allein sämmtliche Versuche blieben erfolglos; selbst das bisher stets als probat sich bewährende Mittel wollte nicht mehr verfangen. Die einigen wenigen zu Wien tolerirten Juden, die vermöge ihrer ungeheuren Verdienste um den Staat, die Erlaubniß in Wien verbleiben zu dürfen, erhielten, hatten ebenfalls mit Ungemach zu kämpfen. — Samuel Oppenheimer, kaiserlicher General - Commissär, der ebensosehr durch seinen Ungeheuern Reichthum wie durch seine beinahe an Verschwendung grenzende Freigebigkeit be-; rühmt war, erhielt ein Privilegium für sich und seine ganze | Familie, in der Residenzstadt wohnen zu dürfen; im Jahre 1700 jedoch brach gegen ihn ein Sturm von Pöbelhaufen los, der ihn seiner Habe beraubte, und auf die grausamste Weise seiner Plünderungssucht Luft machend, dessen Familieuglück zerstörte (vergl. Oesterr. Chron. v. Becher, s. 382.) Die Veranlassung der Plünderung soll folgende gewesen sein: Im Juli des Jahres 1700 soll ein Schornsteinfeger in einem öffentlichen Gasthaufe die Frage aufgeworfen haben, weshalb die Juden, so irgend ein Christ an ein Bret klopfe, es übel aufnehmen. — Einer der Mitzechenden soll ihn hierüber belehrt haben, daß sie darin nämlich eine Anspielung auf die Kreuzigung Christi erblicken. Ein Diener Oppenheimers, der zufällig an demselben Tische zu sitzen kam, hieß den Schornsteinfeger, welcher in unmittelbarer Nähe Oppenheimers wohnte, schweigen. Es entspann sich hierüber ein heftiger Kampf, so daß die Stadtwache einzuschreiten sich genöthigt sah. — Der Hauptexcedent, ein intimer College des Schornsteinfegers, wurde von der Wache verhaftet, und sofort sammelte sich unter Anführung des Schornsteinfegers ein großer Pöbelhaufe vor der Wohnung Oppenheimers, und drohte, so die Wache dem in Haft gesetzten, nicht sofort die Freiheit gebe, des Oppenheimers Haus zu stürmen. Oppenheimer, der am Fenster des ersten Stockwerkes stehend, den Pöbel zur Ruhe mahnte, wurde von denselben mit Steinwürfen empfangen. Die Wache suchte das Haus durch Wagen und Karren zu verschanzen, allein der wüthende Haufe zertrümmerte dies, nahm' der Wache das Gewehr ab, verjagte selbe, drang ins Innere des Hauses, zerstörte und zertrümmerte sämmtliche Geräthschaften, die in demselben sich befanden, wüthete überhaupt so lange, bis das Haus einer Ruine glich. Selbst die Kanzlei derselben wurde trotz Widerholter Bitten nicht geschont. Oppenheimer und die Seinigen retteten sich auf den Dachboden, um nur ihr Leben in Sicherheit zu bringeu. Der Schade soll uach vorgenommener Schätzung 4,000.000 betragen haben. Daß dieser Tumult eine solche Ausdehnung gewinnen und so lange währen könnte, wird durch den Umstand erklärlich, als wie in der Urkunde erzählt wird, der Hof von der Residenz abwesend, und das Militär eben mit der Schließung der Thore beschäftigt war. Nach Verlauf von zwei Stunden erst erschienen Soldaten auf dem Schauplatze, und es entspann sich da^ ein heftiger Kampf zwischen den Pöbel und Militär, welcher erst dann ein Ende nahm, als man mehrere Kanonen herbeiführen ließ, und selbe gegen den Haufen richtete. Der Pöbel lief nun erschreckt davon, mehrere die eben mit Plündern beschäftigt waren, wurden seftgenommen und verhaftet, der Schornsteinfeger mit seinen Spießgesellen, wurden morgens 3 Uhr aus ihrer Wohnung geholt, und an den eisernen Gittern des geplünderten Hauses gehängt, woselbst sie auch den ganzen Tag über verblieben. Die Angesehenen und Vornehmen unter den tolerirten Juden, um gegen die Wuth des Pöbelhaufens geschützt zu sein, flüchteten sich unter Begleitung der Wache größtenteils nach Ungarn, hauptsächlich nach Preßburg. Auch Oppenheimer, nachdem ihm ein Theil des Geraubten, so viel nämlich gefunden werden konnte, zurückerstattet