Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 13 (1.7.1868)
- Date
- 1868-07-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 100 — über die Bekenner des Judenthums heraufbeschworen. Nicht die religiöse, sondern die sociale Stellung der Juden war es, die sie zu allen Zeiten und Orten verhaßt machte. Die ungeheuren Reichthümer, die sie, die fast einzigen Träger des von Andern verachteten Handels, aufgehäuft hatten, waren ihnen verderblicher, als der Glaubensunterschied, der meist nur den zündenden Funken hergab, welcher den angesammelten Brennstoff des Hasses zur hellauflodernden Flamme anfachte und zum Vorwände dienen mußte, wenn sich die Fürsten oder der Pöbel jener Schätze bemächtigen wollte. An Belegen hiefür ist das tausendjährige Martyrium der Juden nur allzu reich. So schlachtete die Volkswuth im Jahre 1391 in den spanischen Städten mehr als fünf Tausend Juden, nicht weil sie an die Lehre Mosis glaubten; sondern „weil sie im Besitze der Reichthümer der Halbinsel, die Gläubiger der Christen waren, die mit ihnen in der Erwerbsamkeit nicht wetteifern konnten" 2). So wurden am 28. Mai 1349 in Breslau viele Juden ermordet, nicht aus religiösem Fanatismus, sondern „wegen allgemeiner Hungersnoth", die das Volk mit dem Gelde der Juden zu stillen wähnte. 3) So wurden zu wiederholten Malen aus Frankreich, England und Deutschland die Bekenner des Mosaismus vertrieben und verfolgt, weil ihre christlichen Schuldner sie um ihre rechtlichen Forderungen prellen oder neue Summen von ihnen erpressen wollten?) Verdankt doch selbst das furchtbare Glanbenstribunal der Inquisition, jenes Schreckgespenst der Hölle, das, wie ein jüdisch-spanischer Dichter8) singt, mit seinem Gifthauche jede grüne Matte zur Wüste, jeden blühenden Baum verdorren machte, sein fluchwürdiges Entstehen der niedrigen Geldgier des katholischen Ferdinand, der nur die Gelegenheit suchte, viele Güter zu confisciren und seine stets leeren Cassen mit der reichen Habe der unschuldig Verurtheilten zu füllen?6) Wir könnten auch aus der allerneuesten Geschichte der Inden mehrfache Beweise für obige Behauptung beibringen, wollen jedoch lieber bei einem weniger bekannten Falle aus frühern Jahrhunderten stehen bleiben, bei dem es sich auch herausstellt, daß die Religion nur den Deckmantel für gemeine Habsucht bildete. — Im 15. Jahrhundert gab es fast in allen größer» Städten Schlesiens zahlreiche Judengemeinden, unter welchen sich besonders die der Hauptstadt Breslau durch großen Reichthum auszeichnete. Man kann sich von demselben einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß sie die Herzoge Ludwig von Lüben, Ohlan und Haynau, Konrad den Weisen von Kosel, Ruprecht von Lüben und Haynau, Konrad von Oels, Bolko zu Oppeln und Ober- Glogau, Heinrich von Oppeln, Hans und Heinrich zu Münsterberg, den stets geldbedürstigen Bischof Konrad von Breslau und außerdem noch viele Städte zu ihren Schuldnern zählt. 6) Sie lebten nach dem Maßstabe der damaligen Zustände in ziemlich guten Verhältnissen. Sie mußten zwar ungeheure Schutzgelder und andere Steuern den Städten und dem Kaiser zahlen (so betrug die Krönungssteuer, die Friedrich III. ausgeschrieben hatte, den 3. Pfennig, d. h. den dritten Theil ihres ganzen Vermögens7); lebten aber sonst in Frieden, trieben ihre Geschäfte, hatten ihre Synagogen und „Bischöfe", und breiteten sich immer mehr aus. „Sie werden dick und fett und machen sich breit", sagt der zeitgenössische Abt Ludolf von Sagan von ihnen!8) Wie man schon aus diesen Worten des würdigen Abtes ersehen kann, waren es auch hier, wie überall, die Geistlichen, die den Juden ihre theuer erkaufte Ruhe mißgönnten und sie zu stören suchten. Sie eiferten von der Kanzel herab gegen dieselben, verweigerten den Richtern, die in Processen zwischen Juden und Christen den sibi propter famem“ schreibt der Breslauer Rath schon am 27. März 1349 am Kaiser Karl (Oelsner. Zur Gesch. der Juden in Schlesien) Dr. Wiener eonjieirt in Nummer 41 der „allgemeinen Judenzeitung" vom 4. Oct. 1864 mit Unrecht famam statt famem. — •*) Grätz Gesch. der Juden VI. 112. VIII. 60,71. IX. 215 und and. Orten. 