Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 19 (1.10.1868)
- Date
- 1868-10-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 und früher oder später eine Lösung finden müsse. Es ist nicht gut, wenn die vorhandenen Gegensätze sich stetig zuspitzen, weil dann eine Versöhnung nicht so leicht eintrete'n kann, und möge es beherzigt werden, daß eine ruhige coutiuuirliche Fortentwicklung eine solche Lösung ist, die die sichere Aussicht auf Erfolg hat. Je fester man den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gewesenem und Werdenden festhält, je inniger man an das Vorhandene anknüpft und die . realen Grundlagen des Lebens berücksichtigt, desto mehr bleibt die Continuität aller Entwicklung gesichert Es gibt keinen Sprung in der Natur, und darum darf auch das religiöse Iudenthnm keinen machen. Die Erkenntniß von der Nothwendigkeit einer Reform im Judenthume darf aber nicht bei Einzelnen bleiben, sie muß in das Bewußtsein Aller eindringen und sich in denselben zur unumstößlichen Ueberzeugung festigen. Wohl hat an manchen Drten und in manchen Kreisen -diese Erkenntniß schon bedeutende Fortschritte gemacht, und es ist ein erfreuliches Zeichen die rege Bewegung und das allgemeine Streben wahrzunehmen, welches in dieser Beziehung vielfach zu Tage tritt. Dennoch bleibt noch sehr viel zu wünschen übrig, bis alle Classen der jüdischen Gesellschaft zu dem großen Feldzug völlig gerüstet sein werden. Der Plan zu diesem Feldzuge muß von Sachkundigen entworfen werden, die klar und vorurtheilslos in allen Dingen sehen und die von der Idee beseelt sind, daß nicht aus gewaltigem Umsturz, sondern einzig und allein aus einer friedlichen Nachgiebigkeit von der einen und der andern Seite das wahre Heil erblühen könne. Bevor diese Ideen Verwirklichung erleben, ist es dringende Pflicht eines Jeden, dem die Sache heilig und am Herzen liegt, durch Wort und Schrift unermüdlich für die Vorbereitung der Principien der Reformfrage zu wirken. Der einmal vorhandene Funken darf nicht erlöschen, bis daß er zur hellen Flamme der Läuterung emporlodert. Die Menschen sind aber am meisten geneigt, nach Beispielen, welche sie vor Augen haben, welche sie sehen, und nach Erörterungen, die ihnen deutlich und klar auseinandergesetzt werden, zu handeln. Nur wenige besitzen die Gabe der Selbstschöpfung, oder den Muth, sich ohne äußern Impuls an die Spitze der Reformbewegung zu stellen. Da dürsten nun Reform-Vereine viel beitragen, die Ansichten zu klären und das Richtige festzustellen! Für die Gesammtheit ist es nothwendig, sich nicht nach vereinzelten Richtungen zu zersplittern, sondern das eigentliche Ziel vor Auge zu dessen Erreichung mit vereinten Kräften zu wirken. Wenn einmal die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der Reform in die Gesammtheit gedrungen sein wird und wenn M dieser allgemeinen Ueberzeugung auch die Erkenntniß der praktischen Form beigesellt haben wird, dann vermag nichts mehr die Bewegung in ihrem Fluße zu hemmen, diese Bewegung entspringt dem Geiste, der die Geschicke der Menschheit bestimmt. Die Reformbewegung im Judenthume kämpft nnd wächst, gewinnt an Ausdehnung und Stärke, und welche Hindernisse sich auch derselben entgegenstemmen sollten, endlich siegt sie doch. (Nachbemerkung der Redaktion.) Wir haben den obigen Artikel unseres geschätzten Mitarbeiters unverkürzt wiedergegeben, und müssen der gesunden Anschauung desselben und den vielen darin enthaltenen Wahrheiten unsere Anerkennung zollen, können jedoch dem Vorschläge des Herrn Verfass, zur Gründung von Reformvereinen im Judenthume nicht beistimmen. Religiöse Fragen können nach unserer Ueberzeugung durch Vereine nicht gelöst werden. Die Strömung der Zeit würde die Mitglieder eines solchen Vereines, bei denen man doch nicht immer den zu religiösen Reformen nothwendigen frommen sittlichen Ernst und das gleichfalls unentbehrliche theologische Wissen voraussetzen kann, mit sich