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Das Abendland · 1868-07-01 · 13 (1.7.1868) · p. Seite 101

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
13 (1.7.1868)
Date
1868-07-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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— 101 Historisch nachzuweisen, zu welcher Zeit die Egypter diese Erfindung adoptirt haben, cheint ebenso unmöglich wie eine vollkommene Entzifferung der Hieroglyphen selbst?) Waren aber die Hieroglyphen die erste Schriftart der Egypter? Diese Frage mit „ja" zu beantworten und dadurch diese Behauptung Vieler zu der unserigen zu machen sind wir sehr wenig geneigt. Daß die Egypter eines der ältesten Völker?) der Erde sind, wird wohl Niemand, so wenig sich dieses auch mit Bestimmtheit angeben läßt, in Abrede stellen. Wie wäre es also denkbar, daß dieses kunst- und wissenschaftsliebende Volk dem wir die Astronomie, die Geometrie, die Arzneiknnde u. m. Erfindungen und Entdeckungen auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft zu verdanken haben, nicht das Bedürfniß gefühlt hätte, ein Mittel zur Erleichterung seiner Studien, also eine Schrift, zu erfinden, bevor es die Bilderschrift der Aethiopier zu seinem Eigenthume gemacht hat? Es beruht also auf aller Wahrscheinlichkeit, daß die alten Egypter lange zuvor (d. h. vor Annahme der Hieroglyphen) ihre eigene Schriftart haben besitzen müssen und die Behauptung des Verfassers obgenannten Aufsatzes, daß die ersten Buchstaben wirkliche* *) Hioroglyphen waren, wäre demnach als eine irrtümliche zu bezeichnen. F. R. Hosfmann wirft in seinen „Aphoristischen Bemerkungen" über den Ursprung und die geschichtliche Entwickelung der Schrift (s. Schriftwart 1. Jahrg. Nr. 2) die Frage auf: „Waren aber die Hieroglyphen die ältesten Schriftzeichen?" und läßt unmittelbar darauf die Antwort folgen: „Das ist wohl nicht der Fall gewesen. Die Phantasie der orientalischen Völkerschaften empfanden die Hieroglyphen als ein Bedürfniß, um den abstrakten Lautzeichen einen greifbaren Hintergrund zu geben. Dieser Hintergrund war die Aehnlichkeit mit einem Gegenstände, der durch seinen Namen an den dargestellten Laut zu erinnern geeignet war." Weiter sagt Hoffmann: „Die Hieroglyphen bildeten mit einem Worte den Schlüssel der Schrift; wie die römischen Siegel durch den ersten Buchstaben das ganze Wort, so stellten die Hieroglyphen mit einem ganzen Wortbilde nur den ersten Buchstaben dieses Wortes dar." (Vgl. Anmerkung Nr. 3.) Und wenn der griechische Geschichtschreiber Diodorus meldet, daß der König der Egypter vermöge eines Gesetzes gehalten war, die verschiedenen eingelaufenen Berichte über den täglichen Zustand des Reiches gleich beim Tagesanbruch zu lesen und schriftlich daraus zu verfügen (was auch genau eingehalten worden sein soll), so konnte dieses wohl nicht in der weitläufigen symbolischen Schrift geschehen, vielmehr muß aller Wahrscheinlichkeit nach eine andere schnellere Schriftart?) vorhanden gewesen sein, mittelst der man das im Stande war. Das war allem Vermuthen nach der ,,demotische" und der „hieratische" Schriftstyl, welcher bei den Egyptern Gemeingut war?) *) Die Priester dieser Zeit verstanden es in ihrer Geheimnißkrämerei sehr gut, jede Kunst und Wissenschaft in einem geheimnißvollen «Dchleier zu hüllen, so daß deren eigentliches und inneres Wesen nur ihnen allein bekannt war, dem Volke aber verborgen blieb. 5) Mit Gewißheit läßt sich überhaupt in Beziehung auf die älteste Geschichte Egyptens nichts ermitteln und beruht ziemlich Alles nur auf Vermuthung. *) Viele Historiker behaupten, daß es schon lange vor der Sündfluth ein Volk war. ’) Schneller e Schrift will nicht sagen eine „Schnellschrift", sondern eine Schriftart, mittelst welcher man geläufiger zu schreiben im Stande war, als mittelst der schleppenden Bilderschrift. Dadurch wird zugleich der Behauptung Jener entgegengetreten, welche den oben angeführten Bericht des Diodorius gebrauchen, um nachzuweisen, daß die alten Egypter im Besitze einer Stenographie waren. Alvensleben sagt von diesen Schriften: „Sie hatten