Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 13 (1.7.1868)
- Date
- 1868-07-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Prager Zudenfriedhof und ein Ludenfriedhofs-! Decret von 1513. Eine historische Skizze zur Erinnerung an den 21. Juni 1868 dem Vorstande der Prager pH man gewidmet von Leopold Wolf in Prag. Der Judenfriedhos in der Josefstadt Prags, eine wahre ossianische Erscheinung, hat ein eigeuthümliches Gepräge, und es gibt wohl einen zweiten so romantischen Friedhof in der Welt nicht mehr. Der Judenfriedhof, sagt der gemüthliche Dichter Herloßsohu, ist von ungeheuerem Umfange, mit zahllosen Grabsteinen in Form von Würfeln, Pyramiden, Platten bedeckt, über welche wild und verworene uralte Fliederbüume ihre knolligen Reste Hinstrecken. — Ein wundersam schauerliches Gefühl erfaßt den Eintretenden in dieser laut- und farblosen Oede. Keinem christlichen Gottesacker ist dieser Kirchhof zu vergleichen, lieber jenen zucken noch, wenn auch Kreuze und Gräber bemoost, versunken, einzelne Lichtblicke — der Mensch fühlt sich daselbst nicht so entsetzlich verlassen, allein, elend! Hier aber wohnt ein seltsames Grauen — die Hoffnung, das Gefühl der Auferstehung wagt es nicht einzuziehen in die Brust des Christen, der hier weilt. Es ist, als wären hier sogar die Vögel verstummt, als wäre es der Wind nicht, die schwarzgrünen Reste zu bewegen. Beim ersten Schritte in diese Mauern, in dieses Jrrgewinde von gesunkenen Steinen und verworrenen Baumgruppen fühlt der Christ, daß er hier die Grabstätte eines anderen Volkes, eines andersgläubigen Geschlechtes betritt. Keine — nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit der Monotonie eines herrnhutischen Gottesackers; düster der Contrast mit der Freundlichkeit einer muhamedanischen Begräbnißstätte, und wie verschieden, wie uralt gegen alle modernen Judenfriedhöfe! — Hier konnte keine laute Klage ertönen, denn Klage zeigt noch von Leben, sondern es waltete der dumpfe gepreßte Schmerz, das fatalistische Entsagen, das Hineinbrüten in Tod und Verwesung. Ich habe keine Worte für die Empfindungen, die Denjenigen durchwallen, welcher zum ersten Male diese Stätte betritt. Lange wird er hier nicht weilen, denn nirgends auf der Erde, selbst im tiefsten Kerker, kann es so unheimlich sein — und doch weht die Luft hier frei, blickt der Himmel hiernieder durch diese Zweige und Blätter, durch diese Gräser und Moose. — Stumm sitzt dort auf einem halbversuukenen Grabstein eine graue verwitterte Hebräergestalt, mit wirrem Bart und erloschenen Augen, selbst wie aus Stein geformt. Dazu geselle man noch die vielen jüdischen Gespenstergeschichten, welche religiöse Phantasie auf diesen Schauplatz verlegt hat, das ehrwürdige Alterthum der Stätte, welches immer noch nicht ermittelt ist. Seit Josef II., auf dessen Befehl alle Begräbnißplätze außerhalb die Städte verlegt werden mußten (1787) befindet sich der neue jüdische Friedhof bei dem Dorfe Wolschau, eine halbe Stunde von der Stadt. Der alte Friedhof ist seitdem eine Reliquie geblieben — hat sich nicht, wie es bei den christlichen Kirchhöfen der Fall, in einen freien Platz verwandelt, er gewährt dem Leben keinen Rauin, und empfängt, wenn gleich selbst tobt — nichts Todtes mehr! Er erinnert im Kleinen an die egyptischen und hindostanischen Grabgefilde. Und daun wieder bei seiner Ungeheuern Ausdehnung, bei den unübersehbaren, halb eingesunkenen, halb aufgerichteten Steinmassen könnte er das Pa lryra unter den Friedhöfen heißen, lieber den Josesstädter alten Friedhof enthält die sogenannte Wallenstein'sche (nicht wie es in einem Aufsatze des vorjährigen Jahrganges im „Abendland" hieß, die Waldsteinische — Judeuchronik, ein „kaiserliches Patent" angeblich vom 12. August 1513 (— unter Maximilian I. —) welches auch von den damaligen israelitischen Begräbnißstätten im