Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 17 (1.9.1868)
- Date
- 1868-09-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 gleichsam v on Neuem zu beleben. Daher das ewig Wissenschaftliche in ihren Schriften! Erst gegen Ende des Mittelalters fing man an und es blieb bis in unsere Tage Sitte, das jüdische Schriftthum nicht blos als Objekt des Studiums, sondern auch als einzige Quelle der Bildung zu benutzen. Dies aber war der Grund für den Verfall nicht blos der jüdischen Literatur, sondern auch der jüdischen Bildung. Manche Zweige der Wissenschaft, die von Haus aus fremdländisch und auf das Gebiet des Judenthums nur übertragen waren, gingen ganz ein, so die Philosophie, die Grammatik, die metrische Poesie; andere, wie das Studium des Talmuds, verloren ihr wissenschaftliches Wachsthum und verkrüppelten zur Jammergestalt des Pilpulismns. Wie traurig bei dieser Lage der jüdischen Wissenschaft die jüdische Bildung sich gestaltete, wie an die Stelle der feinen, hofmännischen Umgangsformen der spanischen und italienischen Juden allmülig geradezu eine Feindseligkeit gegen alle Wohlanständigkeit und feine Gesittung trat, das ist zur Genüge bekannt. — Wenn man nun in Erwägung dieser geschichtlichen Thatsachen den Studienplan unserer der Theologie sich widmenden Jugend normiren will, kann man da an eine Verkürzung des classischen Unterrichtsstoffes auch nur denken? Ich wage vielmehr die Behauptung, daß, wenn überall ans den Studienplänen die classische Literatur gestrichen werden sollte, gerade die Juden im Interesse ihrer Theologen sie beibehalten müßten! Man sollte für diese, wenn es möglich wäre, eher-eine Vermehrung des classischen Unterrichtsstoffes, als eine Verkürzung festsetzen! Aus der classischen Literatur soll der jüdische Theologe den wissenschaftlichen Geist schöpfen und mit dem auf diese Weise gewonnenen Geiste dann das jüdische Schriftthum durchdringen und fortentwickeln. Es ist also auch unserer jüdischen Literatur nur damit gedient, wenn der junge Theologe mit der classischen sich aufs Innigste vertrant macht. Man wende nicht ein, daß es zu diesem Zwecke nicht nöthig sei, jede Feinheit des ciceronianischen Ausdrucks zu wissen! Ist denn die Hinweisung darauf überhaupt Selbstzweck? Sie dient doch nur dazu, den Sinn für Formenschönheit in dem Schüler zu wecken, seinen G e sch mack ästhetisch zu veredeln. Und einer solchen Schärfung und Verfeinerung des Schönheitssinnes und Geschmackes bedarf es gerade bei dem jüdischen Theologen, da er sie aus dem jüdischen Schriftthum nicht bloß nicht gewinnen kann, sondern sie, wenn er sie schon anderweitig gewonnen, in dem Studium derselben leicht wieder verliert. Dem jüdischen Theologen liegt ja überdies, zumal in gewissen Gemeinden, nicht blos der Beruf ob, sein Publikum jüdisch zu bilden, sondern er hat auch die Pflicht auf dasselbe z. B. durch die Predigt ästhetisch einzuwirken. Wie soll aber der Prediger dem, was er spricht, jenes ästhetische Gewand geben, wie soll er seinem Styl und seiner Vortragsweise das gehörige Ebenmaß leihen, wenn er den Sinn dafür nicht in dem gewissenhaftesten Studien der alten und modernen Literatur geschärft hat? Diese soll er, selbst wenn er längst den Lehrjahren entwachsen ist, gleichsam als ein Reinigungsbad betrachten und täglich benützen, damit er durch den Gebrauch derselben seinen Geist von den durch das Studium des Talmuds und des einschlägigen Schristthums sich an ihn ansetzenden Schlacken säubere und zum Vortheile der jüdischen Literatur, wie der ihm zur Bildung anvertrauten Gemeinde ästhetisch sauber und feinfühlig erhalte. Und gehen wir weiter auf die dem jüdischen Theologen obliegende wissenschaftliche Thätigkeit ein, so erscheint auch um ihretwillen eine möglichst eingehende classische Bildung von der größten Nothwendigkeit. Der Jude ist eine zum äußerlichen Nachmachen geneigte Natur. Auch in der Wissenschaft glaubt er auf seinem Gebiete leicht vollführen zu können, was er auf fremden Gebiete geschehen sieht. Aber um die Kenntuiß der Gesetze, der Methode jener Thätigkeit glaubt er, „weil er einen scharfen Verstand hat", sich nicht viel kümmern zu müssen. Dadurch entsteht jene bei den Christen verrufene „jüdische Oberflächlichkeit", der nur durch ein gründliches Studium der classischen Literatur abgeholsen werden kann. Wie wichtig ist dieses Studium z. B. — um nur Eines zu erwähnen — für die diplomatische Kritik! Bei dem christlichen Philologen hat die kritische Arbeit die er an dem gewöhnlichsten lateinischen oder griechischen Schmöker vornimmt, etwas Ernstes, Heiliges, religiös Jmponirendes; bekannt ist jene philologische «xf.