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Das Abendland · 1868-09-15 · 18 (15.9.1868) · p. Seite 143

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
18 (15.9.1868)
Date
1868-09-15
Page
Seite 143 (sequence 7)
Language
German
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143 — auf den offenen Markt gebracht wurden, damit die Vorüber« gehenden Heilmittel angeben, von welcher Sitte sich auch Spuren im Talmud finden. — „Daß der Besuchende den 60. Theil der Krankheit behebt," hätte wenigstens jene Beleuchtung finden sollen, die der Talmund selbst der Stelle gibt. Die Deutung, die der Talmud der Schriftstelle „Mache ihnen bekannt den Weg, den sie gehen sollen", hatte ebenfalls eine kritische Behandlung verdient. Der geschätzte, uns befreundete Verfasser, möge es als einen Beweis unserer Hochachtung betrachten, wenn wir seine Arbeit mit der Aufmerksamkeit verfolgen, auf die sein reiches Wissen und seine bisherigen literarischen Leistungen ein volles Recht haben. Wir i erkennen gerne an, daß die Kapitel „Leichenbegängniß" und „Leichenfeier" gründlicher und wissenschaftlicher behandelt sind, glauben jedoch nicht zu irren, wenn wir annehmen, daß Herr Kreisrabbiner Klemperer, dießmal — vielleicht vom Verleger gedrängt — schnell arbeiten mußte, sonst würde er gewiß nicht im Titel „Gemilath-Chessed" und im Text „Gemiluth-Chessed" und ebensowenig Ausdrücke wie „verordinirte Heilmittel" niedergeschrieben haben.— „Liberer u. Balmchomoh" von Rabbiner Ehrentheil ist eine sehr witzige und amüsante Novelette. „Das Denkmal zu Chlum," von demselben Verfasser ist ein hübsches Gedicht mit fließender Diktion. — Das „Anekdoten- Füllhorn" schütten manchen neuen Witz aus. Wir wünschen dem sonst stark verbreiteten Kalender einen noch vermehrten Absatz. R. Proßnitz. Die erste Nothcivilehe an einem jüdischen Brautpaare in Oesterreich wurde hier vollzogen. Das religiöse Hlnderniß, um dessentwillen der Rabbiner die Trauung nicht vornehmen wollte, bestand darin, daß der Bräutigam ein Aronide (Kohen) und die Braut eine von ihrem ersten Gatten Geschiedene ist. Da mehrere religiöse Ehehindernisse bei jüdischen Ehen im bürgerlichen Gesetzbuche nicht aufgesührt sind, so dürfte bei vorkommenden ähnlichen Fällen häufig von der Nothcivilehe Gebrauch gemacht werden. Vom rabbinischen Standpunkte aus erscheint eine Revision des jüdischen Eherechts als ein dringendes Bedürfniß. Die Rabbiner sollten über ein gemeinsames Vorgehen berathen, und es wäre bei einem gründlichen theologischen Quellenstudium nicht unmöglich, daß sie den gesetzlichen Bestimmungen gegenüber mehr als ein bloßes „non possumus“ bieten könnten. Gratz. Ein in dem nahen Schloßberg ausgefundener Grabstein zeigt, daß schon vor der Römerzeit Juden in diesem > Lande wohnten. Der Grabstein mit hebräischer Inschrift trägt ' die jüdische Jahreszahl 3690, welche dem Jahre 314 vor Christo entspricht. In der Nähe von Leibnitz wurden Münzen mit hebräischer Inschrift aufgesundeu. (Wir ersüchen die gebildeten Leser unseres Blattes in Graz uns über diese Funde die für die jüdische Geschichte von großem Interesse sind, eine ausführliche Relation zukommen zu lassen. Die Redaktion.) Breslau. Wie wir hören, wird zu Ende des Jahres 1868 die Frankel'sche Zeitschrift zu erscheinen aufhören, und wird dafür eine andere Monatsschrift unter Redaction des Dr. Grätz ins Leben treten. Berlin. Es bestätigt sich, daß der Gelehrte mosaischen Glaubens, der Prof. Dr. Lazarus, als Lehrer der Philosophie an die Berliner Kriegsakademie berufen worden ist. Prof. Lazarus, der sich gegenwärtig zu seiner Kräftigung in Jnterlaken befindet, übernimmt an Stelle des nach Bonn berufenen Prof. Jürgen Bona Meyer die Vorlesungen der Geschichte der Philosophie; seine Berufung ist hauptsächlich den Bemühungen des Directors, General von Etzel, zu verdanken. Lazarus, früher Professor an der Hochschule zu Bern, war übrigens auch vorübergehend für eine Berufung nach Kiel in Aussicht genommen und zwar für jenen Lehrstuhl, auf welchen schließlich der Prof. Dilthey von Basel berufen worden ist. (Wer aber von dieser Anstellung auf eine Sinnesänderung des