Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 18 (15.9.1868)
- Date
- 1868-09-15
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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138 — gerichtet, da tritt auch an die Theologie die Pflicht heran, der Zeit Rechnung zu tragen, an einen Ausgleich zu denken und des Hauses Risse bei Zeiten auszubessern, um es vor dem Einsturze zu bewahren. Wir wollen dieses Theorem durch ein concretes Beispiel für die Praxis verwerthen. Die Conflicte des jüdischen Eherechtes mit der staatlichen Gesetzgebung sind nicht erst vom neuesten Datum, die Akten der politischen Behörden wissen seit Jahren davon zu erzählen; gar oft wurden von jüdischen Theologen über einzelne Fälle amtliche Gutachten abverlangt, die alle, wie man es nicht anders erwarten konnte, im Geiste der hergebrachten Uebung ausfielen. Die neueste Gesetzgebung wird derlei Conflicte massenhaft herbeiführen, und da sie mit Recht ihren eingeschlagenen Weg unaufhaltsam und unbeirrt von klerikalen Gegenstrebungen weiterscheitet, so wäre es für die Rabbiner mindestens ein Gebot der Klugheit, eine Revision, respective Reform des jüdischen Eherechts vorzunehmen. Es ist dies gerade ein Gegenstand, der nur von Theologen erledigt werden kann, der nicht wie liturgische Reformen von der Anschauung und dem Bildungsgrade der Gemeinden abhängig ist. Eine Rabbiner- Versammlung zu diesem Zwecke, deren Einberufung von den obersten rabbinischen Autoritäten der einzelnen Kronländer ausgehen müßte, erscheint uns als ein unzurückweisbares Bedürfniß. — Eine andere religiöse Angelegenheit von gleich wichtiger Bedeutung fällt ebenfalls in das Bereich des verlaufenen Jahres, wir meinen die Gründung eines Seminars für jüdische Theologen in den westlichen Ländern Oesterreichs. Die hohe Regierung, von der die Initiative zur Errichtung eines solchen Instituts ausging, hat hierüber Gutachten von vielen Fachmännern und größer» Gemeindecorporationen abverlangt, allein seit Monaten ist es in der Sache ganz stille geworden und wir wissen nicht, in welchem Stadium sich die Angelegenheit befindet. Hoffentlich haben die divergirenden Ansichten, die in den erwähnten Gutachten zum Ausdrucke kamen, nur eine Verzögerung, nicht ein Ausgeben dieses so wichtigen Gegenstandes bewirkt. Zu welcher Krisis die Bewegung der religiösen Parteien in Ungarn führen werde, liegt noch im Schooße der Zukunft. Der auf den Monat November einberusene Congreß wird es zeigen, ob es der Macht des geistigen »Fortschritts gelingen wird,, den dort so gewaltigen und eifrigen Obskurantismus zu brechen. Nach unserer Ueberzeugung liegt für Ungarn und Galizien das Mittel zur Beförderung der Aufklärung in der Errichtung gut organisirter Schulen, die von jedem Einflüsse jener Rabbinen, welche nicht die allgemeine Bildung, die unsere Zeit verlangt, besitzen, befreit sind. — In Kassel l hat Anfangs August eine Versammlung von ungefähr 20 Rabbinern statt gefunden, welcheffich zumeist mit Feststellung einer zeitgemäßen Liturgie beschäftigte, sie kam jedoch selbst zur Erkenntniß, daß nur durch Mitwirkung der Gemeindevertretungen ein praktisches Resultat erzielt werden könne. — Die Pariser „Alliance universelle israelite" war auch dieses Jahr in ihren cultuellen Bestrebungen äußerst thätig. Die Errichtung von Schulen im Oriente, welche der Verein mit allem Eifer anstrebt, wird auch unfern Glaubensbrüdern im Morgenlande die Segnungen der Cultur bringen. Allgemeinen Erscheinungen gegenüber sind die Zustände in einzelnen Gemeinden, wie sie sich im Laufe des verflossenen Jahres gestalteten, von untergeordneter Bedeutung, und verdienen nur insofern Beachtung, als sie mit dem allgemeinen Culturstand, mit der Rührigkeit oder Trägheit im religiösen Leben im Zusammenhänge stehen, und als deren Ausflüsse zu betrachten sind. Ob der theologische Verein, der sich vor -einigen Monaten am Breslauer Rabbinerseminar konstituirte, jenen Theil seines Programmes, der die Vermittlung der Gegensätze im religiösen Leben anstrebt, zur glücklichen Lösung bringen