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Das Abendland · 1868-05-15 · 10 (15.5.1868) · p. Seite 78

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
10 (15.5.1868)
Date
1868-05-15
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 „In der wohlbegründeten Voraussetzung, daß die Tüchtigkeit des an unserem Institute wirkenden Lehrkörpers, daß die glänzenden Erziehungs-Resultate, die hier erzielt, weithin gekannt, und dankbar anerkannt sind, glauben wir des im abgelaufeuen Schuljahre dieser Anstalt gewordenen Lobes von Fachmännern nicht erwähnen zu dürfen. Sprechen wir ja doch zu hochgeschätzten Gönnern, die seit vierzehn Jahren diesem Asyle die wärmsten Sympathien entgegentrugen, und die selber die Ueberzeugung theilen, daß wirkliche Verdienste um das Wohl der Menschheit und nicht Ruhmredigkeit dieses Werk der Liebe auferbaut haben! „Aber desto lebhafter und eindringlicher möchten wir das Wort zur Erweckung und Steigerung der Theilnahme ergreifen! Mögen unsere Glaubensgenossen, deren Ruhm von jeher die Barmherzigkeit und der Wohlthätigkeitssinn waren, diese einzige Zufluchtsstätte der unverschuldet unglücklichen jüdischen Taubstummen nicht aus Mangel an Unterstützung verkommen lassen! Das Scherflein, das diesem Institute zugeführt wird, ist wirklich ein Samenkörnlein, das im nährenden Boden sich füllt, um zur reichen Aehre aufzuschießen. Was Sie diesem Schooße anvertrauen, das erblüht zum dauernden Heile und gereicht zum Segen für Sie, unseren Glaubensbund, und zur Ehre Israels als wahrhaftes Kidusch haschem. Gewiß! Wir brauchen nur das Letztere zu betonen, um der Erhörung unserer Bitte sicher zu sein!" Prag, 12. Mai. Die gute alte Zeit, in der so viele Geister sich in die tiefen Schachten des Talmud senkten, wobei die Einen hellglänzende blitzende und strahlende Diamanten herauf holten, die andern, wenn auch nichts zu Tage fördernd, in dem vom Gesänge begleiteten Auf- und Absteigen Befriedigung und Belohnung fanden: diese gute alte Zeit, nach der so manch' wahrhaft frommes Gemüth sich innigst zurücksehnt, und die mancher Heuchler mit trügerischen Worten und Seufzern zurückwünscht, diese gute alte Zeit scheint wieder in Prag aufdämmern zu wollen. Ein Talmudthora-Verein hat sich hier gebildet, an dem fast alle unsere Prediger und Religionslehrer, mehrere achtbare Kaufleute und tüchtige Talmudkenner Theil nehmen. Der Verein ist eigentlich erst im Entstehen, und kann, wenn die Leiter den nöthigen Takt besitzen und die Theilnehmer Anstand und Würde bewahren, viel Gutes wirken. Was ich unter Takt verstehe, läßt sich schwer definiren und liegt in den speciellen Verhältnisien unserer Gemeinde und der einzelnen Persönlichkeiten, Verhältnisse, die den Leitern nicht unbekannt sein können. Was Anstand und Würde betrifft, verweise ich auf das uralte Reglement der Mischna (Aboth. V, 7). Näheres über diesen erst im Entstehen begriffenen Verein zu reseriren behalte ich mir auf eine spätere Zeit vor; heute wollte ich blos das Factum mittheilen und durch obige Bemerkungen den Theilnehmern das cavcant oonsulcs in's Gedächtniß rufen. —r. Prag, 12. Mai. Am 12. d. M. wurde Herr Marcus Zappert, ein Abkömmling jener berühmten und hochangesehenen Familie Prags, die wegen ihres Reichthums, ihrer großen Wohlthätigkeit und ihres gemeinnützigen Wirkens in hiesiger Gemeinde einen unvergeßlichen ruhmvollen Namen trägt, zur Erde bestattet. Der Verstorbene war in jeder Beziehung seiner Abstammung würdig, sein edles Gemüth, seine strenge ungeheuchelte Frömmigkeit und sein leutseliger Sinn erwarben ihm die allgemeine Achtung, welche sich auch bei seinem Leichenbegängniße in hohem Maße kund gab. Eine unübersehbare Menschenmenge gab ihm das Ehrengeleite. Am sogenannten Badehose hielt Herr Religionsprofeffor M. Adler eine ergreifende Leichenrede, in der er die Verdienste und