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Das Abendland · 1868-06-01 · 11 (1.6.1868) · p. Seite 87

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
11 (1.6.1868)
Date
1868-06-01
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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— 67 tücttit er unvermuthet in einen Freundescirkel trat, wo er immer durch seine bekannte Liebenswürdigkeit das Gespräch in allen möglichen humoristischen Wendungen anregen konnte. Aus dieser kurz gehaltenen Schilderung seines ganzen Wesens und Charakters läßt es sich leicht erklären, daß die sämmtliche Gemeinde bei der eingangs meines Briefes erwähnten Feier anwesend war, um dem doppelten Jubilar ihre herzliche Theilnahme zu bezeigen, —; aber durch das Walten der göttlichen Vorsehung — und möglicherweise in Folge der überstandenen übermäßigen Aufregung, wurde der so Gefeierte zwei Tage nach diesem Feste ernstlich krank, und trotz der schnell angewandten Hilfe von vielen aus der Fremde eingetroffenen Doctoren verschied derselbe, wie schon bemerkt, am 20. April, im Beisein fast der sämmtlichen Gemeinde, bei vollem, ungetrübten Bewußtsein. — Der Schmerz der zurückgebliebenen Gattin und einzigen Tochter ist, wie Sie sich denken können, ein großer, unbeschreiblicher! — Aber, wenn ja etwas im Stande ist, den Schmerz einigermaßen zu lindern, so hat es gewiß in hohem Maße die bewiesene Theilnahme bei dem Leichenbegängniße gethan, das am 22. Nachmittags unter Betheiligung der sämmtlichen Bevölkerung stattgefunden hat. — Man kann mit vollem Rechte die Art dieser Betheiligung, eine noch nie dagewesene nennen, und Sie werden es gerne zugeben, wenn ich Ihnen dieselbe einigermaßen zu beschreiben versuchen werde. An dem Trauerzuge betheiligte sich nämlich, abgesehen von der vollzähligen jüdischen Gemeinde, auch die sämmtliche Einwohnerschaft des Ortes und ganze Schaaren aus der Umgegend, ebenso wie die meisten Gemeinden und Dörfer durch Deputationen vertreten waren.— Der Magistrat und Gemeinderath waren in corpore anwesend, — sämmtliche Zünfte und Innungen waren vollzählig erschienen und begleiteten den Leichenzug mit Wachsfackeln. Die Spitzen der Behörden, der hiesige Herr Dechant, die meisten Pfarrer und Cooperatoren der ganzen Umgegend, sämmtliche Honoratioren und Herrschaften des Bezirkes, — sogar die in Parade erschienene Sicherheitswache — gaben dem Verblichenen bis zum Grabe das letzte Geleite. — Die Trauer war so allgemein und so groß, daß alle Handlungen und Geschäfte im Orte, ja alle öffentlichen Häuser in den Straßen, die der Leichenzug zu passiren hatte, aus eigenem, freiwilligen Antriebe geschlossen wurden. — Die Trauerorduer hatten Mühe, den unübersehbaren Zug und die Menschenmassen in Ordnung zu halten, die alle gekommen waren um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. — Den Sarg trugen der Reihe nach die Aeltesten der Gemeinde, die jüdische Gemeinderepräsentanz, dann der christliche Magistrat, die vornehmsten Bürger des Ortes, die nächsten und entfernteren Anverwandten rc. rc. und man stritt sich förmlich um die Ehre, Hand an dem Sarge anlegen zu dürfen. —■ Bor der Behausung des Verblichenen hielten unser verehrter Herr Rabbiner, und an dem Grabe selbst der Herr Rabbiner aus Kottesö tiefergreisende Trauerreden, in deren Analyse ich wegen Mangel an Raum nicht näher einzugehen vermag, aber sie enthielten alles das, was die öffentliche Meinung von jeher über den Verstorbenen dachte und urtheilte; und als man mit trauererfülltem Herzen von seiner letzten Ruhestätte schied, jagte sich jeder, daß man einen Mann zu Grabe getragen, den, in unserer Mitte zu ersetzen, nur wenigen Auserwählten beschieden sein mag. Friede und Ruhe seiner Asche! E. T. Bre slau, Ende Mai. Zu meinem Leidwesen hatte ich Ihnen in der ersten Hälfte des Wonnemonats nur wenig Wonnigliches aus hiesiger Stadt mitzutheilen; um so mehr freue mich, daß mein zweiter Maibericht in einem bessern Verhältnisse zur