Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1868-06-15 · 12 (15.6.1868) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
12 (15.6.1868)
Date
1868-06-15
Page
Seite 95 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9050333-9094778-9051213--0898-9051220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

halben eingeführt. Zwei Personen aus der Armenverwaltung . sammelten die Beiträge der Wohlthäter ein, die Vertheilung wurde von drei Perstncn vorgenommen (Pea 8, 7). Verlo- > rene Sachen wurden, wie bei uns, in der Synagoge und! auch in den zu jener Zeit sehr besuchten Lehrhäusern ausge- , rufen (Baba Mezia 8). Zum Schlüße seien noch einige polizeiliche Maßregeln aufgeführt. Das Eckstück des Feldes, welches nach mosaischem Gesetze für die Armen stehen blieb, durfte von diesen weder mit der Sichel geschnitten noch mit der Hacke ausgegraben, sondern blos mit der Hand abgepflückt werden, um Schlägereien | und Verletzungen zu verhüten (Pea 4, 4). Damit die Haus- > thiere nicht in fremden Feldern weiden, sollte man in ganz Palästina kein Kleinvieh, in Jerusalem keinen Hahn halten, in bewohnten Gegenden keine Tauben ziehen (Baba Kama 79). Diese Bestimmungen waren kaum ausführbar, und wurden auch umgangen. Ein zu weit ausgedehnter Schutz des Eigenthumsrechts läßt sich in der Praxis nicht ausführen. Es war verboten, einen Hund aufzuziehen, wenn er mcht an eine Kette gebunden war (ibid), man sollte keinen wilden Hund im Hause behalten und keine wankende, gebrechliche Leiter im Hause aufstellen; denn es heißt in der Schrift: du sollst keine Blutschuld an deinem Hause hasten lassen (ibid 15. Ketuboth 41). Die Inden sind Demokraten. Die „Kreuzzeitung" hatte in einer Schlußbemerkung zu ihrem Referat über die Versammlung der demokratischen Gesellschaft darauf hingewiesen, daß eine große Anzahl von Israeliten an der Discussion wie an der Versammlung selbst theilgenommen hätten. Darauf ist ihr mit der Unterschrift „Ein Jude" folgende drastische Zuschrift zugegaugen: „Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie heben es in Ihrer letzten Nummer als bezeichnend hervor, daß der größte Theil der Redner und Zuhörer in der demokratischen Volksversammlung im Concerthause aus Juden bestanden habe. Ich will dies gern zugeben, aber wundert Sie denn dies? Sie, der Sie, wie Ihre ganze Partei den Grundsatz haben: Erst kommen wir, daun kommen wir noch einmal, und dann kommt das Volk noch lange nicht!? . . . Freilich sind Sie unsere guten Freunde, wenn es gilt, Sich bei unseren Diners und Soupers dick und voll zu essen und zu trinken, oder uns anzupumpen (und nachher nicht zu bezahlen); freilich scheuen Sie unsere Gemeinschaft nicht, wenn eS gilt, Comite's für industrielle Unternehmungen zu bilden, weil es da ein schönes Stück Geld zu verdienen gibt! Aber alle diese Freundschaftsbezeugungen können uns wahrlich nicht verlocken, uns einer Partei, wie der Ihrigen, anzuschließen, und so dürfen Sie Sich ferner nicht wundern, wenn Sie Juden in großer Anzahl an demokratischen Versammlungen theilnehmen sehen, wohl aber würde ich Ihr Erstaunen gerechtfertigt finden, wenn Juden so hirnverrückt wären, sich an conservativen Vereinen zu betheiligen. Ich hoffe, Herr Redakteur, daß Sie mir die Ehre schenken werden, in einigen Worten auf diese meine Aeußerungen einzugehen." Correlpondenzen. Brünn. Der israel. Zeitbote, Kalender für das Jahr 5629 mit literarischen Beigaben. V. Jahrgang. Prag, Schmelkes. —. Sowohl in seinem kalendarischen als im literarischen Theile reiht sich dieser Jahrgang seinen Vorgängern würdig an. Der kalendarische Theil hat neben den unerläßlichen Märkteverzeichniffen und der Wetterprophezeiung noch andere praktische Beigaben, die ihn für die Geschäftswelt empfehlenswert