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Das Abendland · 1868-06-15 · 12 (15.6.1868) · p. Seite 90

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
12 (15.6.1868)
Date
1868-06-15
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 und sieben Genoffen übrig. Sie erbauten den Thurm! von Eholula und wollten ihn bis an den Himmel erhöhen; doch die Götter, darob erzürnt, sandten Feuer vom Himmel, das ihren Bau zerstörte und verwirrten ihre Sprache. Bei den Mechoakanern ging die Sage: Als das vierte Weltalter im Diluvium sein Ende fand, rettete sich Tezpi oder Teo Cipaetli, der Liebling der Götter, mit Weib und Kindern und verschiedenen Thieren in einem Kahn. Der Gott Tezcatlipoca zerstreute die Gewäsier und ließ den Kahn landen auf der Spitze des Berges Colhuacan. Da schickte Tazpi einen Geier aus, daß er ihm Kunde bringe, wie es auf der Erde aussehe; doch der Geier kehrte nicht wieder; er wollte nicht von dem Aale weichen, das die Fluth in großer Menge zurückgelassen. So erging es dann Tezpi noch mit manchem anderen Vogel, bis er einen Colibri fliegen ließ, der mit einem grünen Zweige im Munde zurückkam. Nun verließ er den Kahn um sich umzusehen auf der Erde.*) Bei den späteren nordischen Einwanderern, den Chichemeken, ging die Sage: die Riesen, welche aus Steinen, die vom Himmel gefallen, entstanden waren**), baten ihre göttliche Mutter, Omecihuatl, um Diener. Diese rieth ihnen, sich von Mictlanteuctli Menschenknochen zu holen. König Lolotl übernahm diesen Auftrag. Er ließ aber auf dem Rückwege einen Knochen fallen, der in zwei Stücke zersprang. Die Niesen besprengten sie mit ihrem Blute***) und es entstanden ein Knabe und ein Mädchen aus demselben, die sie mit Disteln nährten undderen Abkömmlinge ihnen als Sklaven dienten. Zwei derselben stürzten sich einst, sich selbst den Göttern opfernd, in ein großes Feuer und gingen daraus als Sonne und Mond hervor. Aus Neid darüber geriethen die Riesen mit den Menschen in Streit, die mit der Vernichtung jener endete. Das erste Menschenpaar, das aus Knochen entstanwar, hatte sechs Söhne. Einer derselben Tenoch, war der erste, der Städte baute. Zur Verherrlichung der Feste, die jene ersten Menschen dem Tezkatlipoka zu Ehren, der die Gewässer des Diluviums im vierten Zeitalter zerstreute, feierten, ließ dieser Musik aus dem Sonnenhause holen****), zu welchem Behufe er eine Brücke aus Walisischen und Schildkröten dorthin errichtete. Unter dieser Brücke ist, nach meiner Vermutung, der Regenbogen zu verstehen, der einerseits wegen seiner Wölbung, die ihn gleichsam als Pfeiler des Himmels erscheinen läßt, durch das starke Knochen- und Schalengerüste dieser Thiere versinnlicht wird, und der anderseits wegen seines Farbenspiels, das sich auf ähnliche Weise an den Wallsischen zeigt, wenn sie an die Oberfläche des Meeres kommen und die Sonne sich auf ihrem Rücken spiegelt, sowie auch an der Schale der Schildkröte sichtbar ist — durch diese Thiere seine bildliche Darstellung findet. Man könnte noch weiter gehen in der Annahme, diese Mythe veranschauliche die Verbindung der Begrisie von Glanz und Schall. Aehnliches weist Grimm — Deutsche Mythologie, 429 — nach. Alle 52 Jahre befürchteten die Mexikaner den Untergang der Welt durch das Feuer und die bösen Geister der Luft. Am Ende der fünf Schalttage ward daher das Feuerfest Xiuhmolpiah (Band der Jahre) gefeiert. Man löschte überall das Feuer aus, bewahrte sorgsältig Weiber und Kinder, daß sie nicht in Thiere verwandelt werden und zerbrach Geschirre, Geräthschaften und Kostbarkeiten. Abends begaben sich die Männer auf den Berg Huixachta, wo um Mitternacht auf der , *) Vgl. z. Bish. Müller, Geschichte der Urreligion Amerika's 508 ff. Humböldt, Monuments .. 