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Das Abendland · 1868-09-15 · 18 (15.9.1868) · p. Seite 140

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
18 (15.9.1868)
Date
1868-09-15
Page
Seite 140 (sequence 4)
Language
German
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— 140 — Verständniß und Fortentwicklung des Hebräismus so wie für Bibelexegese überliefert hat. Namen und Form der hebräischen Buchstaben kennt der Talmud nicht anders als wir, er hat darüber eigene agadische Deutungen (Sabbath 103, 104), die von Schulmännern WT! — theoretici — herrühren. (Die ursprüngliche Bedeutung von '’p'T'H ist: junge Männer ohne Erfahrung, Männer der Theorie. Der Ausdruck wurde aber allerdings später für junge Menschen überhaupt, auch für Kinder entlehnt). Die Buchstaben p 1"3TO wurden beim Schreiben der Torahrollen oben mit kleinen Strichlein versehen und geübte Kalligraphen WIN NLO brachten auch bei manchen andern Buchstaben Verzierungen an, ohne daß jedoch die Grundform verändert werden durfte. (Menachoth 29). Die Einführung der Endbuchstaben -s'DXD wird den Propheten zugeschrieben, wobei man gewiß an die letzten Propheten denkt, deren Epoche mit der sprachlichen Thätigkeit der großen Synode, vorzüglich des Esra zusammenfällt, es ist jedoch eine Ansicht, daß die zweifache Form der erwähnten Buchstaben schon früher vorhanden war, nur wußte man nicht, welche Form am Ende und welche am Anfänge und in der Mitte zu gebrauchen wäre (Megilla 2). Bar Kopara benützte das masoretische Schlußmem inmtTDn HDnDb (Jesaias 9, 6) zu einer agadischen Erklärung. Durch Esra soll, wie Manche glauben, die ursprüngliche Schrift der Bibel verändert worden sein. (Sanhedrin 21). Was am allerersten bei einer todten Sprache verloren geht, ist die richtige Aussprache; der tobte Buchstabe ohne Klang wird gewöhnlich von den Völkern nach ihrer Muttersprache modulirt. Mai weiß, wie verschieden das Lateinische von verschiedenen Nationen ausgesprochen wird, und es ist wahrscheinlich, daß es dem Hebräischen nicht besser erging. Die verschiedene Aussprache desselben in unserer Zeit hat vielleicht mehr darin als in einer eigentlichen Corruption ihren Grund. Eine Corruption wird selten so allgemein, wenn sie nicht aus einem innern wesentlichen Umstande entspringt. Manche Laute einer Sprache kann der Fremdländer gar nicht wieder geben. Der Talmud, welcher dem Leben und der Blüthe der hebräischen Sprache näher war, verstand es natürlich besser, sie auszusprechen als wir. Er wußte noch das V welches etwa wie der gleichlautende Buchstabe im Arabischen ausgesprochen wurde, von dem K zu unterscheiden, eine Unterscheidung, die uns unbekannt ist. Die Einwohner von fKtrno und KSTl HO sollten nicht den Vorbeterdienst verrichten, eben weil sie nicht die erwähnten beiden Buchstaben in der Aussprache zu unterscheiden wußten. Dem Rabbi Chia wird der Vorwurf gemacht, daß er das N wie ein n ausspreche. (Megilla 24.) Die Buchstaben n"SD TJD in der weichen und harten Form unterscheiden sich blos durch die Tonstärke, nicht aber, wie bei uns, durch den Laut, daher war beim Lesen des die Warnung nicht überflüssig, zwischen und bmD abzusetzen, um die gleichen Laute nicht zu verschmelzen (Berachoth 15). Die Galiläer hatten eine schlechte Aussprache, und gerade die Verwechslung des 1) mit X so wie die schlechte Aussprache des N wird an ihnen getadelt, während die Einwohner von Judäa wegen ihrer guten Aussprache ausgezeichnet waren (Erubin 53). Die hebräischen Vokale, als Nerv der Sprache, wurden gewiß von den Talmudisten richtig gelesen. Wer wollte das bezweifeln, die ganze Interpretation des Talmud beruht ja darauf, und die haarspaltende Genauigkeit, die kein Strichlein im Bibeltexte unbeachtet ließ, beweist dieß zur Genüge. Wir verweisen zum Ueberfluß auf die Stelle DTO ‘’ß—?D',nDn2£Ö>’ rfefb’’ (Sebachim 64). Hingegen findet sich keine Spur, daß unsere Vocalzeichen (11W) dem Talmud bekannt gewesen wären. Luzzatto hat in seinem Buche NlDn (Görz 1852) eine sehr interessante Abhandlung über diesen Gegenstand, doch vermißten wir bei den dort zahlreich angeführten Citaten einige wichtige Stellen, so z. B. daß man zweifelhaft war ob 1DK nbftD oder TDK zu lesen sei, daß D'b,NH(4.B. M. 24, 