Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 11 (1.6.1868)
- Date
- 1868-06-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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83 von diesem Momente an ein Wohlthäter der Juden. Diese und ähnliche Erzählungen gehören wohl ins Gebiet der Sagen. (Forts, folgt.) «andglolstn zu Lessiiig - „Nathan -er Weise." Von Leopold Wolf in Prag. I. Es ist ein eigentümliches Spiel des Zufalls, daß eine Reihe von Neu nern in den Jahreszahlen des vorigen Jahrhunderts uns die Geburtsjahre der glorreichsten Geister deutscher Nation bezeichnen. Es war das Jahr 1758, in welchem Schiller: das Jahr 1748, in welchem Goethe; das Jahr 1738, in welchem Schubert, der Sänger der Fürstengruft und der Gefangene von Hohenasperg, und das Jahr 1728, in welchem Lessing und Moses Mendelssohn geboren wurden, jener am 22. Jänner zu Camenz im Königreich Sachsen in der Lausitz dieser am l2. September zu Dessau. Als sie noch im schönsten Alter, im Jahr 1764 in Berlin sich kennen lernten — sie waren damals 25 Jahre alt — da hatten sie schon beide die schwersten Kämpfe überstanden, Kämpfe mit der Noth, Kämpfe mit dem religiösen Vorurtheil. Der Sohn des Camenzer Predigers Lessing und noch mehr der des Deffauer Schulmeisters Mendel entbehrte des unerschöpflichen Beutels, der ihrem Belieben allezeit das „Tischchen deck dich" herbeigezaubert hätte, sie hatten beide, um mit Friedrich Albrecht (Vortrag über Moses Mendelssohn) zu sprechen fick vorwärts gehungert. Mendelssohn, der mit den größeren Entbehrungen zu kämpfen gehabt hatte, sah sich zu dieser Zeit «schon vor Sorgen geschützt, in einer auskömmlichen Stellung und ging immer günstigeren Verhältnissen entgegen. Der kleine, unansehnliche Jüngling, dem eine schwere Krankheit wohl die leibliche Kraft, aber nicht die Kraft des Willens und eifrigen Strebens gebrochen hatte, war als Lehrer in das Haus des Seidenfabrikanten Bernard eingetreten, um es nicht wieder zu verlassen. Er wußte sich so nützlich, ja unentbehrlich zu machen, daß Bernard ihn schließlich zum Geschäftstheilnehmer erhob. Der einseitige Jude, der dem Sohne des rechtgläubigen Thoraschrcibers anerzogen worden war, hatte frühe schon dem ernsten, gewissenhaften Denker weichen müsien, der seine Religion nicht in Satzungen suchte, über welche die Parteien mit einander streiten, sondern in dem, was die Menschen vereinigt, das ist in der Gesinnung, die gegen jegliche Glaubenszumuthung das Recht der Freiheit versucht, und die wahre Einheit nicht in der Einerleiheit eines Dogmenzwanges, sondern bei aller Mannigfaltigkeit des Denkens und Glaubens einzig in der alle Merr schen umschließenden Liebe findet. Die herrlichen Gedanken und Grundsätze, die in Mendelssohns Phädon und Jerusalem begraben liegen, sind in Lesüngs Nathan wieder auferstanden, und predigen fortan die Glaubenswahrheiten des echten Menschenthums allem Volk. Wie sehr aber auch diese Mendelssohn'schen Schriften auf Lessing eingewirki haben mögen, noch mehr wirkte auf ihn des Freundes Persönlichkeit. Was von der Liebe gilt, gilt auch von der Freundschaft. Soll sie dauernd sein und Segen bringen, so müssen Zwei in ihrem Wesen sich ergän. zen, und dieses war bei diesen zwei Geistesheroen der Fall. Man kann sich nicht leicht zwei Männer von so auffallender Verschiedenheit bei gleichem Endziel ihres Strebens denken, als Mendelssohn und Lessing. Der schwächliche und unam sehnliche Mendelssohn war schüchtern, znrückstehend, geduldig, sanft, friedliebend, selbst wenn angegriffen, nur mit Schonung abwehrend, immer zur Versöhnung geneigt. Lessing dagegen em gewandter Lebemann von stolzem Wuchs und edler Haltung, trat mit einer Sicherheit auf, die von Selbstbewußtsein zeigte. Lessing's äußere Erscheinung war die glücklichste Entsprechung seines ganzen