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Das Abendland · 1868-07-01 · 13 (1.7.1868) · p. Seite 98

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
13 (1.7.1868)
Date
1868-07-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 kühlen Schatten weilend. Endlich die Unterwelt, Mitlan, wo Gott Miktlantauktli und seine Gattin, Miktlancihuatl herrschen, der Aufenthaltsort für die Uebrigen, die eines natürlichen Todes starben und für die Sünder.*) Doch das war keine Hölle, mit jenen grinsenden Quälgeistern angefüllt, in deren grauenhaften Ausmalung sich die Mythen anderer Völker so sehr gefallen, den Pinsel eines Höllenbreughal und die Phantasie eines Dante noch weit überbietend: in Mitlan fanden die Sünder eine stille Ruhestätte für ihre wehmüthige Reue. Die Mühen und Leiden des Lebens, dessen bitterer Kelch an Keinem vorübergeht, und die Schmerzen des Todes, sie sind, auch für den Sünder ein reinigendes Mittel und machen jede Strafe im Jenseits überflüssig. Die düstere aszetisch-strenge, selbst bis zur furchtbarsten Härte ausartende Grundansicht von dem diesseitigen Leben, erzeugte gerade die milde Anschauung vom Jenseits. Wenn wir nun für die mexikanische Eschatologie und Metempsychose nach Parallelstellen in den jüd. Schriften suchen, so müssen wir wohl zumeist auf die talmudisch-rabbinischen unser Augenmerk richten. Wer weiß es nicht, daß die heilige Schrift sich was die Fortdauer nach dem Tode betrifft, bloß auf Anspielungen**) beschränkt und den deutlichen Ausdruck verschmäht, der erst in der späteren Legende hervortrat in Färbungen, die von fremden Sagenkreisen herüber gelangten. An jene Vorstellung, die jedem Verblichenen ohne Unterschied in jenem unbekannten Sein ein gewisses Maß von Glück und Ruhe zuerkannt, doch jede peinliche Büßung ausschließt, gemahnt uns Hiobs Klage, Cap. 3, V. 13—20. „Warum starb ich nicht vom Mutterschooße hinweg, wie ich aus dem Leibe kam, warum verschied ich nicht? — Jetzt läge ich fürwahr und ruhete, ich schliefe, mir wäre wohl neben Königen und Berathern der Erde, die Grabmäler sich errrichten; oder bei Fürsten, reich an Gold, die ihre Häuser mit Silber füllen . . . dort, wo die Frevler aufhören zu toben, dort, wo Erholung finden die Lebensmatten, vereint mit ihnen die Gefesselten rasten, nicht mehr hören die Stimme des Treibers. Denn klein und groß sind dort gleich und der Sklave frei von seinem Herrn!" Der fromme Dulder, den das Glück mit den verschwenderischesten Gaben erfreut und das Mißgeschick mit den mächtigsten Schlägen heimgesucht, erblickt mithin in dem „Dort" die Stätte, wo die reinsten Blüthen der Unschuld, neugeborene Kinder und schuldbeladene Tyrannen, Bedrückte und Bedrücker, Demuth nnd Hoffahrt, Elend und Verruchtheit Zusammentreffen und vereinigt wieder in seliger Beschaulichkeit: der Unglückliche von Qual erlöst und der Frevler von der verzehrenden Leidenschaft befreit, die sein böser Geist und zugleich seine Strafe war auf Erden — eine Idee, die ihren weitgehenden Ausdruck findet in dem Satze: piO p*Vt p XtDUTl '’S „Siehe dem Gerechten wird auf Erden schon vergolten, wie erst dem Frevler und Sünder." Spr.11 — 31. In einer ganzen Reihe von Aussprüchen manifestiren unsere Alten den Gedanken, der den Grundzug jener mexikanischen Mythe bildet, daß nämlich das Leben hinieden selber genug läuternde Kraft besitze, um nicht erst die Sühne übers Grab hinaus als ewige Verdammniß versetzen zu müssen. X2H tbTih DrP2 pX „Es gibt keine besondere Hölle im Jenseits" — heißt es — Redarim, 8, a; Aboda Sara, 3, b. vgl. Ber. Rabba, 6. Aehnliches wird erzählt Sabbath, 104: p aa bis, bx rw bv ijntö na jrcm rasb nana nax BTl pb pTlX pTI an „Das Gehinnom sprach zu Gott: *) Vgl. Homer's Ilias V. 646, Ylll. 15, XX111.104: Odyssee. X. 494, 521, 536; XI, 29, 49, 57, 141, 276, 487, 490; XXIV. **) Solche sind enthalten- I. B. M. 15, 15; 25, 8, 9, 10; 35, 29; 37, 35, 47, 30; 49, 29; IV. B. M. 16, 30; 20, 24, 26; V. B. M. 32, 39; Sam. I. 2, 6; 25, 29; 28; Könige, I. 2, 10; 11, 43; Chron. 