Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 16 (15.8.1868)
- Date
- 1868-08-15
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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als der Christ unter den seinigen. Nun will aber der Jude als solcher, der er unter seinen Glaubensgenossen ist, auch überall gelten, was wiederum erklärlich macht, wie es kommt, daß mau den Juden die Eitelkeit vorwirft, die — aus der angeführten Ursache - der Jude freilich oft genug besitzt. Ich wiederhole es noch einmal: das Judenthum ist nicht im Geringsten verantwortlich zu machen für die gerügten Eigentümlichkeiten; es sind nur Mängel, die sich in der Judenyeil vorfinden und ihren Ursprung in der ehemaligen gesellschaftlichen Stellung derselben haben. Aber wir müssen ohne Selbsttäuschung auf diese Mängel Rücksicht nehmen und wenn das wahrhaft geschehen soll, so begreife ich nicht, wie man jüdische Knaben nach Absolvirung der vierten Gymnasialclasse, „also in einem Alter wo der Mensch erst die äußeren Eindrücke aufzunehmen, selbstständig zu verarbeiten, mit einem Worte ein eigenthümliches Wesen und Charakter zu entwickeln beginnt, dem Gymnasium und dem Umgänge mit seiner christlichen Umgebung entziehen und auf den einseitigen Berkehr mit seinen Glaubensgenossen verweisen kann." Wie i mancher jüdische Knabe — zumal aus der Provinz — wird da in das Proseminar eintreten, ohne daß er nur im Entferntesten Gelegenheit und Antrieb findet, die Untugenden des Ghetto sich abzugewöhnen! Bilden wir uns auch nicht ein, daß die uachherige Erudition das ersetzt, was die Erziehung versäumt hat. Wer nur einigermaßen erfahren ist, der wird zugeben, daß die gerügten specifisch-jüdischen Untugenden auch an den gelehrtesten Juden haften bleiben können, und daß ' gerade Solche, was die Repräsentation des Judenthums anbetrifft, demselben durch die Hervorkehrung von unangenehmen Manieren oft mehr schaden, als sie ihm durch ihre Gelehrsamkeit nützen. Ich kann also nach diesen Erwägungen nur ernstlich davor warnen, Knaben, die für den Rabbinerberuf ausgebildet werden sollen, dem Gymnasium und dem Verkehr mit ihrer christlichen Umgebung zu entziehen. Ohnehin übt das Studium des Talmuds, wie bekannt, auf die Redeweise und Bewegung des Schülers leicht einen depravirenden Einfluß aus, dem eben nur ein fortgesetzter Besuch des Gymnasiums und der damit verbundene Verkehr mit nicht-jüdischen Kreisen einen Riegel vorzuschieben vermag. II. Fassen wir ferner den religiösen Gesichtspunkt ins Auge, so empfiehlt sich auch in dieser Richtung der allzufrühzeitige einseitige Verkehr des jüdischen Knaben mit Mitschülern s e i ner Eonfession keineswegs. Wohl können allenfalls jüdische Volksschulen befürwortet werden, weil Kinder in dem Alter, in welchem sie gewöhnlich diese Schulen besuchen, leicht eine religiöse Beeinflußung erfahren können : aber der Besuch des Gymnasiums dehnt sich bis in die Jahre aus, in welchen der jüdische Knabe einer religiösen Beeinflußung schon vermöge der gewonnenen Bildung und Selbstständigkeit nicht mehr zugänglich ist. Im Gegentheile kann das religiöse Bewußtsein des jüdischen Knaben — wenn nur die häusliche Erziehung es nicht beeinträchtigt, und das ist ^a von Seiten solcher Eltern, die ihren Sohn zum Rabbiner ausbilden wollen, nicht vorauszusetzen — „durch die gesunde Friktion, welche es in der Berührung mit andern Glaubensbekenntnissen erfährt, nur sich kräftigen und klären." Selbst von andern Glaubensrichtungen tolerirt, wird die (einige von der Ausartung in einen unduldsamen Fanatismus bewahrt; auf der anderen Seite wird der jüdische Knabe durch den Umgang mit Mitschülern anderer Eonfession angespornt, über seine Religion nachzudenken, sie in einer möglichst edlen Form zur Erscheinung zu bringen und zu zeigen, daß ihn von ihrer Seite nichts hindert, sich auf die gleiche Höhe der Bildung zu schwingen, als auf welcher seine nichtjüdischen Mitschüler stehen. Auch dieses Moment fällt in der vorliegenden Frage schwer in die Wage. Die Erfahrung lehrt, daß gar oft der späte und unvermittelte Eintritt in christliche Kreise