Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 12 (15.6.1868)
- Date
- 1868-06-15
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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94 als sei der ganze Brauch als ein heidnischer zu unterlassen (Tosifta Sabbath 8). Man kannte noch andere jetzt übliche Anstandsgebräuche. Man sollte anklopfen bevor man in ein fremdes Zimmer trat (Rabba, Leviticus 5), gewiß aus dem Grunde, um nicht durch seinen plötzlichen Eintritt die Leute zu überraschen (Pesachim 112). Der Talmud erzählt, daß in Rom die Kranken auf den freien Markt gesetzt wurden, damit die Vorübergehenden für sie beten mögen (Chulin 60). Die Geschichte der Römer erzählt ebenfalls, daß die Kranken in die Tempel der Götter oder in den Pvrticus getragen wurden, und die Vorübergehenden gaben die ihnen aus der Erfahrung bekannten Mittel für die Krankheit an (8ueton m Tiberio Cap. 2). Nach Herodot und Strabo war diese Sitte besonders bei den Babyloniern heimisch, und auch die Egyptier und andere Nationen des Alterthums sollen sie gekannt haben. In häuslichen Festlichkeiten und öffentlichen Belustigungen erkennt man leicht den Volkscharakter. Bei den Juden hatten sie meistens einen religiösen Anstrich, und dankten auch dem religiösen Sinn ibren Ursprung. — Die Erstlingsfrüchte wurden mit vieler Feierlichkeit nach Jerusalem gebracht (Bikurim 3). Am Passahabend war ein wahres Familienfest, den Kindern gab man Nüsse und andere Leckerbissen, damit sie nicht einschliefen, zuletzt riß man sich zum Scherze um die ungesäuerten Brote. (Pesachim 109; daher mag das Entwenden be$ plpfix seine Entstehung haben.) — Die Tage zwischen dem Neujahrs- und Versöhnungsfeste im Jubeljahre waren für die freigewordenen Sclaven Festtage, da saßen sie mit Kronen auf ihren Häuptern, und wurden gastlich bewirthet (Rosch-Haschana 8). — Ein ähnliches Fest hatten auch die Römer. — Am Lauberhüttenfeste brachte man die Palmzweige in den Tempel, mit denen die Leute scherzweise einander schlugen.— Dieser Brauch wurde später wegen der leicht zu entstehenden Gefahren wieder aufgehoben (Sukka 42). — Ein wahres Volksfest war die Feier des Wasserschöpfens in den Halbfeiertagen des Lauberhüttenfestes. Musik, Gesänge, Fackelzüge, Illuminationen, gymnastische Spiele u. dgl. trugen das Ihrige zur Belustigung des Volkes bei. (ibid. 51.) In Galiläa wurden auch am Rüsttage des Versöhnungsfestes Gastmähler abgehalten. (Aboda sara 5.) — Auch mancher Festtage fremder Nationen geschieht im Talmud Erwähnung. Es werden mehrere Festtage der Babylonier und der Perser angeführt, deren Bedeutung jedoch schwer zu enträthseln ist; von römischen Festen werden genannt tfTOp (Calendae), mnfiD (Saturnalia), DWp (Quartesima, oder wie manche glauben von KepSo;, einem Beinamen Merkurs) 03 (Geburtstagsfeier Yevecia).—Von einem sonderbaren Feste, welches angeblich alle 70 Jahre in Rom gefeiert wurde, gibt der Talmud (Aboda sara 11) folgende Beschreibung: Man ließ einen fehlerlosen nackten Menschen (so möchte ich *T7TTK *133 verstehen) aus einem Lahmen reiten, setzte jenem den Schädel des Rabbi Jsmael auf, behing ihn mit Gold und Edelsteinen, und der Pöbel rief vor ihm her: Der Bruder unseres Herrn ist ein Betrüger —, wer's sehen will, sieht es, wer's nicht sehen will, sehe es nicht, was nützt dem Betrüger sein Betrug, was dem Fälscher seine Fälschung. — Der Schluß lautete: Weh dem, wenn der (der untere) sich erhebt! — Nach Raschi war dieses plumpe Spiel eine posthume Entschädigung Esau's für die von seinem Bruder erlittenen Unbilden; Rappoport (rVfc “pp Art. YX) sieht darin ein säcularisches Fest zu Ehren eines römischen Kaisers und zur Beschimpfung seines Gegenkaisers. (Die geistreiche Erklärung dieses ausgezeichneten Kritikers hat die Aufmerksamkeit der Forschung auf diese schwierige Stelle gelenkt, und es geschieht, nach unserer Ansicht, dem Werthe derselben kein Abbruch, wenn auf deren Grundlage — Mjn TS DM3 weiter gesehen und weiter gegangen wird. Namentlich scheint uns die sprachliche Erläuterung noch nicht erschöpft. Rappoport übersetzt “1N332 Tp “p — „Mehrheit