Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 16 (15.8.1868)
- Date
- 1868-08-15
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 — summae rerum eingeführt. Wenn er kaum hebräisch lesen kann, geht er sofort — ohne allen vermittelnoenUebergang — zum Studium des Talmuds, also von der allgemeinsten technischen Vorbereitung zum Studium der Theologie über! Ganz anders verhält es sich mit dem modernen, nicht an eine Fachliteratur gebundenen, humanistischen Bildungsgänge. Kein christlicher Vater wird seinem Sohne, wenn er nur eben lesen kann, Goethes Faust oder Kant's Kritiken in die Hand geben; der Jude aber überträgt die Normen des jüdischen Bildungsganges auf das Studium der humanistischen (alten und neueren) Literatur. Alan kann es hundert Male sehen, wie junge Leute, die aus den Je- »chiboth kommen, das Studium des Griechischen und Lateinischen bei Plato und Tacitus anfangen. Warum auch nicht? Da sie im Alter von 6 Jahren das talmudische Civil- und Criminalrecht zu lernen bereits angefaugen haben (ohne daß sie dafür lange vorbereitet wurden), warum sollten sie nicht im Alter von 16 Jahren Plato und Tacitus auf gleiche Weise erlernen zu können vermeinen? — Welcher pädagogische Nachtheil aber aus einer solchen Bildungsweise erwächst, begreift man leicht und kann es täglich erfahren. Ich weiß nun wohl, daß ein Proseminar nicht diesen Bildungsschlendrian einschlagen wird; aber gerade deshalb, weil es wegen seiner geringen Schülerzahl im Stande sein wird, sein Pensum rascher zu vollenden, wird es dem bisherigen jüdischen Bildnngsunwesen Vorschub leisten. Es wird die falsche Ansicht unterstützen, als sei der langsamere Bildungssortgang, wie ihn das Gymnasium einhält, gar nicht von nöthen, als ließe sich, „wenn man nur einen jüdischen Kopf habe" der ganze gymnasiale Lehrstoff in ein paar Jährchen verschluck e u, und wegen dieser seiner schädlichen Einwirkung auf die Juden überhaupt, wie auf seine Schüler insbesondere (die schließlich doch immer Etwas von der Treibhauszucht an sich haben werden) kann ich ein Proseminar nur als höchst verderblich „und seine Errichtung nur als einen sehr bedauerlichen Rückschritt aus dem Wege der Bildung unserer Glaubensgenossen bezeichnen". Noch ist unter dieser Rubrik darauf hinzuweisen, wie es durchaus nicht von pädagogischem Vortheil sein kann, Knaben im Alter von 14 Jahren, als in welchem sie durchschnittlich die vierte Gymnasialclasse verlassen, in ein Fachstudium zu drängen, das geschieht aber, wenn man sie veranlaßt, statt des Gymnasiums das Proseminar zu besuchen, da ja schon der Name dieser Anstalt an das spezifisch theologische Studium erinnert. Ist ein solches Verfahren nicht ebenfalls als ein Rückschritt zu bezeichnen? Kein Knabe von 14 Jahren wird sich unter richtiger Leitung bei seinen Studien davon bestimmen lassen, ob er der Medizin oder der Rechtswissenschaft nachmals sein Leben weiht. In jenem Alter soll er aber durch Erlernung alles Dessen, was den Geist bildet, die rechte Gymnastik sich aneignen, die er dann späterhin in dem erwählten Fachstudium verwerthe. Und für den jüdischen Knaben sollte der entgegengesetzte Bildungsgang von pädagogischem Nutzen sein? Er mag und soll immerhin neben seinen Gymnasialstudien Talmud u. dgl. lernen, wie der künftige Mediziner ja auch schon in früher Jugend mit Vorliebe den Naturwissenschaften sich zuwenden wird; aber es bleibe für ihn vorläufig das Gymnasium und die allgemeine Bildung die Hauptsache! — (Schluß folgt.) Der jüdisch-theologische Verein. „Viribus unitis!