Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 19 (1.10.1868)
- Date
- 1868-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9050333-9094778-9051276--0955-9051277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Uro. 19. Brünn, den 1. Oktober 1868. V. Iahrg. W tnfrr. Central-Organ für äße Istsrpfsv« des I»öe«thtt«s. Pränumerationsbetrag ganzj. 3 ft., halbjalnig 1 fl. 50 kr. vierteljährig 80 kr. mit Postzusendung und Zustellung ins Haus. Für's Ausland ganzj. 2. Thlr. halbj. 1 Thlr. 15 Gr. Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur D. EhrMNNN. Erscheint am 1 und 15. jeden Monats. Administration Bäckergasse Nr. 2. 2. Stock. Exped. Krapfengasse 18, Epstein's Buchh. Inserate werden billigst berechnet. Inhalt: Reform und Reformvereine im Judenthume. — Talmudische Studien. — Entgegnung. — Alte Urkunden, Juden in Deutschland. — Die Titusfage im Talmud. — Correspondenzen. — Locale und Auswärtige Notizen. — Briefkasten der Redaktion. — Inserate. Reform und Reformvereiue im Judenthume. Auch eine Neujahrsbeobachtung, von Leopold Wolf in Prag. Unsere Zeit rühmt sich ihres unendlichen Fortschrittes, sie blickt voll stolzen Selbstgefühls aus die hohe Stufe ihrer Entwicklung. Glänzende Erfolge auf allen Lebensgebieten, materielles Gedeihen in bisher kaum geahntem Umfang, Blüthe von Wissenschaft und Kunst und hoher wirthschastlicher Aufschwung, an Quantität und Qualität das Vergangene weit überragend, lassen leicht den Glauben aufkommen, daß man den Höhepunkt erreicht habe, und man gewöhnt sich, die Gegenwart und ihre Zustände als eine in sich abgeschlossene Periode zu betrachten, die keiner weiteren und tiefergehenden Bestrebungen für ihre Culturfortschritte bedürfe. — Wiegt man aber die Dinge ruhig und prüfend ab, so zeigt sich, wie reich gerade diese unsere Zeit, mehr als vielleicht manche vorangegangene, an großen Fragen von weitgehender Bedeutung sei. Es ist eine Zeit, die aus einer Masse von Anfängen und verschiedenartigen Entwicklungen erst zur fertigen Ordnung gelangen muß, eine Zeit, welche, nach dem Zersetzungsprocesse vergangener Jahrhunderte, einen lange schon vorbereiteten Neubildungsproceß zur Vollendung zu bringen hat. Da kreuzen sich noch vielfach die Ueberreste vergangener Formen und die Ansätze neuer Bildungen. Darum dürfen wir nichts von allem Dem, was die Gegenwart uns bietet, als vollendetes Gebilde betrachten, sondern müssen in Allem nur Formationen des Ueberganges erblicken. Wenn uns dieser Umstand schon überall auf staatlichem und socialem Gebiete entgegentritt, wenn wir schon aus allen Gebieten des Lebens das Ringen und Streben nach Neuerem und Besserem, den Kampf anderer Ideen und Principien gegen die Hinterlassenschaft entschwundener Lebensformen und Axiome wahrnehmen, so ist dies in noch erhöhtem Grade auf dem religiösen Gebiete — und was uns speciell interessirt — aus dem religiösen Gebiete des Judenthums der Fall. So lange die bisher in maßgebenden jüdischen Kreisen! allgemeine Meinung an dem Glauben festhält, daß das Vorhandene und Bestehende die Summe des erreichbaren Fortschrittes bezeichne, und daß alle Umgestaltungen des religiösen Lebens und jede Aenderung im Ritus außerhalb des Berei-! cpes der Möglichkeit liege, so lange die Periode, in der wir leben, nicht im strengsten Sinne des Wortes als eine Entwicklungsperiode anerkannt wird, die der Gedankenströmung der Zeit angepaßte neue religiöse Formen — wohl gemerkt bei völliger Unantastbarkeit des inneren Kernes des Judenthumes — bringen müsse, so lange ist an eine richtige Erkenntniß dessen, was die Aufgabe der Neuzeit für das Judenthum sei, so lange ist, ich sage es offen, an eine völlige Aussöhnung der Gegensätze zwischen den Anhängern der alten Institutionen und den Verfechtern der Reform im Judentyume nicht zu denken. Und doch thut dieser Ausgleich Noth, damit das Iudenthum und seine Lehre und sein Ritus sich nicht da und dort überall anders und einseitig ausbilde und gestalte, und sich ans theilweise so irrthümliche Grundlagen ausbaue, als könnte es ohne alle Berücksichtigung seines Zusammenhanges mit dem Leben, als ein in sich abgesondertes angesehen werden, das seine eigenen Wege geht, unbekümmert um die Gesetze menschlichen Wirkens, die auch dem Judenthume eine vorwärtsschreitende Culturbewegung innerhalb des großen Entwicklungsdramas der Menschheit vorgeschrieben und fixirt haben. Heutzutage gilt es alle treibenden Lebenspotenzen tn ein harmonisch in einander greifendes Räderwerk zu vereinen, denn sonst tritt in diesem Räderwerk leicht eine Verschiebung des einen oder andern Rades ein, und es wird die Bewegung des Ganzen eine centrifugale, und ist es auf religiösem Gebiete, so geräth das religiöse Leben in Gefahr I sich in eine Reihe von vernichtenden Gegensätzen aufzulösen.! In Folge dessen gilt es die Herstellung der Harmonie in den j religiösen Angelegenheiten des Judenthums, in Folge dessen ist es die Aufgabe unserer Zeit, eine gemäßigte, sich nicht überstürzende, aber doch durchgreifende dem Wege der jetzigen allgemeinen Culturbestrebungen entsprechende Reform im Jndenthume anzubahnen. Mögen die Gegner der Reform es beherzigen, daß trotz ihrer Negation die Reformfrage doch täglich immer mehr und mehr in den Vordergrund tritt