11. 12, 16; Jesaias, 14, 9—16; Psalm 6, 6; 88, 12; 115, 17; Hiob, 3, 13, 17; 7, 2. 9; 17, 13. Eschatologische Andeutungen erkennt der Talmud (Sanhadrin, 90, a — 92, b) in den Schriftstellen: 11. B. M. 6, 4; 15, 1; IV. 15, 31; 18, 28; V. 31, 16; 33, 6; Josua, 8, 30; JesaiaS, 26,19; 40, 31; 52, 8; Psalmen, 72, 16; Sprüche, 30,16; H. Lied, 7, 10; am klarsten ausgesprochen, Daniel, 12—2, 13. Herr der Welt, sättige mich von den Nachkommen des Seth (das gesammte Menschengeschlecht!) Da rief der Herr: Gehinnom, du hast keinen Antheil an ihnen, ich führe sie Alle ins Eden." Ber. Rab. 9, deutet aus die Gleichheit oder mindestens Aehnlichkeit von Eden und Gehinnom hin: na mxa ma nam sn tt nxaain nn - vgl. Koheleth Rabba zu 7—14, wo es ausdrücklich bietet .Ta nntT fiTatf päl — Daß für Israel keine Hölle besteht kündet Beruria mit den Worten: Die Gemeinde Israel wird genannt ein unfruchtbares Weib, denn sie hat keine Kinder geboren fürs Gehinnom. Barach., 10, a, (Jalkut Sprüchw. 31. 21) bw nan rrr xbw wo Daran annaxb nnpn nxnnao TUP „Als Gott dem Abraham das Gehinnom zeigte, verkündete er ihm, daß Sara's Nachkommen nicht herabsinken sollen." Ferner Erubin, 19. a. Chagiga 27, a: SxWWß anaa ntow na,Ta bv TX pX*) „Ueber die Sünder Israels hat das Gehinnomfeuer keine Gewalt." Die Anschauung, daß der Tod und das Ungemach des Lebens sühnen, ist ersichtlich — Sabbath. 60, a — xnn W bzb maa TUTO ferner Sanhedrin 44, d; Joma, 85, b; Schewuoth, 8, b. ab® "[DTDÖ HTT OTDnxn q a ninaxaa nanan ja abw pb w pwn nan „Wenn es heißt: deine Mahnung soll sein der Friede — so sind darunter zu verstehen die Leiden hienieden, sie schaffen den ewigen Frieden." (Sohar Exod.3) DV nam aa,Ta b*& „Der Beherrscher des Gehinnoms, sein Name ist Stille (contemplative Ruhe)." Eine Abstufung in der zukünftigen Glückseligkeit, wie sie die Mexikaner sich dachten, geht hervor aus folgenden Stellen: (Sohar Exod. 225) i6TT rwfay fcton p 2 XfiTl eben so, nbamnnni! zweierlei Eden unterschieden werden, ein oberes und ein unteres.**) Daß die Mexikaner den Priestern die untere Stufe ihres Paradieses und den Thatkrästigen, von aufopfernder Hingebung Beseelten die höhere, das Sonnenhaus, zum Aufenthalte anwiesen, erinnert uns das nicht an densinnigen Ausspruch: „Höher steht wer sich wacker nährt von der Arbeit seiner Hände als der Gottesfürchtige (der sich bloß auf Gott verläßt); denn von diesem heißt es nur: Heil jedem, der gottesfürchtig ist Pf. 128,1 doch von jenem sagt die Schrift — Ps. 128, 2 — Wenn du deiner Hände Arbeit genießest, Heil dir und wohl dir, Heil dir hienieden, wohl dir im ewigen Leben. Berachot. Verwandt der mex. Sage: Die Hingeschiedenen verlaffen ihr Sonnenhaus und umschweben in Gestalt von bunten Vögeln ihre Lieben auf Erden und erfreuen sie durch lieblichen Gesang — ist die Legende (Sohar Bamidbar 362): In den Monaten, Nissan und Tischri schweben die Seelen der Frommen umher, lobsingen dem Ewigen und beten für das Wohl der Lebenden. Sie erscheinen ihnen wie zwitschernde Vögel. a'£¥2¥a nTöanöS a'xnai Der Psalmvers, 84, 4. „Auch der Vogel fand sein Haus" — bezieht sich auf diese Seelen. Vgl. auch Sohar zu II. B. M. 379. Dem entspricht Sanhedrin 91, a: „Die Seele sagt, seitdem ich vom Körper geschieden, flattere ich in der Luft umher wie ein Vogel." Daselbst 92, b: „Den Frommen nach dem Tode gibt Gott Adlerflügel, daß sie umherschweben über dem Waffer." Ueber!P2an biaba Metempsychose, Wanderung der Seelen von Frevlern oder auch von Gerechten in Thiere und leblose Dinge, vgl. Sohar zu 2, B. M. 373—383, 443; Sefar hakwonos, 57, ff. Sohar zu I. B. M. 172. — Sohar Chadasch, 7; Reschith Chochmah ,26; losexbus, Antiqu. 18,2; Bellun Jud. 2—12. *) Vgl. Asora Mamoreth, 3, 15. — Kohelet Rab. zu 3, 21. **) Jalkul Reubeni zu V. B. M. 19, 7 unterscheidet ein dreifaches Jenseits.

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