wurde, flüchtete sich nach Preßburg, und die heute noch angesehene, reiche Familie Oppenheimer zu Preßburg, bilden die Nachkommen desselben. Der Kaiser erließ sofort zwei wichtige Patente zur Sicherheit der Juden, welche in den Straßen Wiens durch Herolde laut verkündet wurden. — (Vergl. hierüber ausführlich Zender ebronienm urbs Windobonae 2. Theil s. 324). Am 16. Jänner des Jahres 1706 rottete sich abermals ein großer Pöbelhaufe, zu welchem auch die Studenten ein nicht unansehnliches Contingent lieferten, gegen die Juden zusammen, allein dieser Tumult, so drohend und gefährlich er auch zu beginnen schien, fand bald sein Ende. Es rückte die ganze Garnison der Stadt Wien gegen dieselbe, 8 der Tumultuanten fanden ihren Tod, die übrigen zerstreuten sich; so zog diese Wolke, die sich abermals über das Haupt der Juden zu Wien zu entladen drohte, ohne jeden verursachten Schaden vorüber. Die Studenten die sich dabei betheiligten, wurden der Universität übergeben, damit selbe die gerichtliche Justiz übe. mehrere derselben wurden auch verhaftet, gegen den Haupturheber jedoch wurde das Urtheil gefällt, daß er auf dem akademischen Richtplatz enthauptet werden sollte, der Kaiser jedoch bestätigte dies Todesurtheil nicht, sondern milderte es zu zweijährigem Festungsbau, und nach Verlauf dieser zwei Jahre sollte er des Landes verwiesen werden. (Vergl. LasnaZe bist, de Juifs c. dl. s. 2011.) Weil aber die Wuth des Pöbels gegen die unschuldigen wehrlosen Juden sich jeden Moment zu entfesseln drohte, erließ der Kaiser eine Verordnung, vermöge welcher jeder Jude, so er nicht mit einem Privilegium versehen, einen Hofpaß besitzen müsse, worin er sich bezüglich seiner Ankunft und seines Aufenthaltes legitimiren müsse, welcher überhaupt nur auf so lange Zeit gütig war, als auf dem Hofpaß verzeichnet wurde. Die Uebertretung dieses Verbots wurde mit schwerem Kerker bestraft. — Diese Schmach ist auch erst vor noch nicht langer Zeit mit so manchen Vorurtheilen beseitigt worden. (Forts, folgt.) Die Titussaye im Talmud. Wir halten in unserem heutigen Blatte, bei Gelegenheit der Besprechung des Buches von Bodek, Veranlassung, unsere Ansicht über die Bedeutung des Talmud für die Geschichte darzulegen. Wir sind jedoch weit entfernt zu glauben, daß die talmudischen Daten, namentlich da, wo sie bestimmte historische Punkte aus der inuern Geschichte des Judeuthums berühren, für den Forscher ganz bedeutungslos wären, im Gegentheile sind sie zuweilen von sehr schätzbarem Werthe. Unser Tadel gilt nur jener so häufig in der jüdischen Literatur hervortretenden Erscheinung, daß man lieber hinein als heraus deutet; da hingegen wo sich eine, gleichsam ohne wissenschaftliche Intention producirte, sondern aus dem Volksbewußtsein hervorgegangene Aeußerung über eine geschichtliche Persönlichkeit findet, verdient sie jedenfalls Beachtung. Dieses ist mit der Titussage der Fall. Die neuere Forschung hat, gegen das parteiische Zeugniß des Josefus nachaewiesen, daß Titus die Zerstörung und Einäscherung des Tempels anordnete, ist's nun zu wundern, daß die Juden jener Zeit ihm den Beinamen „der Bösewicht" gaben, für Palästina war er sicher nicht „die Wonne des Weltalls" — wie ihn die römischen Geschichtsschreiber nennen. Wenn nun die talmudische Sage ihm eine Mücke in die Nase fliegen läßt, die durch viele Jahre in seinem Gehirne pickte, so findet jeder Denker darin, wie im Geier des Theseus, das Bild der Gewissensbisse, die den Tyrannen in Folge seiner Unthat quälten. Daß der von allen Historikern als edel und gütig geschilderte Titus im Talmud so schwarz angeschrieben ist, kann gar nicht auffallen. Eine unglückliche, besiegte und gekränkte Nation ist selten geneigt die guten