fortreißen, und zu Beschlüssen führen, die allzu muthig die Schranken einer positiven Religion durchbrechen, und die Verbindungskette zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die der Vers, mit Recht betont, würde bald in allzu heißem reformatorischen Eifer zerrissen werden. Ein solcher Verein, der sich der destruktiven Elemente nicht erwehren könnte, und nach vereinsmäßigen, bei religiösen Fragen nicht maßgebenden Majoritätsbeschlüssen Vorgehen müßte, würde eher eine Zersetzung als Regeneration des Judenthums herbeiführen. Nur von Theologen und Fachmännern kann eine ans historische Entwicklung des Judenthums und auf wissenschaftliche Erforschung seiner Religionsquellen basirte Reform ausgehen, und nur eine solche ist geeignet, im Judenthume Wurzel zu fassen. Darum empfehlen wir auch diesen Herren den obigen Aufsatz zur Beachtung und Beherzigung. Talmudische Studien. Born Redakteur. (Fortsetzung.) 3. Hebräische Sprache. Bibelexegese. Die Abtheilung biblischer Bücher nach Abschnitten und Versen konnte sicher nur durch damals übliche Zeichen vermittelt werden. Die Eintheilung des Pentateuch nach den Sabbathabschnitten so wie deren Namen waren genau bekannt, auch hatte man für den palästinensischen dreijährigen Cyclus beim Vorlesen aus der Torah eine andere Eintheilung in 175 Abschnitten (Sofrim 16). Die Abtheilung der Sätze ist das _ erste Erfordernis zum Verständniße eines Buches; hatte diese gefehlt, so konnte mau auch nicht von 5 Sätzen sprechen, deren Abtheilung unentschieden sei (STCn Dnb si8). Indessen hatte der Talmud jedenfalls eine andere Abtheitung. der Sätze als die Masora. Er gibt dem Pentateuch 5888 Sätze, die Masora hat deren 43 weniger. Der Talmud gibt auch die Versezahl der Psalmen und des Buches der Chronik an, und zwar sollen erstere um 8 Sätze inehr, letzteres um 8 Sätze weniger als der Pentateuch enthalten (Kiduschin 30'. Hier muß offenbar ein Fehler obwalten, denn könnte man auch die Chronik, in der Viele nomina proprin Vorkommen, in viele kleinere Sätze abtheilen, so läßt sich im Psalmenbuch keinesfalls eine so große Anzahl erzielen (vergl. T03. jeschenim zur Stelle). Dagegen wird die Versezahl von Mischte genau nach der Masora mit 915 angegeben (Rabba: Hohelied). Selbst jene Thätigkeit der Masora, durch Abzählung der Wörter und Buchstaben den Bibeltext unverfälscht zu erhalten, fand schon im Talmud ihre Vorarbeiten (Kiduschin a. a. O.). Manche Wörter der Bibel waren obenauf mit Punkten versehen, was gewiß seine sprachliche uns unbekannte Bedeutung hatte, vom Talmud aber nach seiner agadischen Weise erklärt wird (Berachoth 4). Der Talmud ist zum großen Theile in seinem Ausdrucke eine Fortentwicklung des Hebräismus, und es wird oft dabei mit vieler Freiheit und Selbstständigkeir verfahren. Erwacht die hebräische Sprache fügsamer und geschmeidiger für die Behandlung wissenschaftlicher Materien, und er hat unstreitig das Verdienst, den todten Gebilden durch neue Formen neues Leben eingehaucht zu haben. Manche talmudische Formbildnng mochte ursprünglich der hebräischen Sprache eigen gewesen sein, wenn sich dieß auch bei dem abgeschlossenen biblischen Sprachschatz nicht mit Gewißheit behaupten läßt; so wird von JDätK gebildet jTDacn, „loosen durch Aufheben; der Finger." — Manche Bildungen hingegen sind rein will- ■ kürlich und stehen mit der Bibelsprache in Widerspruch. Der Talmud nahm diese Freiheit für sein selbstgeschaffenes künstliches Idiom in Anspruch. Rabbi Jochanan tadelte einen Gelehrten, weil er das biblisch richtige DTrn für das talmudische mblTl setzte. Das talmudische Idiom (VD2N pt2H) sei nicht mit der biblischen Sprache zu verwechseln (Chulin 137). Häufig werden biblische Sätze in einer passenden Nebenbedeutung angewendet, so robän tTTET an (Pesachim 100), 1JTI ‘TT (Jebamoth 31). Sagte Jemand vor Rabbi Tarphon ein passendes Wort, sprach er PHSI TTlSD; enti sprach es aber seinem Geschmacke nicht, bediente er sich des