machen. Der literarische Thell hat neben der gewöhnlichen Kalenderkost, als: Humoristisches, Anekdoten rc., einige Gedichte und Erzählungen, aus denen wir S. Heller's Gedicht „Heilige Einfalt" und die Humoreske „Schiduchimsorgen" als recht gelungen hervorheben. Die talmudische Biographie, ein stehender Artikel des „Zeitboten", den wir in den frühern Jahrgängen lieferten, dießmal aber wegen überhäufter Berufsgeschäfte nichtfortsetzen konnten, ist in diesem Jahrgange durch die Lebenosiizze R. Jochanan b. Sakai's von S. Heller, jedenfalls die bedeutendste Arbeit im ganzen Büchlein, vertreten. Herr Heller hat sich der Auffassung der von ihm behandelten intercffMten Persönlichkeit von Seiten der jüdischen Historiker angeschlossen, und mit Geschick und Geist die betreffenden Quellen zusammengestellt. Der dichterischen Begabung des Verfassers hat der behandelte Stoff einen lieblichen poetischen Anhauch zu verdanken, eine neue Anschauung über Jochanan b. Sakai und seine Zeit wird jedoch durch diese Arbeit nicht gewonnen. Auch hätten wir die Beschreibung des fingirten Leichenbegängnißes und der Audienz bei Vespasian, Momente, die schon in der gegebenen Form höchst interessant sind, ausführlicher und treuer nach den Quellen behandelt gewünscht. — Die beigegebenen Bildnisse von S. L. Rappoport und Oberrabbiner Dr. Meisel, deren kurze biographische Skizzen beigefügt sind, können dem Kalender, dem wir eine starke Verbreitung wünschen, nur zur Empfehlung gereichen. —1t— Wien. Am letzten Donnerstag starb in Vöslau der hiesige Rabbiner, Herr Lazar H o r w i tz im Alter von 64 Jahren. Der Verstorbene hatte vor einigen Monaten eine höchst gefährliche Krankheit glücklich überstanden und man gab sich der Hoffnung hin, er werde noch Jahre lang der Gemeinde erhalten bleiben; um so schmerzlicher war die allgemeine Theilnahme bei der Nachricht von seinem Tode. Rabbiner Horwitz war wegen seines klugen, bescheidenen, leutseligen und toleranten Wesens eine allgemein beliebte und hochgeachtete Persönlichkeit. Aus einer Gelehrten - Familie abstammend, die seit Jahrhunderten berühmte Männer aufzuweisen hatte, Enkel des gelehrten und scharfsinnigen Frankfurter Rabbiners Pinkas Horwitz, besaß auch er ein hervorragendes lalmudisches Wissen, mit dem er viele anderweitige Kenntnisse vereinigte. Er war ein vorzüglicher Hebräer, und die vielen von ihm im Kochbe-Jizchak und andern periodischen Werken veröffentlichten literarischen Arbeiten zeigen den tüchtigen Denker und ernsten Forscher. Im Jahre 1830 unter Mannheimer von der Wiener Gemeinde für Entscheidung ritueller häuslicher Fragen ausgenommen, und ohne allen Einfluß auf den öffentlichen Eultus, wußte er sich durch seine Kenntnisse wie durch sein Verständniß und Würdigung der Zeitverhältnisse zeigendes Betragen, Geltung und Anerkennung als Rabbiner zu verschaffen, als welcher er auch nicht bloß bei der Gemeinde, sondern auch von Seiten der Behörden betrachtet wurde. Sein religiöser Standpunkt war ein vermittelnder und versöhnender, wie auch sein Charakter ein milder und liebenswürdiger war. — Ruhe seiner Asche! Locale und auswärtige Dothen. Brünn. Der verstorbene Reichstags-Abgeordnete Dr. Mühlfeld hat sich durch sein humanes Streben für die Gleichberechtigung aller Confessionen in den Herzen aller Israeliten Oesterreichs ein unzerstörbares Monument der Verehrung und der Dankbarkeit gesetzt, und es ist natürlich, daß sein Tod in jüdischen Kreisen allgemeine schmerzliche Theilnahme erregte. Diesem Gefühle wurde in vielen Gemeinden der österreichischen Kronländer Ausdruck gegeben. In manchen Gemeinden wurden besondere Trauergottesdienste abgehalten, in andern wurde des edlen Verstorbenen bei der Seelenan-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.