Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 18 (15.9.1868)
- Date
- 1868-09-15
- Page
- Seite 142 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9050333-9094778-9051267--0951-9051273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 — Tirol noch sorgfältig gepflegt werden, gänzlich geschwunden sind. Aus einer zweiten uns zugekommenen Correspondenz erfahren wir, daß bei der erwähnten Versammlung 34 Bürgermeister anwesend waren, darunter der Bürgermeister von Feldkirch und der von Dornbirn, einem Orte von mehr als 12,000 Einwohnern. Die Wahl gereicht dem Gewählten wie den Wählern zur Ehre. Prag. Noch ist das Grab frisch, in das wir den seligen Herrn Simon Lasch, einen unserer ersten Talmudisten, einseukten, und schon öffnete sich ein zweites, um einen würdigen Mann der alten Schule, der von frühester Jugend bis zum hohen Greisenalter in der Gotteslehre forschte, aufzunehmen. Herr Simon Kuranda, Vater des berühmten Reichsrathabgeordneten Ignaz Kuranda, ist in seinen 84. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war eine in der Gemeinde allgemein hochgeachtete Persönlichkeit. Sein talmudisches Wissen, verbunden mit einer aufrichtigen, von Ehrgeiz wie von Heuchelei gleich weit entfernten Frömmigkeit erwarben ihm die Liebe und Werthschätzung derjenigen Männer, deren religiöse Anschauung noch in der früheren Periode wurzelte; sein toleranter Sinn, sein liebenswürdiger Umgang, seine bis in sein letztes Lebensjahr bewahrte Rührigkeit und Lebhaftigkeit verschafften ihm auch bei der jüngern Generation eine allgemeine Beliebtheit. Durch mehreren Dezennien betrieb er den Antiquarbuchhandel, und erfreute sich wegen seiner Redlichkeit und seiner Geschäftskenntniß des Zutrauens Aller, die mit ihm verkehrten. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er, nachdem er das Geschäft seinem Sohne übergeben hatte, in frommer Lebensweise und wohlthütiger Wirksamkeit. Daß bei seinem Leichenbegängniße sich eine ungewöhnlich große Menschenmenge einfand, war unter den erwähnten Umständen leicht zu erwarten, allein dieser Mann verdiente noch ganz besonders, daß ihm von Jedermann die letzte Ehre erwiesen werde, da er bei jedem Leichenbegängniße ohne Unterschied zugegen war, was in einer Gemeinde wie die hiesige viel sagen will. Wenn eine arme Leiche ohne Sang und Klang, ohne Geräusch und ohne Gefolge zur letzten Ruhestätte geführt wurde, der alte Kuranda fehlte niemals, außer durch Krankheit gehindert, bei der Begleitung. Die Gemeinde verliert an diesem Manne eines ihrer würdigsten Mitglieder, und obgleich der Verblichene ein sehr hohes Alter erreichte, war doch die schmerzliche Theilnahme wegen dieses Verlustes eine allgemeine. Diesem Gefühle wurde auch würdiger und schöner Ausdruck gegeben in den beiden Leichenreden, die von den Herren Kreisrabbiner Haller aus Karolinenthal und Religionsprofessor Adler, u. z. von ersterem auf dem sogenannten „Badehofe", von wo aus der Leichenzug sich in Bewegung setzte, vom zweiten auf dem Gottesacker gehalten wurden. Der Reichsrathabgeordnete Kuranda, der auf die Nachricht von der schweren Erkrankung seines Vaters nach Prag eilte, verweilte hier bis nach der Beerdigung und erfüllte in kindlicher Pietät die religiösen Pflichten der Leidtragenden. Zum Schlüße sei noch erwähnt, daß der Verstorbene eine reichhaltige hebräische Bibliothek besaß, die, wie wir hören, von den Söhnen zu einem frommen Legat für das Seelenheil des Vaters bestimmt werden soll. Breslau, Ende August. Vorige Woche trat hier unter großer Feierlichkeit ein hiesiges Bürgermädchen katholischer Confession mit Erlaubniß ihrer Eltern zum Judenthume über. Liebe soll das Motiv ihres Religionswechsels sein. — Zu einer jüdischen Trauung, die am letzten Sonntage im Cafe restaurant stattfand, hätte beinahe auch das Gesammtpersonal der löblichen städtischen Feuerwehr geladen werden müssen. Hier herrscht nämlich die