Tugenden des Dahingeschiedenen hervorhob. am Gottesacker gab Herr vr. Hoff, Prediger der Pinkasshnagoge, deren Vorsteher der Verblichene durch viele Jahre war. und um deren vor einigen Jahren bewerkstelligten Restaurirung und Verschönerung er sich bedeutende Verdienste erwarb, der allgemeinen Theilnahme den geeigneten Ausdruck. Der Verstorbene hinterläßt einen einzigen Sohn und mehrere Töchter, von denen die älteste an Herrn Moritz Unger, einem biedern, talmudisch und wissenschaftlich gebildeten Mann, verheiratet ist. — a— Eid litz (Böhmen), am 3. Mai. „Wenn es je einem Sterblichen beschieden war, noch in i der Vollkraft seines Daseins das Gefühl des Scheidens von Allem, was ihm lieb und theuer war, im Voraus zu empfinden; so fühle ich es in der Stunde, da ich scheiden soll von meiner geliebten Gemeinde, der ich durch 38 Jahre die besten Kräfte meines Lebens gewidmet; scheiden soll von diesem Gotteshause, in dem ich oft in den Stunden der Andacht das göttliche Wort verkünden durfte, scheiden soll von Euch, meine Lieben und Theuern! deren treuer Hirte und Freund ich vom ganzen Herzen gewesen. Einem Vater gleich, der sterbend Abschied nimmt von seinen Kindern, stehe ich heute da schmerzdurchbebt, da ich Euch zum letzten Mal um mich versammelt sehe, um Euch für immer segnend Lebewohl zuzurufen". — Mit diesen ergreifenden Worten begann unser hochverehrter Rabbiner. Herr Marcus Fürth, seine Rede, als er am 8. Tage des jüngstverfloßenen Osterfestes zum letzten Mal die Kanzel bestieg. Achtunddreißig Jahre ist er seiner Gemeinde ein treuer Lehrer und redlicher Freund gewesen; nicht blos wegen seiner innigen Frömmigkeit und talmudischen Gelehrsamkeit, die auch weit über die Grenzen seiner Heimat anerkannt wird, sondern mehr noch ob seiner echten Humanität und wahren Herzensgüte wurde er von seinen zahlreichen jüdischen wie christlichen Bekannten hoch verehrt, von seinen Gemeindemilgliedern wie ein Vater geliebt. Nimmermehr hätte er uns früher verlassen dürfen, als bis es einst dem Herrn über Leben und Tod gefallen hätte, ihn zu sich zu rufen: aber ein böses Geschick entriß ihm im vorigen Jahre seine Gattin, mit welcher er durch 53 Jahre in glücklichster Ehe gelebt hatte, er fühlte sich plötzlich vereinsamt und verlassen, die traute Heimlichkeit des innigen Familienlebens, die ihn bisher beglückte, war für immer vernichtet und dahin, und es duldete ihn nicht länger mehr am Orte feines früheren Glückes trotz der vielen Beweise von liebevoller Theilnahme, die ihm von allen Seiten dargebracht wurden; er entschloß sich nach langem Kampfe, Eidlitz zu verlassen und in Prag bei seiner daselbst wohnenden Tochter die wohlverdiente Ruhe nach einem so thätigen Leben zu genießen. — Nach dem Vorangeschickten war es wohl erklärlich, daß die sehr geräumige Synagoge am letzten Ostertage die Zahl derer nicht zu faffen vermochte, die den theuern Lehrer noch einmal sprechen hören wollten. — Vieler Augen wurden feucht, noch bevor der ehrwürdige Greis mit zitternder Stimme das erste Wort gesprochen hatte, und als er im Verlaufe seiner Rede auf die langen Jahre seiner Amtsführung hinwies und Aller derer in Wehmuth gedachte, die während dieses Zeitraums aus seiner Gemeinde ins bessere Jenseits hinübergegangen; als er betheuerte, daß nur der Eifer für Gott und seine heilige Lehre, nur die lauterste Liebe zu seiner Gemeinde ihn in allen seinen Handlungen geleitet; als er um Verzeihung bat, wenn er doch irgend Einen unbewußt gekränkt oder beleidigt habe, so wie auch er Allen die versöhnende Hand reiche, die ihn einmal nicht verstanden und darum ungerecht beurtheilt hätten; als er hierauf Allen dankte für das Vertrauen und die Unterstützung, die ihm in seinem heiligen, schwierigen Amte zu Theil geworden; seine Gemeinde zur Einigkeit ermahnte,

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