“ heißt der schöne Wahlspruch unseres erhabenen Monarchen, „mit vereinten Kräften!" lautet auch die Losung und der Grundspruch der ganzen Jetztzeit. Auf allen Gebieten des socialen, politischen, religiösen wie wissenschaftlichen Lebens gibt sich gegenwärtig das Streben kund, die Einzelkräfte um einen Mittelpunkt zu sammeln und durch die Vereinigung derselben das zu erreichen, was den beschränkten Mitteln des Jndividiums nimmer möglich wäre. Auch die am 30. Juni, 1. und 2. Juli d. I. in Breslau versammelten Rabbiner haben beschlossen, sich zu einem „jüdisch-theologischen Verein" zu constituiren, der _ den Zweck hat, „zwischen den räumlich getrennten Collegen eine günstige Verbindung herzustellen, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit zu stärken und ein einheitliches Wirken auf religiösem und wissenschaftlichem Gebiete zu fördern." Gegenüber den beiden, zu immer größern Gegensätzen sich zuspitzenden, extremen Richtungen einerseits, sowie dem immer mehr überhandnehmenden, religiösen Jndisserentismus andererseits that eine kräftigere Vertretung der vermittelnden, sogen. Frankel'schen Richtung des Judenthums wahrhaft noth, und der jüdisch-theologische Verein kann, wenn er anders seines eigentlichen Zieles sich bewußt ist und bleibt, — und dafür bürgen die Namen seiner Gründer, — eine sehr bedeutungsvolle und segensreiche Wirksamkeit entfalten. — Dem so eben in Druck erschienenen Programme gemäß will der Verein seinen Zweck auf folgende Weise erreichen: 1. „Durch gemeinschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der jüdisch-theologischen Wissenschaften"; insbesondere sollen hierbei solche Arbeiten in Angriff genommen werden, ' zu deren Vollendung zahlreiche Kräfte und weitere Hilfsmittel vonuöthen sind"; — 2. „durch periodisch wiederkehrende Versammlungen, in welchen sowohl Vorträge und Discussionen über Gegenstände aus dem Gebiete der Exegese, Geschichte. Religionswissenschaft rc. gehalten werden und Besprechungen über talmudisch-halachische Materien zum Zwecke der Beförderung eines gründlich wissenschaftlichen Talmudstudiums stattsinden, als auch allgemeine Fragen, welche das Gemeindeleben in seinem weitesten Umfange, also die Schule, die Handhabung der öffentlichen Wohlthätigkeit, den Cultus und die sociale Stellung der Juden betreffen, erörtert werden sollen"; — 3. „durch Herausgabe eines Organs, welches durch wissenschaftliche und populäre Arbeiten, sowie durch Correspondenzen, Besprechung von Zeitsragen rc. den religiösen und wissenschaftlichen Sinn in weitern Kreisen fördern solle." Die Repräsentation des Vereines ist einem jährlich neu zu wählenden geschäftsleitenden Comite von fünf Mitgliedern übergeben, von denen zwei dem Lehrer-Collegium des jüdisch-theologischen Seminars angehören und drei fungirende Rabbiner sind. Es ist natürlich, daß nicht bloß die aus dem Seminare hervorgegangenen Theologen dem Vereine angehören können, auch andern gleichgesinnten Rabbinern steht nach vorhergegangener Anmeldung beim Comite der Zutritt offen, und es wäre zu wünschen, daß durch recht zahlreiche Beitrittserklärungen die zu erhoffende, segensreiche Wirksamkeit des Vereins bis aus die weitesten Grenzen ausgedehnt werde. — Für das heurige Jahr wurden in das Comite gewählt: die Seminarlehrer Dr. H- Grätz und Dr. D. Rosin aus Breslau und die Rabbiner Dr. M. Güdemann aus Wien, Dr. I. Horowitz aus Märk. Friedland und Dr. I. Perles aus Posen. Die nächste Versammlung soll nach vorhergegangener Einladung durch das Comite im Sommer 1869 ln Breslau stattfinden. — So viel für heute über den jüdisch-theologischen Verein. Weit und fruchtbar ist das Feld seiner Thätigkeit, gut und zweckentsprechend finb die zur Bebauung desselben gewählten Mittel. Wünschen wir ihm, daß auch seine Erfolge den gehegten Erwartungen entsprechen, daß er recht viel beitrage zum Heile des Judenthums, zur Verherrlichung unserer Religion! — K . n. (Eilt Gegenstück jum Prager Indenfriedhofs-Decret von 1515. Von Dr. Hermann Kohn. Nicht immer waren die Fürsten gegen die ewigen Ruhestätten der Juden so pietütsvoll, wie es uns der geschützte H. Wolf in Nr.!3. d. Bl. vom edlen Kaiser Max erzählt. *