Sitte, daß die Wachskerzen, die an die Hochzeitsgäste vertheilt! werden, vor dem heiligen Acte angezündet und während der j ganzen Trauhandlung in der Hand gehalten werden. Während nun der Rabbiner dem „verehrten Brautpaare" in den ergreifendsten Worten die hohe Bedeutung der Ehe auseinandersetzte, kam eine Dame mit ihrer brennenden Kerze den künstlichen Blumen in dem Haarputze der Brautschwester zu nahe, und im Nu stand der Kopf des armen Mädchens in Flammen. Zum Glück war es nur der Chignon, der der Unvorsichtigkeit zum Opfer fiel. Die Anwesenden rissen schnell die unglückselige Haarkugel vom Kopfe des vor Schrecken fast ohnmächtigen Mädchens und zertraten mit leichter Mühe die Flammen; der Trauact ward nach kurzer Unterbrechung wieder ausgenommen. — Die Moral dieser Geschichte aber ist: Auch der viel verlästerte Chignon hat manchmal sein Gutes. — Nach einem alten Statut der hiesigen Universität können Juden den juridischen Doctorgrad hier nicht erlangen, die jüdischen Studirenden an der hiesigen juridischen Facultät wollen deswegen beim Ministerium petitioniren, daß diese unzeitgemäße Einrichtung außer Kraft gesetzt werde. — H. K. Locale und auswärtige Nöthen. Brünn. Der Aufsatz im Abendland „Juden und Mexikaner" von Dr. Placzek wird unmittelbar nach den Feiertagen zur Fortsetzung gelangen. Wegen anderweitiger Beschäftigung mußte der Herr Verfasser diese Arbeit unterbrechen. Brünn. Von Pascheles israel. Volkskalender ist der 17. Jahrgang für das Jahr 5629 erschienen. Außer reichlichen praktischen Zugaben, die diesen Kalender für die Geschäftswelt sehr brauchbar machen und ihm in derselben eine große Verbreitung verschaffen, enthält er, wie alljährlich auch diesmal populäre Literaturarbeiten, wenn auch nicht gerade in dem Maße, wie in den früheren Jahrgängen. Der „Rückblick auf das Jahr 1868 von Jakob W. Pascheles" bespricht in gewandter und gefälliger Zusammenfassung die wichtigsten Ereignisse auf jüdischem Gebiete während des verflossenen Jahres. Da jedoch dieser Kalender regelmäßig als Frühgeburt 6 Monate vor der Zeit erscheint, und das bürgerliche Jahr nach dem jüdischen noch einige Monate zu laufen hat, so bleibt natürlich für das Jahr 1868 nur wenig zum Reserven übrig. Der Leser darf es daher mit dem Titel dieses Aufsatzes nicht so strikt nehmen. — „Die dem Nebenmenschen zu erweisenden Liebesdienste (Gemilath - Chesed) nach den Ansichten unserer talmudischen Weisen skizzirt von Gutmann Klemperer, Kreisrabbiner zu Tabor." — Eine ziemlich langgestreckte, von vieler Belesenheit zeigende Zusammenstellung der talmudischen Stellen über dieses Thema, wie solche sich bereits im „Menorath Hamaor" und andern späteren ethischen Werken" findet. Mancherlei Zugaben in diesem Aufsatze gehen über das Gebiet des Titels weit hinaus, und wir finden Manches darin, was wir nicht gesucht hätten, dagegen vermissen wir bei dieser Arbeit die kritische Beleuchtung des talmudischen Standpunkts und tritt überhaupt das ethische Moment des Gemilath-Chesed nach talmudischer Auffassung nicht gehörig in den Vordergrund. Auch bedürfen einzelne Bemerkungen des Verfassers der Berichtigung. Das Wort „Chesed" bedeutet nicht seinem einfachen Wortsinne nach „Ueberschwenglichkeit," wie Herr Klemperer ohne allen Beweis behauptet, sondern „Liebe". (Der Ausdruck wird sogar für die sinnliche Liebe gebraucht.) — Die Zedaka (Unterstützung der Armen) ist niemals eine „die sanften Regungen des Gemüthes abweisende," wenn sie eine solche ist, verdient sie nicht den Namen Zedaka. Eine Talmudstelle, die dem Verfasser bei Behandlung dieses Thema's nicht entgehen durfte, sagt ausdrücklich: Die Zedaka findet nur in dem Maße den Gotteslohn als sich in ihr das Gemilath-Chesed manifestirt. — Bei dem Kapitel „Krankenbesuch" wird mit Recht bemerkt, daß dabei auch die Krankenpflege beabsichtigt wurde. Hier sollte darauf hingewiesen werden, daß bei manchen alten Völkern Kranke