der Herrscher ist Unding"; allein “p bedeutet eher Zahl als Mehrheit, und ‘TfiD32=falsator eher Betrüger als Unding oder Täschung. — Wir erlauben uns eine neue Erklärung dieser Stelle der Beurtheilung des gelehrten Lesers vorzulegen. — Der eine oder der andere Talmudist hatte wahrscheinlch das Fest in Rom selbst mit angesehen, und mit eigenen Ohren den Ruf des Volkes gehört , er mußte natürlich das Lateinische verstanden haben, und wenn auch nicht der ganze Ruf, blieb ihm doch der erste Satz desselben nach seiner Originalfassung im Gedächtniß, *1?IÖ32 'Tp “p ist ein nach der damaligen römischen Volkssprache, mit Gräcismen vermischter lateinischer Satz, und lautet: soc. (ius) xuptou falsator, von dem der folgende mnx die wortgetreue aramäische Uebersetzung ist. Herr Rabbiner Rappoport, dem ich diese Erklärung brieflich mittheilte, wies vor einigen Jahren in einem Schreiben an mich auf das “j in -p hin, was nach meiner Deutung nicht passe. Da jedoch das lateinische o bald durch ein 2 bald durch ein ¥ wiedergegeben werden muß, so war leicht eine Verwechslung möglich, überdieß verhärtet der gräcisirende Ausdruck sonst gerne das lateinische weiche c in das harte k. Auffallend fanden wir es auch in dem erwähnten Artikel, daß Rappoport die Worte Raschi's nicht in der gehörigen Aufeinanderfolge citirt, und dadurch DIN der unrichtigen Auffassung derselben zeiht. Raschi hat )Vyb 23F : 'Tp- und meint bestimmt s'2p und nicht pp, demnach ist auch in seinen frühern Worten zu lesen 313 ppn fnttflT während das weitere '131 33F DK133als ein späterer Zusatz erscheint, veranlaßt durch den umgekehrten Jrthum. Von dem Worte s13DN getäuscht, las Jemand pp anstatt pp, und wollte demnach den Sinn erklären. Raschi wollte jedoch sagen: Die Rechnung, die sich der Herrscher (eigentliche Bedeutung von xupio;) machte, war eine falsche. Schon der Mosaismus hat manche Polizeigesetze, manche Bestimmungen über öffentliche Ordnung, die aber sicher für das wirkliche Staatsleben nicht ausreichten; es mußte den Zeitverhältniffen Rechnung getragen werden, und in der Praxis machten sich fremde Einflüsse geltend. Der Talmud überliefert uns in dieser Beziehung manches Beachtenswerthe. Es geschieht der Einrichtung der Posten Erwähnung (Sabbath 19), welche nach Maimonides (Hilchoth Sabbath 6, 20) regelmäßig organisirt waren. — Dieses Institut heißt TXHD, eine Corruption aus Boridah oder Barid, was im Arabischen und Persischen „Post" bedeutet. — Die Verschönerung der Städte war eine Hauptaufgabe der Verwaltung (Baba Bathra 24), besonders aber wurde auf Reinlichkeit gesehen. — Die Gassen Jerusalems wurden täglich ausgekehrt (Pesachim 7), Schindereien, Gärbereien und Begräbnißplätze mußten wenigstens 50 Ellen von der Stadt entfernt sein (Baba Bathra 25). Die größte Ehre gebührt dem Herrn, daher sollte kein Hans höher gebaut werden als die Synagoge, nur Glocken und Thürme durften höher stehen. Man hatte auch eine Marktordnung. Die Gemeinde setzte die Taxen für Viktualien fest, bestimmte Maß und Gewicht, ja sogar den Preis des Taglohns — (Baba Bathra 8). Unter der Taxe zu verkaufen, war, wie manche behaupten, nicht gestattet, während Andere der Meinung sind, es sei dieß nur lobenswerth, weil die Concurrenz den Markt belebt Xjnrb nmü Kirr (Baba Mezia 60). Fremde Handelsleute dursten nur an Markttagen kommen, um Geschäfte zu machen, mußten aber einen Marktstand haben, das Hausiren war ihnen verboten (Baba Bathra 22). Lebensmittel mußten feilgeboten und durften nicht angehäuft werden, trifft doch schon nach der Bibel (Sprüchw. 11, 27) der Fluch des Volkes den Kornwucherer. Aus Palästina durften keine Lebensmittel ausgeführt werden, nur der Wein machte, wie Rabbi Juda ben Betra behauptet, eine Ausnahme, weil der Ueberfluß an diesem Artikel nicht immer vortheilhaft sei (ibid 90). Indessen mochte dieses Ausfuhrverbot wie so manches andere nur zu gewissen Zeiten ertheilt worden sein. Der Handel erträgt nicht immer solche Beschränkungen, und wir wissen auch, daß z. B. sehr viel Oel von Palästina ausgeführt wurde (Menachoth 85). Armeninstitute waren allent-