werde, muß die Zeit lehren. — Die jüdische Literatur wurde im verflossenen Jahre wenig bereichert, das Interesse für dieselbe ist eher im Abals im Zunehmen begriffen. Ist die Richtung der Zeit oder die lder Literatur, -die noch immer nicht den rechten Pragmatismus erlangen kann, daran schuld, oder beide zusammen? — Die politischen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen haben wir in diesem Aufsatze außer Beachtung gelassen, und wird ein Rückblick auf dieselben für den Schluß des bürgerlichen Jahres Vorbehalten. Die Tartaren und die Inden. Von H. Kohn. . Es war im Mittelalter nichts Seltenes, daß große Calamitäten, mochten diese nun ganze Länder oder nur einzelne Ortschaften betreffen, durch die Natur oder sonstige Ereignisse herbeigeführt worden sein, den Juden entweder direct zur Last gelegt, oder nur als Strafen des Himmels wegen der Duldung der Ungläubigen erklärt und somit stets als gute Gelegenheiten angesehen wurden, über die unglücklichen Bekenner des Mosaismus herzufallen und sie zu verderben. Und mochten diese auch selbst vom Unglücke mit getroffen worden sein, es half ihnen wenig; denn der Haß war blind und lechzte nach seinen Opfern, ohne erst nach Vernunft- oder Gerechtigkeitsgründen viel zu fragen. — So beschuldigte man in den Jahren 1348 und 49, als der schwarze Tod in Europa wüthete und Städte und Länder entvölkerte, die Juden, daß sie die Brunnen, die Luft vergiftet und so das schreckliche Sterben verursacht hätten, und Tausende von Unschuldigen wurden verfolgt, gemartert und verbrannt.') — Ein furchtbarer Orcan raste am l. September 1535 über Oels, riß die Dächer von den Häusern und schleuderte Menschen und Thiere hoch in die Luft. Wenn nun auch Juden dabei ihr Leben verloren, die jüdische Druckerei selbst ein Opfer des Sturmes wurde, das Elementarunglück ward als eine Rache der Vorsehung ausgelegt, herbeigeführt durch die Juden, und letztere mußten ohne Weiteres die Stadt, ihren Tempel, ihre Todten verlassen.* 2) — In Prag und andern Städten Böhmens waren ums Jahr 1542 verheerende Feuersbrünste entstanden. Wer anders als die Juden sollten sie angelegt haben? — und schonungslos wurden sie aus dem Lande gejagt3) — Auch der Einfall der Tartaren im Jahre 1241 wurde von den Feinden der Juden ausgebeutet, um eine Verfolgung über diese heraufzubeschwören. Ein lächerlicher Aberglaube machte nämlich jene furchtbaren, asiatischen Kriegerhorden zu Abkömmlingen von Juden, die einst Alexander der Große in lie Gebirge am kaspischen Meere abgeführt haben sollte. Auf das Gebet des macedonischcn Helden hätte Gott durch ein Wunder die Felsen ringsum vereinigt, so daß die Juden wie in einem Kessel eingeschlossen waren — bis zum Jahre 1240, wo sich durch ein neues Wunder ihr Gesängniß geöffnet habe. Von daher wären nun jene Ungeheuern Menschenmassen gekommen, die Europa überschwemmten und Rache nahmen für die ihren Glaubensgenossen zugefügten Unbilden. Die europäischen Juden hätten nicht sobald von der Ankunft ihrer furchtbaren Rächer erfahren, als sie sich auch schon im Geheimen versammelten und beriethen, wie sie sich zu den ihnen von Gott gesandten Brüdern verhalten sollten. Natürlich wurde beschlossen, die Gottesstreiter, die das angehoffte jüdische Weltreich zu begründen ausgezogen waren, würdig zu empfangen und in jeder Weise durch Proviant, Waffen, Spionendienste rc. zu unterstützen. Zu diesem Zwecke kauften die Juden heimlich so viel wie möglich Schwerter, Dolche, Panzer zusammen und verpackten Alles sorgfältig in riesige Weinfässer. Den christlichen Fürsten gaben sie aber an, die Tartaren hätten sie ersucht, ihnen von Juden gekelterten Wein zukommen zu lassen, da sie keinen Christenwein tränken; sie (die Juden) aber erkennen diese Barbaren keineswegs als 0 Dlugoß p. 10 90. schreibt: Infamati sunt Judei, quod hujusmodi pestilentiam fecerint . . et cremati sunt. Vergl. Grätz VII. Klose, von Breslau II. 189. rc. . 2) Schickfuß, New vermehrte Schles. Chron. I. 210. Beitrage zur Beschreib, von Schlesien IV. 23b. *) David Gans. I. 152. Grätz IX. 329.