besondere Zeichen iür eine heilige und andere für eine profane oder bürgerliche Schrift. Die heil. Schrift wandte man bei den Büchern der Religion und bei andern wichtigen Actenstücken an. Die sogenannten Briefbuchstaben bediente man sich bei dem gewöhnlichen Verkehr des Lebens; gleich so manch Anderem, was sich auf die Wissenschaft *) Was mag der Vers mit dem Worte „wirkliche" andeuten wollen? Aus dem bisher Gesagten läßt sich schließen, daß bei den Egyptern vor Annahme der Bilderschrift eine Buchstabenschrift vorhanden war. — Schreiten wir nun zur Lösung der eigentlichen Aufgabe. (Fortsetzung folgt.) Preußen. Von H, K. Jemand behauptete einmal, in der Judensrage bestehe der ganze Unterschied zwischen Oesterreich und Preußen darin, daß im erstern Staate die Regierung und die höhern Stände liberal und judenfreundlich seien, das Volk aber wäre, weil durch die allmächtige Geistlichkeit beeinstußt, intolerant und judenseindlich; in Preußen jedoch sei das Umgekehrte der Fall: nur das Ministerium und die privilegirten Elasten seien ultramontan und unsere Gegner, während das mit dem Zeitgeiste fortgeschrittene und gebildete Volk die völlige Emancipation der Juden wolle. Dieser Vergleich ist im Allgemeinen nicht so ganz unrichtig und findet besonders in Preußen seine volle Bestätigung. Die Minister, die höhern Beamten, die Junker sind es da vorzüglich, die sich mit aller Kraft gegen die Gleichstellung aller Confessionen stemmen und keine Gelegenheit vorübergehen tasten, uin die ihren Ansichten entgegengesetzte Strömung der Zeit durch Wort und That zu bekämpfen. Doch von den edlen Rittern der „Kreuzzeitungs- Partei" ist man ein so humanes Gebaren schon gewöhnt und erwartet es darum auch gar nicht anders; wenn aber auch ein erprobter Führer der Volkspariei, ein bewährter Vorkämpfer für Freiheit und Recht, ein Professor Virchow zu Berlin im vollsten Widerspruche mit seinen eigenen, so oft von der Rednertribüne herab vertheidigten Doctrinen thatsächlichen Judenhaß bekundet, da darf man sich wohl wundern und fragen: Huldigt wohl der H. Professor dem bekannten Grundsätze: Richtet euch nicht nach meinen Thaten, sondern nach meinen Worten? Es scheint fast so zu sein, denn sonst hätte der Mann, der um seiner liberalen Ideen willen mit Graf Bismarck sich duelliren sollte, unmöglich jene jungen Aerzte, die ihn um Assistenzstellen in seiner Klinik angingen mit ihren Ansuchen zurückweisen können, bloß weil sie Juden seien; hätte er den Dr. N. nicht erst dann zu seinem Secundararzte annehmen dürfen, nachdem er seinen Taufschein vom Pastor ihm vorzeigen konnte. — Prof. Virchow gibt als Grund seines Verfahrens an, daß er jenen jungen Doctoren zwecklose Bemühungen ersparen wollte, da es die Juden im preußischen Staate doch ohnehin nicht zu Ordinarien bringen könnten. Eine treffliche Entschuldigung! Da sollte ja in Preußen auch kein Jude Philologie, Geschichte, Naturwissenschaften studiren, da er ja nicht einmal auf eine Lehrkanzel eines Gymnasiums rechnen kann, und doch haben es mehrere preußische Juden schon recht weit in den genannten Wissenschaften gebracht, und selbst in der Medizin kennen wir einige Namen unserer Glaubensgenossen, die, wenn auch nur „außerordentlich", doch einen solchen Klang haben, daß sie wohl von ihren „ordentlichen" Collegen daraum beneidet werden dürfen. Wir nennen bloß Traube und den der Wissenschaft leider zu früh entrissenen Remak. — Uebrigens ist ja Preußen nicht die ganze Welt, und die jüdischen Gelehrten könnten doch in andern Staaten ordentliche Professuren oder andere ihren Fähigkeiten angemessene Aemter erlangen. Es hat die judenfeindliche Kundgebung des beliebten Bolksmannes aller Orten mit Recht peinliches Aufsehen erregt, da man sich ihrer von ihm am allerwenigsten versehen hätte. — Weniger überrascht war man von dem Bescheide des H. Cultusministers von Mühler, den er in den letzten Tagen dem der alten Egypter bezieht, sind anch diese bei den Schriftarten verloren gegangen nnd man weiß nur noch so viel, daß ihr Alphabeth 25 Buchstaben hatte.

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