inneren auf harmonische Einheit angelegten Wesens; so schildert ihn uns Dr. Karl Schiller, deffen liebevolle Pietät die einzelnen Züge von Lessing's äußerer Erscheinung aus dem Munde von Lessings Stiefkindern sammelte (— S. den Aufsatz: ..Lessing's Persönlichkeit" in s der deutschen Reichszeitung vom 30. December 1853 Beiblatt zu Nr. 229), um sie Ritschel, dem Schöpfer des Leffing's- Standbildes, zur Benützung bei seiner Arbeit zu überliefern. Nichts in seiner äußeren Erscheinung zeigte den stubensitzenden Gelehrten, sondern Alles, bis auf die sorgsam gewählte, überaus saubere Kleidung, die ihm bei seiner edlen Haltung und seiner wohlgebildeten Figur sehr Wohlstand, den lebenssicheren, seiner selbst gewissen, harmonisch gebildeten Mann. „Seine Unterhaltung, sagt Mendelssohn, war eine unversie gende Quelle, aus der man unaufhörlich neueJdeen desSchönen und Guten schöpfen konnte, die er wie gemeinesWasser umsich spru« delte zu Jedermanns Gebrauch. Die Milde, mit welcher er seine Einsichten mittheilte, setzte zuweilen in Gefahr das Verdienst zu verkennen, denn sie schien ihn in keine Unkosten zu setzen, und seine geistige Mildthäti gkeit war nie von der engherzigen Art mancher Reichen, die es fühlen lassen, daß sie Almosen ausspenden; sondern er spornte den Fleiß an und ließ verdienen, was er gab." „So stand — sagt sein Biograph Stahr von ihm, in Lessing der Mensch auf gleicher Höhe mit dem Denker, Dichterund Schriftsteller. Sein Herz war so groß wie fein Verstand, und die Vereinigung beider erzeugte das Größte, was dem Menschen zu besitzen beschieden ist: den großen in sich vollendeten Charakter." Während nun Mendelssohn beobachtend und sinnend am Ufer blieb, warf Lessing sich frisch in den Strom des Lebens, während jener sich gern in sich selbst zurückzog oder im Kreise weniger gleich strebsamer Freunde Belehrung suchte, mischte sich dieser ins wogende Gedränge. Während jener in seiner Lebensweise die vorsichtigste Ordnung einhielt, hatte dieser Zei-! ten, wo er im Taumel der Leidenschaften sich selbst vergessen zu haben schien. Aber Mendelssohn und Lessing liebten beide die Wahrheit. Während jener nie ein Wort sprach, das nicht Ausdruck seiner Ueberzeugung war, konnte dieser oft einen Satz aufstellen und vertheidigen, den er verwarf, nur um Andere auszuhorchen und neuen Grund für seine Ueberzeugung zu gewinnen. Und während jener jeglichen Streit, na» mentlich um religiöse Meinungen, zu vermeiden suchte, stand dieser allezeit schlagfertig, um ritterlich jeden Kampf anzunehmen und zu Ende zu fechten, der ihm irgendwoher angeboten wurde. Ist Mendelssohn das nicht zu verkennende Urbild des Nathan, so finden wir im Templer und in Sa ladin die ritterlichen, geistvollen, lebens- und kampfeslustigen Züge, die uns unwillkürlich an Lessing erinnern. Der Sohn des Pastors zu Camenz hätte nie den Nathan schreiben köm nen, wenn er sich nicht zuvor durch seine Polemik mit Götze über die Fragmente aus den Banden des confessionellen Lutherthums herausgekämpft hätte. Sein Nathan war die Frucht seines Kampfes, fein Sieg und Triumph. Das Zetergeschrei der Theologen über die Bekanntmachung der Fragmente und die geheimen Machinationen der Goeze und Consorten für ein polizeiliches Einschreiten gegen den Herausgeber derselben, ließen es Lessing räthlich erscheinen die Möglichkeit eines üblen Ausganges der Sache ins Auge zu fassen, und sich für einen solchen Fall vorzubereiten. Am 11. August 1778, während der Kampf zwischen ihm und Götze am heftigsten wüthete, schrieb er an seinen Bruder: „Noch weiß ich nicht, was für einen Ausgang mein Handel nehmen wird. Aber ich möchte gern auf jeden gefaßt sein. Du weißt wohl, daß man das nicht beffer ist, als wenn man Geld hat, so viel man braucht, und da habe ich diese vergangene Nacht einen närrischen Einfall *