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Das Abendland · 1868-06-01 · 11 (1.6.1868) · p. Seite 84

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
11 (1.6.1868)
Date
1868-06-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 gehabt. Ich habe vor vielen Jahren einmal ein Schauspiel entworfen, dessen Inhalt eine Art von Analogie mit meinen gegenwärtigen Streitigkeiten hat, die ich mir damals wohl nicht träumen ließ. Wenn Du und Moses es für gut findet, so will ich das Ding auf Subscription drucken lasten. . . . Ich glaube eine sehr interestante Episode dazu erfunden zu haben, daß sich Alles sehr gut soll lesen lasten. Schlagt nur das Decameron des Boccaccio auf: Giornata 1 Nr. HI. und ich will gewiß den Theologen einen ärgeren Posten damit spielen, als mit zehn Fragmenten." Schon drei Jahre früher, bald nach seiner Rückkehr von der italienischen Reise, hatte Lessing das vor langer Zeit angelegte Stück, desten erste Anfänge in seine früheste Jugendperiode zurückreichen, vollends aufs Reine bringen und drucken lasten wollen. Jetzt suchte er es wieder einmal vor, einmal weil ihm die Subscription die Geldmittel zur Behauptung seiner Freiheit verschaffen sollte, und weil er mit dieser Dichtung „nach einigen kleinen Veränderungen des Plans, dem Feinde (wie er sich ausdrückte) auf einer andern Seite in die Flanke zu fallen gedachte." Da man durchaus verlange, daß er von einer Arbeit feiern solle, die er ohne Zweifel nicht mit der dazu nöthigen frommen Verschlagenheit betrieben habe, so müsse er versuchen, „ob man ihn, wie er an Elise Reimarus schrieb, wenigstens auf seiner alten Kanzel, auf dem Theater, ungestört predigen lassen wolle." Sein Bruder ergriff die Idee mit Lebhaftigkeit und spornte ihn eifrig zur Ausführung dieser „geistlichen Komödie" an, von der Lessing im voraus schrieb „die Theologen aller geoffenb arte n Religionen würden zwar innerlich auf das Werk schimpfen aber es wohl bleiben lassen, sich öffentlich dagegen zu erklären". Uebrigens hatte er ganz und gar keine Lust seinen theologischen Kampf gegen Goeze und Consorten fallen zu lasten, und dieser „dramatische Abftmittg" sollte, so hoffte er, seiner eigenen Sache im Geringsten nicht schaden, für den er gerade um dieselbe Zeit mit seiner „Neuen Hypothese übe r die Evang elisten als bloß menschliche Schriftsteller betrachtet", nach den leichten Scharmützeln mit Goeze „das erste Treffen seiner Hauparmee" in den Kampf zu führen bemüht war. (Stahr.) Zunächst galt es also Subsistenzmittel zu schaffen für den Fall eines Schlages, der ihn um sein Bibliothekariat in Wolfenbüttel bringen konnte, denn unter dem Deckmantel dieses Amtes, unter dem Vorgeben, die „Fragmente eines Unbekannten" unter den Handschriften der Wolfenbüttler Bibliothek gefunden zu haben, war diese so angefeindete Schrift in Druck erschienen. Götze wußte hinter sich das ganze festgegliederte, wenn auch geistig beschränkte, doch privilegirte Theologenthum seiner Zeit, eine große Schaar mächtig verpanzerter Goliathe, gegen die aber die Kiesel von Lessing's Schleuder hageldicht flogen. Zu jener Zeit verlor Leffing mit seinem ersten Kind auch sein geliebtes Weib, doch lähmte sein großer Schmerz nicht seine Kraft zum Kampf gegen den Hauptpastor Goeze und die hinter ihm stehende Schaar von Gläubigen, die wie überall so auch in diesem Falle den feigsten Unglauben an den Bestand und die Kraft ihres Glaubens bewiesen, indem sie die Regierung und parteiische Gesetze sparagraphen zu Hilfe rufen mußten, und das braunschweigische Ministerium aufforderten, gegen Leffing einzuschreiten, worauf das Ministerium auch nichts Eiligeres zu thun hatte, als die Lessing zugestandene Censurfreiheit zurückzunehmen und der Waisenhaus-Buchhandlung in Braunschweig zu befehlen, nichts mehr von Leffing zu drucken, ohne es vorher dem Ministerium zur Durchsicht vorgelegt