schönen Jahreszeit steht. — Da habe ich vor Allem die Ernennung des hochverehrten Herrn Seminardirectors Dr. Z. Frankel zum Ehrenmitgliede der Alliance israeläte universelle, die in diesen Tagen erfolgt ist, zu berichten. Diese Ehre ist um so höher anzuschlagen, als nur noch drei Männer außer Frankreich derselben gewürdigt sind. — Eine zweite Ernennung, die besonders in hiesigen Seminarkreisen freudigst ausgenommen wurde, ist die des Dr. Vogelstein als Rabbiner unk» Prediger zu Pilsen. Derselbe war, wie ich seiner Zeit gemeldet habe, zu den Osterseiertagen zu einer Probepredigt berufen worden und hatte, wie voraus zu sehen, bald Aller Herzen gewonnen, so daß er einstimmig gewählt wurde. So hätten denn bereits zwei aus dem Breslauer Seminar hervorgegangene Rabbiner im schönen Böhmen eine ehrenvolle Anstellung gefunden; der erste war Dr. Frank in Saaz. Die segensreiche Wirksamkeit Beider läßt wohl erhoffen, daß bald noch mehrere Gemeinden Böhmens dem Beispiele von Saaz und Pilsen folgen und Schüler Frankels zu ihren religiösen Oberhäuptern erwählen werden. — Bei Gelegenheit der feierlichen Entlassung der Candidaten aus dem hiesigen Seminar hat der H. Director schon zn wiederholten Malen den Wunsch geäußert, daß die jungen Rabbinen alljährlich bei ihm zusammenkommen möchten, um die in ihren Wirkungskreisen gemachten Erfahrungen gegenseitig auszutauschen und zu besprechen. Wie ich nun erfahren habe, soll Ende Juni die erste derartige Rabbinenversammlung hier stattfinden. Ich werde seiner Zeit nicht ermangeln, Ihnen das Nähere darüber mitzutheilen. — Vom Seminar hätte ich nun noch zu melden, daß die Anstalt zum Sommersemester einen recht erfreulichen Zuwachs an Hörern erhalten hat, sowie endlich, daß zum Wochenfeste Dr. Goldberg, ein Ungar und bereits zum Abiturienten designirt, nach Großwardein zu einer Probepredigt eingeladen worden ist. — Am 7. d. M. feierte der als Numismatiker, wie als Orientalist rühmlichst bekannte Prof. Dr. M. A. Lewy sein 25Mriges Jubiläum als Lehrer an der ersten Religionsschule der Synagogen-Gemeinde, wobei dem Jubilar von dem Cultusvorstande, sowie von seinen zahlreichen Schülern und Schülerinen vielfache Beweise der Hochachtung und Dankbarkeit zukamen. Auch Herr Landrabbiner Gedalja Tiktin, der am 24. Mai 1843 sein Amt angetreten hat, hatte sich zu seinem Jubiläum, das er in dieser Woche einer Familientrauer halber in aller Stille feierte, mannigfacher und allseitiger Aufmerksamkeiten zu erfreuen. — Noch einer Feierlichkeit möchte ich erwähnen, die am Sabbat vor dem Wochenfeste in der großen Synagoge stattgefunden hat. Dr. Joel confirmirte nämlich am genanten Tage, wie alljährlich, die Mädchen. Nach einem einleitenden erhebenden Gesänge hielt Dr. Joel eine der Bedeutung der Festlichkeit angemessene Ansprache an die Confirmandinen, worauf diese ihr Religionsbekenntniß ablegten. Hierbei entwickelten dieselben ein Redetalent und eine solche Fülle von religiöser Gelehrsamkeit, daß kein Prediger der Welt ihrer Reden sich zu schämen brauchte. Sie erzielten darum auch nicht die beabsichtigte Wirkung, indem jeder unbefangene Zuhörer im ersten Augenblick erkannte, daß Mädchen von 12 bis 14 Jahren unmöglich solch' tiefe Religionsphilosophie begriffen und in sich verarbeitet haben konnten. — Ich mag mich hier nicht des Weitern über den Werth oder Unwerth der Mädchen-Confirmationen in der Synagoge auslassen, — die Meinungen hierüber sind eben sehr verschieden, - nur eine Bemerkung die sich mir bei der beschriebenen Feier aufdrängte, sei mir hier erlaubt: der Confirmand soll wissen, was er als Jude zu glauben und zu thun hat; macht aber der Lehrer ein Paradepferd aus ihm, um Bravouren mit ihm auszuführen, so verfehlt er gänzlich seinen Zweck, die ernste Feier wird — zur Komödie. — H. K. Locale und auswärtige Notizen. Brünn. Von Herrn Dr. N. Brüll, Rabbiner in Bisenz, ist erschienen: Rede aus Anlaß der glücklichen Entbin-

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