Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 19 (1.10.1868)
- Date
- 1868-10-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 faö durch Versetzung nach dem IT2tDR des Rabbi Lhia mit N*1N2 „Zeuge" erklärt und darnach gedeutet. „Die Sünde selbst ist Zeuge gegen den Menschen" (Sukka 52). Der mystische Theil der Bibel war den Talmndisten eine Schwierigkeit, deren sich das gläubig > Gemüth wohl bewußt war. Ueber die Schöpfungsgeschichte sollten nur Zwei zusammen forschen, über die Capitel von den himmlischen Wagen im Buche Ezechiel (n22*l2) — worunter Maimonides die Metaphysik versteht — sollte nur ein bewährter tiefer Denker Forschungen anstellen, über beide Themata sollte, wie bereits erwähnt, nicht öffentlich vorgetragen werden. Auch über den Totalgeist mancher biblischen Bücher wird im Talmud gesprochen. Salomo schöpfte aus den tiefen Quellen der Wahrheit, das klare Wasser durch seine Sprüche heraus, und machte es so trinkbar. Ezechiel und Jesaias, heißt es (Chagipa 13), waren gleich große Propheten, nur erzählt der erste die göttlichen Erscheinungen sinnlicher. Ein Bauer, der den König sieht, erzählt andere Dinge von ihm. als ein Städter, der den König erblickt (vergl. 2'2122 n*"ll2 III. 6). Mancher Punkt in dieser Abhandlung verdiente eine erweiterte Besprechung, doch durften die Gränzen eines Journalartikels nicht zu weit überschritten werden. Manches hieher Gehörige wird in meinem Schriftchen— „Beiträge zu einer Geschichte der Cultur und der Schulen unter den Juden" Prag 1846 — des Näheren besprochen. Entgegnung des J g. Bau m, auf den im 4. Jahrg. Nr. 5 des „Abendland" enthaltenen Aufsatz: Ein Wort über Stenographie bei den alten „Hebräern" von Mark. Freund. (Forts, aus Nr. 17.) Aber man rückt, wie Dr. Zeibig im ersten Capitel seiner „Geschichte der Geschwindschreibekunst" bemerkt, so gern und fast unwillkürlich die Anfänge einer Kunst in das Dunkel der frühesten Zeiten, um dieselbe ehrwürdiger zu machen, und nur diesem Umstande dürfte es zuzuschreiben sein, daß selbst Gabelsberger die Annahme, daß die Hebräer schon die Kunst der auf Schreibkürzungen gestützten Geschwindschrift gekannt und geübt haben, zu unterstützen sucht. Gabelsberger ruft als Gewährsmänner Bibliander und Räder auf. „Dieser Art und Weise zu schreiben", sagt Bibliander, „bedienen sich die Ebräer überaus häufig, daß sie den einen oder andern Buchstaben als den hauptsächlichsten die sämmtlichen Buchstaben des Wortes vertreten lassen; weshalb sie jene auch rasche! theboth [fVDTI ’Wl] Wortanfänge nennen." *) Räder sagt: „Uebrigens scheint viele Jahre vor Cicero Judäa die Zeichenschrift erfunden zu haben, indem man die Gelegenheit, welche sich durch des heiligen Propheten Daniels Auslegung einer solchen Abkürzung darbot, ergriff. Daniel deutete nämlich die von göttlicher Hand geschriebenen Worte „Mane, Thecel, Phares" spy-WI XZY Nyj so, daß die einzelnen Worte die einzelnen Sätze der Rede ausdrücken ') Die Lehrer nun und Erklärer der heiligen Schriften erfanden darauf die neue Auslegungsarr, welche sie die cabalistische nannten, durch welche sie nicht allein Sätze und ganze Reden der heiligen Schrift erklären, sondern auch Silben und ein- *)„Hoc genere scribendi Ebraei plurimum utuntur, ut ponant unam aut alteram literam principalem pro totius verbi literis. Quamobcausam etiam vocant raschei tbebotb h. e. initia diej tionum.