5) Normte I. 165. Lafuente hist, gener. de Espana Vlll. 227. — 8) Oelsner Urkunden zur Gesch. der Juden in Schlesien. Urk. 37. — Z Wiener Regesten zur Gesch. der Juden in Deutsch!, während des Mittelalters S. 82, Nr. 32. — 8) Stenletztern Unrecht gaben, die Absolution und versäumten überhaupt nichts, um den Haß gegen „die reichen und übermüthigen Juden" zu schüren?) Lange konnten sie ihren Zweck nicht erreichen, da der Kaiser (als Vormund des nachgeborenen Ladislaus) und der Rath der Stadt für schweres Geld sie schützten. — Der wohlweise Rath hatte zwar längst ein Lüftchen nach dem ungeheuren Vermögen der Judenschaft, doch wagte er es nicht, sie offen anzngreifen, ohne auch nur den geringsten Schein des Rechts für sich zu haben. — (Schluß folgt.) Entgegnung des Jg. Baum, auf dm im 4. Jahrgang Nr. 5 des „Abendlandes" enthaltenen Aufsatz Ein Wort über Stenographie bei dm alten „Hebräern" von Markus Freund. Wenn man über die Schrift und deren Entwicklung sprechen will, pflegt man gewöhnlich bei den Hieroglyphen zu beginnen. Dieser Gewohnheit meint auch Herr Freund bei der sich gestellten Ausgabe, die hie und da schon längst aufgetauchte Annahme, die Hebräer wären zur Zeit der Abfassung ihrer heil. Bücher im Besitze einer Schnellschrist (resp. Stenographie) gewesen, durch Beweise zu bekräftigen, Rechnung tragen zu müssen. — Welche Aehnlichkeit haben aber die Hieroglyphen mit der Stenographie und in welcher Verwandtschaft stehen diese beiden Schriftarten zu einander, daß Herr Freund sich veranlaßt fühlt, aus dem Bestände der erstern Folgerungen und Schlüsse aus das Vorhandensein der letztern zu ziehen? Jene eine weitläufige, eher einer rohen Malerei als einer Schreibekunst verwandte Schriftart'), diese eine Geschwind- oder Schnellschrift, mittelst welcher man die Worte und Reden Anderer zu fixiren im Stande ist. — Doch da der Herr Verfasser von einem solchen Thema ausgegangen ist, scheint es nicht ans ungeeigneter Stelle zu sein, bevor wir zur Lösung unserer Aufgabe schreiten in Bezug auf die Hieroglyphen- oder Bilderschrift einige Bemerkungen hier geltend zu machen: Die Hieroglyphen- oder Bilderschrift stammt nach L. v. Alvensleben und anderen Geschichtsschreibern ursprünglich nicht, wie Biele anzunehmen nicht ganz abgeneigt sind, von den Egyptern selbst, sondern von den Aethiopiern, einem Volksstamm in Ostafrika und Südwestasien 2). Von den Aethiopiern wahrscheinlich entlehnt, haben die Egypter die Hieroglyphen weiter ansgebildet und machten sie durch häufige Anwendung zu ihrem Eigenthume, welches aber ausschließlich in Händen der Priester blieb?) zel. Leriptor. Rer. Siles. I. 211. — *) Chmel Materialien zur österreich. Gesch. II. 306. >) Der Verfasser sagt selbst in seinem Aufsatze: „Die ganze Schrift als eine rohe körperliche Abbildung." 2) Die Aethiopier hatten auch eine Buchstabenschrift. Diese, ursprünglich der himjaritischm Schrift sehr ähnlich, bestand bloß aus Consonanten und wurde gleich der hebr. von der Rechten zur Linken geschrieben. Erst später nach Einführung des Christmthums (in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Ehr.) ward ihre Richtung nach dem Vorbilde der griechischen Schrift geändert und mit Vokalzeichen eingeführt. Das Alphabeth bestand aus 26 Consouanten und 7 Vokalen. ») Nach Alvensleben (siehe allgem. Weltgeschichte I. S. 51) war diese Schriftgattung der Egypter doppelter Art. Die Bilder nämlich, welche die Buchstaben der gewöhnlichen Schrift ersetzten, bezeichneten entweder einen ganzen Begriff, wie z. B. der Falke die Schnelligkeit und den Scharfblick darstellte, oder sie vertrat gleich der gewöhn!. Schrift nur Einen Buchstaben. Im letztern Fall war der Anfangsbuchstabe des dargestellten Gegenstandes der, welchen dieser Gegenstand vorstellen sollten. Ein Fisch wäre daher (die deutsche Sprache zum Beisp. genommen) der Buchstab „F“ gewesen.