Allgemeinen Kunde gibt. (Schottky: Prag, ferner Jllustrirte Chronik von Böhmen ) I „Auf das wiederholte unterthänigste Bitten der Juden und in Rücksicht, daß auch Unsere getreuen und vielverdienten Erzbischöfe und Bischöfe deren gehorsames Ansuchen weder als unbillig noch als unzulässig begutachtet haben, ordnen wir aumit an und befehlen, daß die Mauern der Begräbnißplätze der Juden, nicht wie es oft geschieht, niedergerissen, daß die darauf befindlichen Grabsteine nicht zerstört, die Gräber nicht aufgewühlt, und die Leichen nicht ausgegraben werden sollen, und daß überhaupt Alles zu unterlassen sei, was den Todten mißhandelt und den Lebenden ärgerlich sein muß; gleichwie es die Juden auch urkundlich und thatsächlich dargethan haben, daß ähnliche Verordnungen schon früher von den Päpsten Jnnocenz IV. anno 1251 und Pius II. anno 1462 erlassen worden sind. Es soll daher den Juden gestattet sein, allenthalben, wo sie jetzt Gottesäcker haben, diese auch in der Folge beizubehalten, sie mit Mauern von jeder Höhe zu umgeben, auch daselbst zur Nachtzeit Wächter hinzustellen und haben die Eigenthümer der Gründe, welche um diese Gottesäcker herumliegen, oder unmittelbar daran grenzen, sie bei allem diesen ungestört, und das Vieh nicht mehr zur Weide Herumtreiben zu lassen. Jngleichen soll fernerhin der Richtplatz nicht mehr dort sein, so wie auch der Durchgang durch dieselben nicht mehr unbedingt gestattet zu werden braucht. Andererseits haben wieder die Juden Dasjenige zu entrichten, was ihnen bis jetzt für die Gestaltung ihrer Gottesäcker zu erlegen vorgeschrieben ist; ferner soll ihnen nur zur Nachtzeit gestattet sein ihre Todten dahin zu tragen, welches überdieß nie Sonntags Nacht geschehen darf; ferner joll, wie dies bei ihnen gebräuchlich ist, Niemand mit einer brennenden Kerze von schwarzem Wachse der Leicheubahre vorausschreiten und keiner mit der Kopfbedeckung der Verstorbenen, oder mit einem Buche vor der Leiche gehen. Nicht minder sollen, wenn mehrere Leichen zu gleicher Zeit zu begraben sind, sie nicht zu verschiedenen Malen, sondern immer zu gleicher Zeit dahingebracht werden." Ein Mo da Fe in Lreslau, von Dr. Hermann Kohn. „Was ist der letzte Grund jenes Hasses, den wir in Europa zwischen den Anhängern der mosaischen Gesetze und der Lehre Christi bis auf den heutigen Tag gewahren? Ist es der ursprüngliche Bruderhaß, den wir schon gleich nach Erschaffung der Welt ob der Verschiedenheit des Gottesdienstes zwischen Kain und Abel eutlodern sehen? Oder ist die Religion überhaupt nur Vorwand und die Menschen hassen sich, um sich zu hassen, wie sie sich lieben, um sich zu lieben?" — „Das gemeine Volk haßte in den Juden iinmer nur die Geldbesitzer; es war immer das aufgehäufte Metall, welches die Blitze seines Zornes auf die Juden herabzog. Der jedesweilige Zeitgeist lieh nur immer jenem Hasse seine Parole. Im Mittelalter trug diese Parole die düstere Farbe der katholischen Kirche, und man schlug die Juden tobt und plünderte ihre Häuser, weil sie „Christus gekreuzigt", ganz mit derselben Logik, wie auf Set. Domingo einige schwarze Christen zur Zeit der Massacre mit einem Bilde des gekreuzigten Heilandes herumliefen und fanatisch schrien: Les blancs l’ont tue, tuons nons les blancs!1) — Wer sich nicht begnügt, die große Leidensgeschichte Israels bloß den äußern Umrissen nach zu betrachten, sondern auch auf die Urquellen zurückgeht, aus denen wir unsere Kenutniß jener düstern Zeiten schöpfen, wird die Wahrheit der angeführten Worte Heine's immer und überall bestätigt finden. Die unersättliche Habsucht der Großen, der gemeine Neid der Massen bildeten stets die ersten und eigentlichen Motoren, welche die blutigsten Verfolgungen ') Heine, Shakspeares Mädchen und Frauen, Jessika. — 2) Llorente's kritische Gesch. der span. Inquisition I. 160. — £) Judaei timent