“ 9 .piö^rn M2<?2 ■n;pn M2YM «nbpri bpn •tfpi nyt? rorn ijrjrtö npnp .cns (Danieiis caP. v. zelne Buchstaben besonders abwägend, als ob in ihnen ein Geheimniß verborgen liege, prüfen und in historischem, wie mystischem Sinne ausdeuten.und es ist zu vermuthen, daß hieraus von den Juden das Verfahren, auf diese Art und Weise zu erklären, nicht nur, sondern auch zu schreiben ausgegangen sei." *) Von den beiden angeführten Citaten sagt Dr. Zeibig „Obschon die eingeschlagenen Worte des Erstern unter der Ueberschrift cks notis, die des Letztern in einer Erläuterung des bekannten Epigramms des Martial auf einen Schnellschreiber zu lesen sind, und hieraus, so wie aus der ganzen Fassung zu entnehmen ist, daß Beide wirklich der Meinung sind, es handle sich um eine Geschwindschrift, so folgt daraus doch weiter nichts, als daß die Hebräer Buchstaben für Sylben und Worte, Worte aber für ganze Sätze gebraucht haben, ein Abkürzungsverfahren, welches auch bei andern Völkern gebräuchlich gewesen ist, aber durchaus nicht mit jener Kunst unbedingt im Zusammenhänge steht." (Forts, folgt.) Me Urkunden. Juden in Deutschland. Bon Ludwig Lichtschein, Rabbiner in Austerlitz. (Fortsetzung.) Obschon die Veröffentlichung dieser meiner Aufsätze eine kleine Unterbrechung erlitten, so liegt keineswegs der Grund hievon darin, daß ich etwa Bedenken getragen hätte, selbe zu veröffentlichen, um nicht mit dem preußischen Reichskanzler in Conflict zu gerathen, indem ich die Schicksale der Juden in Oesterreich mit in die Rubrik „Juden in Deutschland gezogen hatte, sondern blos in der Ueberhäufuug der Amtsgeschäfte, die mich daran verhinderte. Die grausamste Judenverfolgung zu Wien ist bekanntlich im Jahre 1669 unter Kaiser Leopold, aus Veranlassung des Bischofs zu Neustadt, verübt worden. — Die Juden mußten mit Zurücklassung sämmtlicher ihrer liegenden Güter, deren sie nicht in unbedeudenter Masse besaßen, die Stadt Wien verlassen, und nach verschiedenen Ländern, worin man ihnen noch zu leben und zu athmen gönnte, ziehen. Am meisten aber schmerzte die Juden das Schicksal der erst 15 Jahre vor ihrer Vertreibung erbauten Synagoge nebst dem mit ihr in Verbindung stehenden Seminar zur Heranbildung von Rabbinen. — R. Zecharyas, ein reicher und angesehener Jude zu Wien, ließ im Jahre 1654 auf eigene Kosten eine im Sinne und Geschmacke der damaligen Zeit herrliche Synagoge erbauen. Er verband mit dieser Synagoge zugleich ein Seminar, worin alljährlich 24 Thorajünger gänzliche Verpflegung erhielten, und war es deren Aufgabe, abwechselnd Tag und Nacht emsig in der Lehre Gottes zu forschen. Der Gründer dieser Anstalt, der in die Gründungsurkunde die Worte setzen ließ, daß selbe bis ewige Zeiten fortbestehen möge, konnte allerdings nicht träumen, daß die Verfolgungssucht nur allzubald sein edles Vorhaben vereiteln werde. Diese Syna- *) „Caeterum multis annis ante Ciceronum Judaea notarum(notarum ars ist hier als gleichbedeutend mit siglarurn ars anznseben. Notae und siglae werden oft nicht streng geschieden.) videtnr artem invenisse, captata ex Danieiis, divinissimi vatis, interpretatione bujus compendii occasione. Daniel enim illa coelesti digito exarata verba „Mane, Thecel, Phares“ sic est interpretatus, ut singula verbo singulas observarent orationis sententias. Magistri ergo et divinarum literarum interpretes genus inde interpretandi novam invenerunt, quod chabalisticum appellarunt, quo non tantum sententias et integras divinae scripturae orationes explanant, sed etiam syllabas, et singulas quasque literas separaten expendentes, quasi latent in singulis aliquid mysterii excutinut et variis tarn historicis quam mysticis sensibus interpretantur ... Et conjectura est hinc a Judaeis manasse rationem, hac methodo non interpretandi tantum sed etiam scribendi.“