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Das Abendland · 1868-09-15 · 18 (15.9.1868) · p. Seite 139

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
18 (15.9.1868)
Date
1868-09-15
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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139 — Brüder an, und haben deßwegen den Wein vergiftet, um solche räuberische, unmenschliche Feinde schnell und sicher zu vernichten. Den Fürsten gefiel die List, und die Juden zogen unbeanstandet mit ihren Fässern bis an die Grenze Deutschlands. Hier aber wollte eine Brückenwache den Wein ohne Zoll nicht passiren lassen, es entstanden Händel, die Soldaten stachen in die Fässer, es kam keine Flüssigkeit zum Vorschein, und — der Betrug war entdeckt. Solche Verrätherei rief die allgemeinste Entrüstung hervor, die zunächst betheiligten Juden wurden sogleich hingerichtet, und allerwürts brach eine Verfolgung gegen die Verräther los?) Ganz abgesehen von dem Märchenhaften des ersten Theiles dieser Erzählung, hat auch der zweite Theil so viel Unwahrscheinliches an sich, daß wir wohl nicht erst hinzuzufügen brauchen, daß das Ganze eine schlecht erfundene Fabel sei, wenn es uns auch ein sonst sehr glaubwürdiger Geschichtschreiber erzählt. Nichtsdestoweniger aber war die damalige Judenverfolgung eine nur zu gewisse Thatsache, und es wird nun darauf ankommen zu untersuchen, woraus die Judenfeinde von 1241 ihre sonderbare Anklage, die fie doch wohl nicht so aus der Luft gegriffen haben dürften, eigentlich stützten. Daß die Tartaren auf ihren Raubzügen ihre angeblichen Glaubensbrüder nicht begünstigten, vielmehr „Juden wie Christen ohne Unterschied und Erbarmen niedermetzelten", bezeugt uns ein Brief des Landgrafen Heinrich von Thüringen aus jener Zeit, worin dieser einem Herzoge von Bologna die Nähe des „letzten Tages" (die Ankunst der Tartaren) ankündigt?) — Daraus ließ sich also gewiß keine Stammesverwandschaft zwischen beiden Völkern Nachweisen. Auch die Annahme, daß jüdische Krieger, Reste der Zehnstämme (?) unter ihnen gewesen seien, oder daß einige kumanische und tartarische Völker sich zum Judenrhume bekannt hätten, wie Grätz es für möglich hält, scheint uns, weil ohne jede weitere Begründung, nur wenig Berechtigung zu haben. Wir glauben, einen sicheren Anhaltspunkt für die Entstehung jenes Märchens vom Judenthume der Mongolen gefunden zu haben. — Gegen Ende des Jahres 1240 waren die asiatischen Horden bis zum Dnieper gekommen, an dessen Ufern sie ihre Winterquartiere aufschlugen. Von den Kundschaftern, die sie während dieser Zeit nach Norden und Westen ausgeschickt hatten, wurden zwei gefangen und zum Könige (Bela IV.) von Ungarn gebracht. Dieser beauftragte seinen Bischof, die fremden Gesellen über ihr Volk, ihre Heimat, ihre Sitten rc. zu befragen. Das Resultat des Verhöres ist uns nun in einem Briefe des erwähnten Geistlichen an einen Pariser Collegen (vom März 1241) noch erhalten. Er schreibt: „Nach ihrer Aussage wohnen sie an einem Fluße der Egog heißt, und ich glaube, daß es das Volk Gog Magog (sie?) sei. Ich fragte nach ihrem Glauben, sie glauben an Nichts. Ihre Buchstaben sind die jüdischen, eine eigene Schrift haben sie nicht. Jch frug sie, wer ihnen diese Schrift gelehrt habe, und sie antworteten: Bleiche Männer, die viel fasten, lange Kleider tragen und Niemanden beleidigen; und da sie außerdem von jenen Männern Vieles aussagten, was mit dem pharisäischen und sadducäischen Aberglauben übereinstimmt, glaube ich, daß jene Sadducäer und Pharisäer seien."8) — Dieser Brief war nun die Quelle, aus welcher die Judenfeinde ihr albernes Märchen schöpften. Der bischöfliche Bericht war gewiß nicht blos nach Paris, sondern auch noch anders wohin gedrungen, und das Volk, das zum Widerstande gegen die schrecklichen Asiaten zu schwach war, nahm mit Freuden jene Sage auf, um sich wenigstens an den vermeintlichen Glaubensgenossen ihrer furchtbaren Feinde, an den verhaßten Juden, zu rächen. Was nun das Inhaltliche der bischöflichen Diagnose anbelangt, so 4) Mathäi Paris. Hist. maj. Angl. p. 501, nach ihm Schudt, jüdische Merkwürdigkeiten I. 450 — Grätz VII. 119 und VI. 300. Anmerk. 