ße'.a, die eingehendste Genauigkeit und Sorgfalt; bei dem Juden hingegen, der von jener kritischen Methode des Philologen keine Ahnung hat und bei dem noch von dem Pilpul her immer der „gute Einfall" gilt, wird die Kritik selbst solchen Büchern gegenüber, Me. keine Schmöker sind, leicht zur Oberflächlichkeit und zur Frivolität. Was ich aber in dem Obigen in Betreff des Studiums der Alten ausgeführt habe, das gilt auch von den übrigen gymnasialen Lehrfächern. Den Nachweis für diese Behauptung kann ich hier nicht führen; es würde sonst dieses Gutachten über Gebühr ausgedehnt werden; auch ist er, wie ich denke, nach den gegebenen Auseinandersetzungen entbehrlich. „Ich aber kann nach dem Gesagten mit irgend welcher Beschränkung des gymnasialen Unterrichtsstoffes für den jüdischen Theologen nie und nimmer mich einverstanden erklären. Daraus ergibt sich die Verwerfung des Proseminars auch vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus von selbst." Bemerken will ich hier noch, daß, wenn ich in meiner früheren gutachtlichen Aeußerung die Aufnahme der 7. und 8. Elaste in das Seminar zugestand, dies nur aus Rücksicht auf die Mittellosigkeit mancher Eltern geschah und nur für die erste Zeit des Bestehens des Seminars Geltung haben sollte. In der Hauptsache bin ich der Ansicht, „daß der der Theologie sich Befleißigende das ganze Gymnasium absolvire und erst nach abgelegter Maturitätsprüfung in das Seminar eintrete." Das einzige Bedenken, das sich gegen meinen Vorschlag erheben ließe, wäre nur dies, daß die jungen Leute, wie sie es jetzt vielfach zu thun pflegen, das Gymnasium überhaupt nicht besuchen, sondern privatim studiren würden, während sie durch den Besuch des Proseminars wenigstens in Etwas den Einfluß der Schule genössen; allein dieses Bedenken wird durch die Errichtung von Proseminarien nicht behoben, da selbst trotz der Epistenz solcher Anstalten viele privatim studiren werden, denen ja ebenfalls, wenn sie das Maturitätszeugniß beibringen, der Eintritt in das Seminar nicht verwehrt werden kann. Es ist dies ein Schaden an unserem Schulwesen überhaupt, daß man ohne das Gymnasium besucht zu haben dennoch mit Leichtigkeit ein Maturitätszeugniß erhalten kann. Ueber kurz oder lang muß diesem Unwesen von Staatswegen gesteuert werden; „jüdischerseits aber sollte gleich bei Errichtung des Seminars für den Eintritt in dasselbe nicht blos die Beibringung eines Maturitätszeugnisses, sondern der Nachweis über den wirklich stattgefundenen Besuch des Gymnasiums zur Bedingung gemacht werden." Was endlich den einzigen Vortheil des projectirten Proseminars betrifft, so besteht dieser darin, daß es Gelegenheit zur „theologischen Vorbereitung" bietet. Ich verkenne diesen Vortheil nicht. „Wenn ich auch nach meinen Erfahrungen bei der Behauptung beharren muß, daß der, der Theologie sich Befleißigende neben dem Besuche des Gymnasiums immer noch so viel Zeit erübrigen kann, um während mehrerer Jahre das für den Eintritt in das Seminar erforderliche Maß von theologischer Vorbildung sich anzueignen"so liegt doch in der dargebotenen sicheren Gelegenheit, jene Vorbildung zu erlangen, für den jungen Theologen immerhin ein Vortheil. Aber dieser Vortheil ist „allzu theuer erkauft, wenn seinetwegen der der Theologie sich Befleißigende aus den Besuch des Gymnasiums und auf einen wenn auch noch so geringen Theil des an demselben gebotenen Materials der allgemeinen Bildung verzichten muß." Ich erlaube mir daher, um auch jenen Vortheil nicht fahren zu lassen, folgenden Antrag zu stellen: „Es möge der Besuch des Gymnasiums dem der jüdrschen Theoligie sich Widmenden auf das Bestimmteste zur Pflicht gemacht werden. Dahingegen mögen in allen größeren Städten der Monarchie gebildete Männer bestellt werden, welche während wöchentlicher 5—6 Stunden solche