H. Cultusministers von Mühler schließen würde, hätte weit gefehlt, da die Kriegsakademie nicht zum Ressort des letzteren, sondern zu dem des Kriegsministers von Roon gehört.) — Darmstadt, 22. Aug. Die Antwort des Ministerpräsidenten auf die Interpellation des Abg. Edinger wegen Zulassung der Juden zu Staatsämter lautet: „An das Präsidium der 2. Kammer der Stände des Großherzogthums. Die mit dem gefälligen Schreiben vom 19. Juni d. I. mir mitgetheilte Interpellation des H. Landtagsabgeordneten Edinger, die Verwendung der Juden in Staatsdiensten betreffend, beehre ich mich dahin zu beantworten: bei der Anstellung und Beförderung von Juden im Staatsdienste findet die Regierung kein prinzipielles Bedenken, wie dies schon daraus hervorgeht, daß Juden im Staatsdienste stehen. Darmstadt, den 5. Aug. 1868. v. Dalvigk. Braunschweig. Die Vorsteher einer hiesigen Kirche haben bekannt gegeben, daß in Rücksicht der Kälte, die im Innern der Kirche herrscht, die Besucher derselben künftighin beim Gottesdienst bedeckten Hauptes bleiben mögen. Crefeld. Am 25. August starb Herr L. Bodenheimer, Oberrabbiner des Consistorialbezirks zu Crefeld, ein Mann, der nicht nur seiner Pastoralen Wirksamkeit, sondern auch wegen seiner Gelehrsamkeit einen bedeutenden Namen hatte. Zu Karlsruhe 1807 geboren, legte er daselbst auch seine Gymnasialstudien zurück, und bezog hieraus die Universität Würzburg, wo er sich ausgezeichnete Kenntnisse in verschiedenen Wissensfächern aneignete. Seine jüdisch-theologischen Studien machte er unter dem damaligen Karlsruher Rabbiner Löw, die er gleichfalls in Würzburg fortsetzte. Auch hierin gelangte er zu einer hervorragenden Tüchtigkeit. 1831 wurde er Rabbiner des Bezirkes Hildesheim, von wo er 1845 zu der hohen Stellung, die er bis zu seinem Tode einnahm, nach Crefeld berufen wurde. Hier entwickelte er eine sehr segensreiche Thätigkeit, und förderte besonders in den 150 Gemeinden seines Sprengels das Schul- und Unterrichtswesen. Als Schriftsteller machte er sich durch seine Schriften „das Testament" unter Benennung einer Schenkung und einer Erbschaft nach rabbinischen Quellen, „das Lied Moses", „der Segen Moses", die zwei letzten philologischen Arbeiten, rühmlichst bekannt. Sein am 28. August stattgefundenes Leichenbegängniß vereinigte nicht bloß eine ungemein große Anzahl von Israeliten, sondern auch viele geistliche und weltliche christliche Honoratioren. — Die Herren Rabbiner Dr. Feilchenfeld aus Düsseldorf und Dr. Schwarz aus Cöln hielten ergreifende Trauerreden, worin sie die vielen Tugenden und Verdienste des Verstorbenen hervorhoben. Kassel. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß bei jüdischen Versammlungen selten die parlamentarische Ordnung eingehalten wird, es rührt dieß zumeist von dem Mangel einer Geschäftsordnung her. Die im August hier stattgefundene Rabbinerversammlung, deren Mitglieder durchaus gelehrte und feingebildete Männer waren, boten dem Zuschauer ebenfalls das Bild eines polnischen Landtages. Einer unterbrach den Andern, einer ließ den Andern nicht zu Worte kommen, oft war ein derartiges buntes Durcheinander, daß man kaum sein eigenes Wort, viel weniger das des Redners hören konnte. Ein Redner machte der Versammlung den Vorwurf, „daß ihr Takt und Anstand fehle" — nahm jedoch später diese beleidigenden Worte zurück. Jena. Prof. Pringsheim soll, einem Rufe der Berliner Akademie der Wissenschaften folgend, dem Vernehmen nach seinen Abschied genommen haben. Prof. Pringsheim gehörte schon früher der Akademie an und war erst vor wenig Jahren als Nachfolger Schleidens berufen. Er hat sich in kurzer Zeit durch Gründung und Leitung des neuen physiologischen Instituts um Jena sehr verdient gemacht. Seine Vorlesungen über Botanik gehörten zu den besuchtesten hiesiger Hochschule. Am Abend vor seiner Abreise wurde ihm von den Studirenden ein Fackelzug gebracht. Wilna. Die Stadt Wilna zählt unter 82,129 Einwohnern 41,000 Israeliten. Paris. Herr Zadoc Kahn, Rabbinatsassefior und Director der hiesigen Talmud-Torah-Schule wurde vom Consistorium zum Großrabbiner von Paris ernannt.

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