148 . . D. Cord. II. 124 ff. Prescott II., Anhang; Clavigera I. 49; Aut of Mex, PI. 7—20. **) Auch bei den OnaidaS und Karaiben geht die Sage, daß Menschen aus Steinen entstanden seien. — Müller, 110, 229. Analog die Mythe von Denkalion und Pyrrha. ***) Davon rührt der Gebrauch der Blutentziehung als Opfer bei den mex. Priestern her. Dasselbe übten auch die Priester der Bellona in Rom am 24. März, welcher „Bluttag" genannt ward. — Hartung, Religion der Römer II., 271; Gleiches auch bei den Priestern des Baal. — B. d. Könige I., 18—28. ****) Vermöge gleicher Jdeenassoziation war Apollo Sonnengott, Musaget und'Gott der Töne. ' Brust des zu Opfernden vermittelst zweier Hölzer das neue Feuer entzündet ward. Das Auflodern der Flamme war das Zelchen, daß die Götter diesmal die Welt verschonten. Mit lautem Freudengeschrei wurde das neue Feuer überallhin getragen. Im I. 1506 feierte man das letzte Fest dieser Art.*) Die Volkssage, die Morgendämmerung, welche den Anbruch des hellen geschichtlichen Bewußtseins ankündigt und dieses als irisirende Nebelhülle noch lange begleitet, wird für den scharfblickenden Forscher, der aus der Morgenröthe den Tag erkennt und berechnet, den sie einleitet, und mitten im schillernden Dunstkreis den Lichtkern erschauet, zu einer gar bedeutsamen Quelle historischer Einsicht. Gleiches gilt in nicht geringem Maße von der mexikanischen Sage. Sie löst unzweifelhaft die gewichtigen Fragen des Physiologen und Culturhistorikers nach der Abstammung der amerikanischen Rasse E Sie befestigte in A. v. Humbold die Ueberzeugung: -N0 doit ou pas reconnaitre les traces d’une origine commune partout, on les idees cosmogoniques et les premieres traditions des peuples offrent des analogies frappantes jusque dans les moindres circonstanees!**) Sie windet also um die Bibel — die heiligste Urkunde des Menschengeschlechtes, neue Kränze. Wenn in dem Sagenkreise irgend eines Volkes in der alten Welt biblische Reminiscenzen an- und nachklingen, so finden wir es natürlich und die Berührungspunkte naheliegend. Aber im Herzen Amerikas, das bis vor wenigen Jahrhunderten außerhalb unsers Horizontes, ja sogar unserer Ahnung lag, die ältesten biblischen Traditionen ganz kenntlich, zuweilen in unveränderter Gestalt auftauchen zu sehen, das muß wohl mit Staunen und Ehrfurcht erfüllen. Unschwer ist es, aus den angeführten Sagen, die biblische Erzählung von der Schöpfung, dem Sündenfall, der Sündfluth, Thurmbau und Sprachverwirrung in den Hauptzügen herzustellen. Man braucht nur einige Umrisse zu verschieben und von der landes- und volksthümlichen Färbung abzusehen. Wir erkennen in den beiden ihrer äußeren Erscheinung nach so ganz verschiedenen Kindern Cihuacoatl's — Kajin und Abel, in dem Abpflücken der verbotenen Blumen — die Frucht vom Baum der Erkenntniß; in der Sage, daß die ersten Menschen sich von Disteln nährten— die Schriftstelle 3—17; wir begegnen den und in den Kämpfen der Riesen mit den Menschen — (ähnlich Giganten und Titanen bei den Griechen, Rymthussen bei den Skandinaviern) — dem f) Dkn ]HxPI in der Selbstopferung zweier Menschen, deren Entrücktwerden in den Himmel und dem Kampfe, der aus Neid hierüber entbrannte — dem Streite zwischen Kajin und Abel. Man könnte auch die Entstehung der Menschen aus Steinen mit der Erschaffung derselben aus Erde, und die Entstehung eines Knaben und eines Mädchens aus zwei Stücken eines Knochen mit der Erschaffung Eva's aus der Rippe Adams vergleichen-Pf) Welche Uebereinstimmung erst in der Erzählung vom Diluvium! Da haben wir Noach, Arche Ararat, Rabe, Taube und Oelblatt, so wie den vom rettenden Gotte eingesetzten Regenbogen nur mutatis mutandis; ebenso in der Sage vom Thurmbau zu Cholula und der darauffolgenden Sprachsonderung. Das Auflodern der Flamme beim Feste Tiuhmolpiah als ein günstiges Zeichen der Götter betrachtet, findet ebenfalls Parallelstellen in der Bibel. — Richter 6, 11; 13, 20; Könige I, 18, 24. Aber noch weit merkwürdiger und überraschender ist die Uebereinstimmung einiger von jenen mex. Mythen mit Erzählungen und Deutungen aus dem rabbinischen Schriftthum. Für die Sage von den Zeitaltern oder eigentlich Welten, die *)Vgl. Clavigero I., 363,420,432, Prescott, I., 99,432, II. Anhang; Humboldt, Monuments 180 ff., Müller 516, 545. **) Vues des Cord II. 178. t) rosty m Dfcn (Rabba Beresch. 31.) „Die Erde war voll Gewaltthat" — das ist Blutvergießen. -s-s) Der erste Städteerbauer Tenoch ist namensverwandt mit Chanoch dem Sohne Kajins, nach welchem dieser die erste Stadt, die er erbaute, nannte. —

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