Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 17 (1.9.1868)
- Date
- 1868-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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pro. 17. LrünN) den 1. September 1868. V. Iahrg. Juleresfs» des I«de»tß«Ws. Pränumerationsbetrag ganzj. 3 fl-, halbjabrig 1 ft. 50 kr. vierteljährig 80 kr. mit Postzusendung und Zustellung ins Haus. Für's Ausland gänzj. 2. Thlr. halbj. 1 Thlr. 15 Gr. Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur D. EhrUMNN. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats. Administration Bäckergasse Nr. 2. 2. Stock. Exped. Krapfengasse 18, Epstei.'s Bnchh Inserate werden billigst berechnet. Inhalt: Aus einem Gutachten über das „Proseminar". — Talmudische Studien. — Entgegnung. — Gememeindewirthschaft in Böhmen. — Correspondenzen. — Locale und Auswärtige Notizen. — Briefkasten der Redaktion — Inserate. Aus einem Gutachten über das „Proseminar". Von Rabbiner Dr. Gübemann, Prediger der israelitischen Cultus- Gemeinde in Wien. (Schluß.) VI. Es erübrigt nur noch, die vorliegende Frage vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus zu prüfen. Bei dem Vorschläge des Proseminars hat man gleichzeitig eine Verkürzung des gymnasialen Lehrstoffes in Aussicht genommen und es sind auch über die Art und das Maß dieser Verkürzung bereits Vorschläge gemacht worden. Auf das Nachtheilige dieser Vorschläge gedenke ich hier nicht im Einzelnen einzngehen. Behauptungen wie diese: Kann mau denn nicht gut Latein verstehen, selbst wenn man nicht jede ciceronianische Feinheit im Ausdrucke herauszufinden und wiederzugeben weiß? oder: kann man es nicht zu einem geläufigen Verständniß des Griechischen bringen, selbst wenn man keine Tragiker liest?— Solche Behauptungen lassen sich eher auswerfeu als im Einzelnen widerlegen, da man nicht bei den Nahrungsmitteln des Geistes, wie bei denen des Leibes den Nahrungsstoff procentweise abmessen und bestimmen kann. Ich weiß nur so viel, daß man mit der Verkürznng des gymnasialen Lehrstoffes ebenfalls hinter die Anforderungen unserer Zeit zurückgehen würde. Ich will zur Unterstützung dieses Ausspruches (nach dem Abendbl. der „N. fr. Presse" Nr. 1302, 1868) nur eine Acußerung anführen, womit ein Bericht der Schulsection des Wiener Magistrats „die Unmöglichkeit begründet, an den zu errichtenden Communal-Ober- Gymnasien unter die der lateinischen und griechischen Sprache zugetheilte Stundenzahl herunter zu gehen." „Die geistige Vielseitigkeit", heißt es dort, „die Macht und Fülle der Ideen, die Schärfe der Erkenntniß und des Denkens sind die Zauberkräfte, mit welchen die unvergänglichen Meisterwerke der griechischen und römischen Literatur auch heute noch in die Tiefen von Geist und Gemüth greisen und namentlich mit wunderbarem Reize die strebsame Jugend zu fesseln und zu begeistern vermögen." Das sind Worte, denen Niemand leicht seine Zustimmung versagen wird. Man kann vielleicht an der auf den Gymnasien augenblicklich herrschenden Methode Manches bemängeln — obwohl auch dies noch kein zureichender Grund für die Errichtung von Prosemenarien ist, da schwerlich erwartet werden kann, daß die erst zu gründenden Proseminarien gleich eine bessere Methode erfinden, als bis zu welcher die Gymnasien nach der geraumen Zeit ihres Bestehens gelangt sind — aber eine Verkürzung des auf den Gymnasien gebotenen classischen Lehrstoffes scheint mir, besonders für den jüdischen Theologen, durchaus unzuträglich. Ich sage mit Absicht: besonders für den jüdischen Theologen! — und werde dies ausführlicher begründen: Das jüdische (nachbiblische) Schriftthum enthält im Grunde kein Bildungselement, wenn man das Wort Bildung im Verstände unserer Zeit, d. h. als humanistische Bildung begreift. Jenem Schriftthum wohnt sein eigenthümlicher Geist, seine eigenthümliche Bildung inne, die man, wenn man will, als nur orientalisch-jüdische bezeichnen kann, die aber nicht unser Geist und unsere Bildung sind. Es kann daher heute nur noch ein Objekt wissenschaftlicher Behandlung sein, wie es denn ein solches wirklich ist; aber es ist kein Faktor der Bildung. Es ist in diesem Betrachte so zu sagen todter als die „tobten Sprachen." Diese leben eigentlich noch fort, da unsere ganze moderne Literatur in ihrem Geiste empfangen ist und wir so mittelbar oder unmittelbar uns an ihnen bilden, während der Geist jenes jüdischen Schriftthums unserm Hnmamsmus durchaus nicht congenial ist. Dies haben denn auch die großen jüdischen Philosophen, Dichter, Exegeten, Grammatiker und Talmudgelehrten der spanischen Blüthezeit wohl erkannt und ihre Größe beruht eigentlich ans dieser Erkenntniß. Sie haben nicht aus dem jüdischen Schriftthum ihre Bildung geschöpft; diese sogen sie vielmehr aus der arabischen Literatur, welche für den Kreis, in dem sie lebten, ähnlich wie für uns die altclassische und moderne Literatur, das eigentliche Bildungselement war, nur mit der auf diesem Wege gewonnenen Bildung suchten sie dann das jüdische S ch ris tthum zu durchdringen, fruchtbar zu machen und