zu haben. Doch Leffing ließ sich nicht einschüchtern. Angefeindet und verketzert von zahllosen Gegnern, allen die Stirn bietend, allen gegenüber siegreich in einer Polemik, die noch heute das Entzücken aller edlen und freien Geister ist, gibr er endlich seinem Volke, nein, gibt er der ganzen Menschheit mit seinem Nathan das Evangelium jener Humanität, deren Beispiel sein ganzes Lehen gewesen war und hinterläßt der Nachwelt ein Vermächtniß, in dessen vollen Besitz sich zu setzen die Aufgabe kommender Jahrhunderte und Jahrtausende erscheint. Aus dem Leben der talmudischen Zeit. Eine Studie vom Redakteur. (Fortsetzung.) Bei Tische wurden die üblichen Anstandsregeln beobachtet; so wurde es als eine Unart angesehen, Alles aufzuessen, was auf den Teller vorgelegt wurde, man mußte einen kleinen Rest stehen lassen (Erubin 53), den Medern wird besonders Urbanität beim Essen nachgerühmt, sie aßen nicht wie manche rohe Völker das Fleisch aus der Hand, sondern schnitten es auf dem Tische; Aehnliches wird an den Persern gelobt (Berachoth 8). Es wurde für höchst unanständig gehalten, auf der Gasse zu essen, wer dieß thut gleicht dem Hunde (Kiduschin 40). War zu Jerusalem in einem Hause eine große Mahlzeit, so hängte man ein Tuch vor die Thüre, als Zeichen für die Gäste, daß sie kommen mögen (Baba Bathra 93). Die Beschreibung der damaligen Kleidertracht, zu welcher der Talmud ein reichliches Material liefert, wird einem eigenen Artikel Vorbehalten, hier sei blos bemerkt, daß Wäsche und Kleider, wie bei uns mit dem Namen des Eigenthümers, gezeichnet wurden (Kelim 9, IO). Einen tiefen Einblick in das Leben eines Volkes gewähren seine Gebräuche bei wichtigen Familienereignissen. Beginnen wir, wie der Mensch selbst, mit der Geburt. Das Geschäft der Beschneiduug verrichtete in der Regel ein Wundarzt (Aboda Sara 26). Dieser Brauch verdiente auch in! unserer Zeit Nachahmung; diese wichtige Operation sollte, wo es nur immer möglich ist, von sachverständigen jüdischen Aerzten vorgenommen werden, in manchen Ländern ist es sogar Gesetz, daß ein Arzt bei der Beschneidung gegenwärtig sein müsse. Die Kinder wurden meistens nach den verstorbenen Großältern genannt, was in den biblischen Zeiten nicht der Fall war (Rabo Genes. 37); häufig auch nach noch lebenden ausgezeichneten und verdienten Männern. Nach der Beschneidung wurde ein Festmahl gegeben. Zur Zeit der Religionsverfolgungen, wo die religiösen Vorschriften im Geheimen ausgeübt werden mußten, galt in Burni (eine Stadt in der Nähe von Akko) das Klappern mit der Handmühle als ein Zeichen, daß die Operation der Beschneidung vorgenommen werde, in Berur Chail hatte man wieder ein Zeichen, durch Lichter, daß man sich zum Festmahle begebe (Sanhedrin 32, siehe '"an und 'Din daselbst). Bei Verlobungen und bei Uebergabe der Brautgeschenke wurden ebenfalls Festmahlzeiten abgehalten (Pesachim 49). Bei der Hochzeit einer Jungfrau theilte man den Kindern geröstete Körner aus. Die Braut wurde zur Trauung mit herabwallendem Haarschmuck geführt, auch hatte sie noch ein Ehrenzeichen, XteWI genannt (offenbar von hymen abstammend, ein Symbol der Hochzeit), über dessen Beschaffenheit schon die Talmudisten selbst nicht einig waren, Einige hielten es für einen Schleier, Andere für einen Myrthenkranz (Kei thuboth 159). In früher» Zeiten wurde dem Bräutigam eine Krone aufgesetzt, und bei der Hochzeit wurde ein eigenes Instrument aus Erz (DlTK^aereus) gespielt. Die beiden letzterwähnten Bräuche wurden im Vespasianischen Kriege abgeschafft (Gitin 7). Die römischen Imperatoren setzten bekanntlich die Todesstrafe auf das Tragen kaiserlicher Insignien, ja sogar auf die Benützung kostbarer Stoffe; da konnten solche Gebräuche leicht zu Denunciationen und Gefahren führen, daher das Verbot von Leiten der jüdischen Gelehrten.

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