6.) wirklich mit verwechselt worden zu sein scheint (Berachoth 16, sieh ""2T, und 'Din daselbst). Es ist wohl über allen Zweifel, daß die hebräische Sprache in frühester Zeit keinen ‘npa hatte, auch die arabische Sprache bekam erst nach Muhamed ihre Vocalzeichen. und es ist leicht möglich, daß beide Sprachen zu gleicher Zeit diese Zugabe erhielten; was bei jüdischen Schriftstellern von Vocalzeichen erwähnt wird, reicht wenigstens nicht über jene Periode hinauf. So lange eine Sprache im Munde des Volkes lebt, kann sie diese Behelfe entbehren, wird sie aber zu den todten gezählt, oder tritt das Volk, welches sie spricht, aus seiner frühern isolirten Stellung, und kömmt mit andern Völkern, und als natürliche Folge auch mit deren Sprachen in Berührung, so macht die Furcht vor Vergessenheit oder vor Verfälschung durch fremde Sprachelemente die Festsetzung der Vocalzeichen, wenn die Sprache keine Vocalbuchstaben hat, nothwendig. Der letztere Fall trat beim Arabischen ein, als die Khalifen ihre siegreichen Waffen in ferne Länder trugen. Bei den Juden mußte demnach das Bedürfniß nach bestimmten Vocalzeichen schon nach dem ersten Exil eintreten. Luzzatto schreibt die Einführung der Vocalzeichen den babylonischen Schulen nach dem Schluß des Talmud zu. So wenig diese Ansicht begründet ist, können wir sie doch gelten lassen, wenn darunter blos die allgemeine Verbreitung verstanden werden soll; allein es ist kaum denkbar, daß in der langen Reihe trüber Zeiten vom babylonischen Exil bis nach dem Schluß des Talmud an dieses so wichtige Präservativ der Sprache gar nicht gedacht worden wäre. Abgesehen davon, daß der Talmud so oft von der Abtheilung der Sätze, deren Zählung, von nimns nitIHS und nHÖVlD spricht, was doch auf äußere Zeichen, um das Verständniß der Bibel zu erleichtern, hindeutet, sagt uns die bereits angeführte Talmudstelle deutlich genug, daß Zeichen zum Behufe der richtigen 'Lesung eingeführt waren. Es heißt Erubin 53: mb TUnöl Mw'b »DTT ,Tlirt was Raschi durch pD"0 piTJDl erklärt. In dem Worte pMnDN (nicht piri) liegt klar der Begriff des Feststellens, es wurde schon ein gewisses Einverständniß erzielt, freilich nicht in der Ausdehnung wie es später geschah, da es doch von den Galiläern unbeachtet blieb. Eine spätere Feststellung hatte gewiß die ersten Versuche benützt, und für den praktischen Gebrauch modificirt. Daher mag es übrigens auch kommen, daß es zweierlei Arten von Vocalzeichen gibt. Alle bei Luzzatto angeführten Talmudstellen, so wie die eine aus Hieronymus beweisen nur, daß die Vocalzeichen nicht allgemein verbreitet waren. Es mochten Einzelne für den eigenen Gebrauch solche Vocalzeichen geschaffen haben. In Jeruschalemi (Berachoth II.) heißt es sogar nblD trrrtr nDbDl (sieh ITX niD 16). Es kömmt also schon der Ausdruck tftPT vor, wenn auch vielleicht das Dogeschzeichen nicht bekannt war. Die Lesart des p rcro nötwn m mp ena m : w (Din Erubin 18) findet dadurch eine Rechtfertigung, obgleich die Variante des Chananel nicht mehr zu sagen brauchte als daß der Buchstabe wie doppelt ausgesprochen werden müsse, das Vorhandensein des Dageschzeichens aber noch lange nicht erwiesen wäre. Jedenfalls waren die Vocalzeichen zur Zeit des Talmud nicht allgemein verbreitet, und es gehörte eine besondere Uebung dazu, den unpunktirten Text richtig zu lesen, und wer dieß verstand, erhielt den Ehrennamen ein geläufiger Leser (Kiduschin 49). Zur Zeit des zweiten Tempels fragte man den Hohenpriester am Versöhnungstage, ob er so zu lesen gelernt habe, ob er im Lesen des unpunktirten Textes geübt (pn) sei? und häufig mußten ihm Andere aus den biblischen Schriften vorlesen (Joma 18). Allerdings war Gelehrsamkeit bei den Priestern des zweiten Tempels nicht die stärkste Seite, doch würde man sie kaum so beschämt haben, um sie zu fragen, ob sie überhaupt hebräisch lesen könnten? Das Lesen des unpunktirten Textes hingegen war Sache der Uebung, die auch minder Unwissenden abgehen konnte. Noch geringere Spur als von den Vocalzeichen findet sich im Talmud von den Neginazeichen; doch ist das auch wieder nur von der Benennugg und allgemeinen Verbreitung derselben gesagt. Es ist jedoch unzweifelhaft, daß auch solche

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