2 — Worbs, Gesch. der Jud. in Schlesien, in den schles. Prov. Blättern Jahrg. 1804. S. 214. 5) Matth. Par. Addit p. 137 — auch bei Erben, Reaesta Boh. und Marav. 476. Nr. 1021. *) Matth. Par. Addit. p. 136. Feser., Cod. dipl. Hungar. IV. I. p 232 — Erben 473. Nr. 1018. liegt es auf der Hand, daß ihn nur eine eigenthümliche Jdeenassociation von Gog Magog auf die Juden brachte, wenn wir überhaupt noch zugeben, daß er sich mit den wilden Fremdlingen verständlich machen konnte. Die „jüdischen Buchstaben" waren die erste Frucht seiner sonderbaren Gedankenverbindung, denn selbst ohne seiner Gelehrsamkeit zu nahe treten zu wollen, dürfen wir uns doch bescheidene Zweifel bez. seiner Kenntniß der orientalischen Sprachen erlauben. Die „weißen (alten) Männer, die Niemanden beleidigen und viel fasten", dürften wohl eher chinesische Mandarinen, die dem Stammlande der Mongolen benachbart sind, oder indische Brahminen, die in Fasten und andern Kasteiungen bekanntlich Großes leisten, als jüdische Rabbinen gewesen sein, und über die „sadducäische und pharisäische Ketzerei", die der fromme Bischof heraus gewittert haben wollte, brauchen wir doch wohl kein Wort zu verlieren. — Allerdings erwähnt auch Nachmani (s"2LN) in seinem Commentar zur Genesis ^) eines neuen, zu Anfang des sechsten Jahrtausends (d. i. 1240) auftretenden, mächtigen Volkes, „das sich mehr wie alle frühern Völker unseren Religionswahrheiten nähert", und hat unzweifelhaft die Tartaren darunter gemeint. Doch beweist dies noch nichts gegen unsere Behauptung; denn gewiß glaubten die damaligen Juden selbst an ihre Religionsgenossenschaft mit den asiatischen Kriegern, wenn sie auch jenes ungeheuerliche Verbrechen, dessen sie in der obigen Erzählung geziehen werden, nicht begangen haben. Sie hatten im Zeitalter der Kreuzzüge so viel gelitten, daß es wahrhaft sehr begreiflich scheint, wenn sie die Hilfe Gottes nahe glaubten und die Rächer an ihren Feinden für Brüder hielten, besonders da sie doch auch von den Christen selbst in dieser Meinung bestärkt wurden. — Prof. Lilienblatt aus Upsala, den im Jahre 1691 König Carl XI. von Schweden nach Polen sandte, um Erkundigungen über die Karäer einzuziehen, ließ diese aus der Tartarei herstammen und die tartarische Sprache in ihren Schulen gebrauchen8), auch der junge, verdienstvolle Gelehrte Neubauer spricht in seinem Werke: „Aus der Petersburger Bibliothek" (Cap. 2, S. 20) von tartarischen Namen aus karäischen Grabsteinen in der Krim, ohne sich jedoch auf eine nähere Erörterung darüber einzulassen. Da die Tartaren nach ihrer Niederlage bei Olmütz noch zwei Jahrhunderte in Rußland herrschten8), so ließe sich die tartarische Sprache in den Schulen und auf den Grabsteinen der Karäer recht gut erklären, ohne eine Herleitung derselben von den Mongolen und dieser von den Zehnstämmm annehmen zn müssen. — Talrnudische Studien. Vom Redakteur. 3. Hebräische Sprache. Bibelepegese. Die Klänge der Propheten waren verhallt, mit ihnen ging auch der Glanz der hebräischen Sprache zu Grabe, bald hörte fie auf Volkssprache zu sein, und die Kenntniß derselben wurde ein Studium, eine Wissenschaft. Es ist bei alten Sprachen immer der erste Vorbote vom Verfalle, wenn man sich mit ihrer Grammatik befaßt, nur an todten Körpern werden anatomische Studien gemacht; so lange eine Sprache lebt, trägt ihr Leben alle Bedingungen der Epistenz in sich, der Gedanke wird gleich mit seiner natürlichen Sprachhülle geboren. Zur Zeit des Talmud war die hebräische Sprache erstorben, und es kann für die Wissenschaft nicht ohne Nutzen sein, wenn wir in seinen Folianten nachsuchen, was er für ') Genesis Cap. 2. Vers. 3. Zn rfitrpb * *TD HPK (Ende) bemerkt Nachmani: „rVÖ^JQ tIHnnn WH »fad fHNTQ'H nfcan 78 wxi xspn ntaStr naix 8) Schüdt I. 109, vergl. auch Grätz X. Note 5^—^^ *) Pütz, Mittelalter §. 40. *

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