den Juden zur Herabsetzung seiner Religion oder zum Jndifferentismus führt, während der in früher Jugend begonnene und bis zum Jünglingsalter und weiter fortgesetzte Verkehr mit der christlichen Umgebung das religiöse Bewußtsein des Juden klärt, veredelt und kräftigt. Dieser Umstand aber ist für mich ein.hinreichender Beweggrund, auch dem der jüdischen Theologie sich befleißigenden Knaben den Besuch des Gymnasiums zu empfehlen. III. In Ansehung der pädagogischen Seite der Frage bemerke ich über den Unwerth oder vielmehr die Schädlichkeit eines Proseminars Folgendes. Das Proftminar wird immer nur eine sehr geringe Anzahl von Schülern haben, welche noch dazu auf mehrere Classen sich vertheilt. Ein Unterricht aber, an welchem nur sehr wenige Schüler Theil nehmen, kann füglich kaum anders denn als ein Privatunterricht angesehen werden. Es geht mithin der pädagogische Nutzen, den die Schule im Unterschiede vom Privatunterrichte bietet, dem das Proseminar Besuchenden gänzlich verloren. Denn selbst der Gewinn, den man voraussichtlich l — wie es in dem überreichten Gutachten ausgesprochen ist — bei einem Proseminar in sofern erzielt, als der einzelne Schüler bei der hier nur geringen Schülerzahl mehr Berücksichtigung seitens des Lehrers findet und das Pensum der allgemeinen Bildung rascher erlernt, als es auf dem Gymnasium innerhalb eines ungleich größeren Kreises von Schü- Krn geschehen kann —, selbst dieser Gewinn ist nur ein ^>ch eingewinn oder vielmehr, wenn man genau zusieht, das 1 gerade Gegentheil eines Gewinnes. Denn die bildende Kraft und Wirksamkeit des Gymnasiuins liegt eben darin, daß dasselbe — wie schon sein Name andeutet — dein Schüler jene geistige Gymnastik beibringt, mit Hilfe deren er seine Geisteskräfte späterhin in schönem Ebenmasse zu gebrauchen und anzuwenden vermag. Diese geistige Gymnastik aber erfordert mehr noch als die körperliche jenen gemessenen und ruhigen Fortgang, der nicht einer künstlichen Treibhauszucht gleicht, nichts allzusehr beschleunigt und überstürzt, sondern mit der natürlichen Entwickelung des Schülers gleichen Schritt hält. Die Gymnasien sind nur eben wegen ihrer größeren Schülerzahl auf diesen langsamen Fortgang hingewiesen und ich kann es gar nicht als einen Vorzug des vorgeschlagenen Proseminars betrachten, daß es seiner geringen Schülerzahl wegen in der Lage sein wird, das Pensum der allgemeinen Bildung rascher durchzunehmen, als es auf den Gymnasien geschieht. „Denn die Gymnastik liegt nicht im Wissen, sondern im Lernen, und zwar in dem ebenmäßig fortschreitenden Lernen." Oder wird Jemand behaupten wollen, daß Derjenige der im späteren Alter mit außerordentlicher Energie das Verständniß aller ciceronianischen Schriften sich aneignet, denselben gymnastischen Vorth eil habe, als wer in geordnetem Bildungsgänge selbst nur bis zum Verständniß einer Rede oder Abhandlung CiceroS vordringt? Wer diese Behauptung wagte, der müßte auch zugeben, daß Derjenige, der seine Nahrung ungekäut verschluckt, ebenso gut thut wie Derjenige, der sie gehörig zerkäut. Es bedarf eben für den Geist so gut wie für den Körper einer durch die Gesetze der Verdauung und des Stoffwechsels bedingten Manipulation, die ungestraft nicht leicht Jemand überstürzen oder versäumen kann. Ovid sagt irgendwo: Didioisse fideliter artes emollit mores nec sinit esse feros. Eben der gewis sen hafte Fortgang in der Bildung bildet. Und gerade für den Juden, oder richtiger gesagt, für den der Theologie sich befleißigenden Juden scheint mir dieser langsamere schrittweise Bildungsgang, wie ihn das Gymnasium einhält, überaus nothwendig, denn das jüdische Schriftthum — ich nehme das biblische aus — ist nun einmal ein solches, daß eine eigentliche Abfassung nach dem Maßstabe des Leichteren und Schwierigeren in ihm beinahe gar nicht vorhanden ist. Es ist Alles mehr oder weniger (theologische) Fachliteratur, welcher Begriff schon jenen Unterschied aufhebt; danach hat nun auch der specifische jüdische Bildungsgang sich gerichtet und richtet sich noch heute. . Der jüdische Knabe wird gleich in medias res und zwar in die